Galerienrundgang: Berlin im Rausch der Kunst
Die Skulptur „Vertical Highways - Progression 03, 2023“ bringt Leitplanken zum Tanzen.
Foto: Courtesy Bettina Pousttchi und Buchmann Galerie, Berlin, Foto: Michael SchultzeBerlin. Es ist mal wieder eine Ballung von Kunstterminen. Die Berlin Art Week bietet Vernissagen und Veranstaltungen, die man an einem verlängerten Wochenende kaum aufnehmen kann. Im Mittelpunkt stehen die Herbstausstellungen von über 51 Galerien mit frischer Kunst.
Drum herum bieten Museen und Ausstellungshäuser ein vielfältiges Programm. Es reicht von der Munch-Ausstellung in der Berlinischen Galerie bis zu Performances, Workshops und Öffnungen an über 30 Orten von der Neuen Nationalgalerie bis zu Privatsammlungen wie Boros, Feuerle, Kienzle und Ivo Wessel.
Darüber hinaus gibt es noch einen Separatauftritt von 40 Galerien in einem „Gallery Weekend Festival“ im Studio Mondial am Kurfürstendamm (16.-17.9.). Für den, der das alles nicht schafft, ist immerhin ein Trost, dass die meisten Galerie-Ausstellungen noch bis weit in den Oktober laufen.
In den Galerien triumphiert die Vielfalt mehr als in den vergangenen Jahren. Große Geschütze fährt die Galerie Hetzler an ihrem Stützpunkt in den Mercator-Höfen auf. Die Ausstellung mit Skulpturen und Zeichnungen des 78-jährigen Amerikaners Paul McCarthy ist der „Knaller“ der Art Week. Die große Halle ist mit 18 zum Teil farbigen Skulpturen besetzt: eine Passage sarkastischer figurativer Arbeiten, in der ein gelöcherter und geritzter Torso in Fiberglas eine einschüchternd große Travestie auf den Bildhauerkollegen Henry Moore ist.
Auch an Spott über den Zeitgenossen Jeff Koons fehlt es nicht, wenn dessen Skulptur „Michael Jackson and Bubbles“ in eine klotzköpfige und fußklumpige Sitzfigur verwandelt wird. Ein Bronze-Exemplar dieser Plastik hat schon 2008 bei Christie’s 2,2 Millionen Dollar erlöst. In furiosen Zeichnungen arbeitet sich der produktive Künstler mit drastischen Kopulationsszenen am Thema Adolf Hitler und Eva Braun ab. Die Preise liegen zwischen 120.000 Dollar für die kleinen Zeichnungen und 1,2 Millionen Dollar für die großen Skulpturen (bis 21.10.).
Das riesige Legobild „The Last Supper in Green“ de- und rekonstruiert Leonardos berühmtes „Abendmahl“.
Foto: Ai Weiwei. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin / Foto: Jens ZieheDirekt daneben debütiert bei Judin der Deutsch-Russe Alexander Basil mit 25 Gemälden unterschiedlichster Formate, von denen vor der Vernissage schon zwei Drittel verkauft waren. Es sind Werke in hellen Brauntönen mit surrealem Einschlag. In fast jedem der Bilder sehen wir einen Klon des Malers. Es scheint so, als wolle der sich seiner Männlichkeit versichern, wenn er sich häutet, fragmentiert, mit Dummy verdoppelt oder unter einer Glasglocke sitzt. Ein Vexierspiel, in dem der im Raum fixierte Körper seine malerische Identität findet. Die Preise liegen zwischen 3000 bis 36.000 Euro (bis 28.10.).
Das gesamte Galerieprogramm spannt sich von Paula Modersohn-Becker bis zu neuesten Perspektiven der abstrakten Kunst, die die Galerie König in ihrem Showroom präsentiert. Altbewährte Stammkünstler haben in dem heterogenen Auftritt der führenden Galerien ihren sicheren Platz.
Vitalität durch Dekonstruktion
Eigen & art hat dem Leipziger David Schnell seine achte Einzelschau ausgerichtet. Es sind 13 Gemälde unterschiedlichster Formate. Davon ziehen die großen Leinwände mit ihrer Vogelperspektive auf kleinteilige Stadtstrukturen das Auge in die Bildfläche hinein. Nicht minder suggestiv wirken ein monochromes Interieur und eine in die Tiefe ziehende Fantasielandschaft. Kostenpunkt: zwischen 35.000 und 170.000 Euro (bis 28.10.).
Bettina Pousttchi ist bei Buchmann Dauerseller. In ihrem vielgestaltigen Werk spielt die Skulptur eine Hauptrolle, nicht zuletzt die in den letzten Jahren aus Leitplanken entwickelte Serie der vertikalen „Highways“. Diese raumgreifenden, tänzerische Figuration suggerierenden Stahlplastiken haben mit ihrer Verformung und Farbfassung ihre industrielle Aura verloren. Sie postulieren Vitalität durch Dekonstruktion. 95.000 bis 210.000 Euro werden erwartet (bis 28.10.).
Die aktuelle „Untitled“-Ölbild-Serie überrascht mit ihrem surrealen Einschlag.
Foto: The artist, Galerie Judin, Berlin, Fotos: Katrin HammerDekonstruktion ist auch das Merkmal der Arbeiten von Mimmo Rotella. Er zählt als italienischer Repräsentant des „Nouveau Réalisme“ zu den bekanntesten der Plakat abreißenden Künstler, die mit ihrer provokativen Bildfindung die Konsum- und Medienwelt kritisierten. Von den großformatigen Werken, die in der Galerie Kewenig faszinieren, hat eine mit dem ironischen Titel „Vera arte“ bedachte Décollage eine geradezu suggestive Ausstrahlung. Sie zeigt das dreifache Tizian-Bildnis der Salome. Die Preise bewegen sich zwischen 90.000 und 260.000 Euro.
Auf die unterschiedlichen Kulturen der Anden, des Amazonas und des Westens verweisen die Arbeiten von Antonio Paucar bei Barbara Thumm. Für diese Ausstellung hat der Peruaner als Hommage an die Textilkunst der Anden aus Alpakafäden geknüpfte Wand- und Bodenwerke geschaffen. Sie wirken zugleich meditativ und energisch.
Energische Botschaften aus Peru
Das energetische Moment ist einer der Hauptantriebskräfte des Künstlers, der in einem Video mit verbundenen Augen eine über ihm kreisende Drohne niederzuschlagen versucht. Von visueller Kraft und kritischer Brisanz geprägt ist eine Lehminstallation. Sie weist mit ihren Schwundrissen und in Nudelbuchstaben aufgelegten Spruchbändern auf die prekäre Lebenssituation der peruanischen Indigenen. Thumm erwartet Preise in Höhe von 4800 bis 38.000 Euro (bis 13.10.).
In ihrer fünften, den Werken von Ai Weiwei gewidmeten Ausstellung zeigt die Galerie Neugerriemschneider an ihrem Standort Christinenstraße großformatige Legobilder einer Serie, in der weltberühmte Kunstwerke wie Leonardos Abendmahl, Monets raumfüllende „Wasserlilien“ oder Jackson Pollocks Dripbild „One: number 31“ von 1950 „de- und rekonstruiert“ werden.
Die Explosion der Erdgaspipeline Nord Stream 2 wird aus einem Pressebild in eine Lego-Komposition verwandelt. Hier wird Weltkunst und Zeitgeschichte zum Vehikel einer Reproduktionskunst. Sie tobt sich mit dem Anspruch, den Kunstkanon gesellschaftspolitisch aufzuladen, marktfördernd aus. Diese Kolossalbilder sind Musterbeispiele jener benutzten Aura, die Walter Benjamin in seiner Abhandlung über das reproduzierte Kunstwerk kritisiert (bis 30.3.2024).
Eine mit zahlreichen Leihgaben bestückte Augenweide ist die Modersohn-Becker-Schau bei Wolfgang Werner. Hier sind Gemälde zu Preisen zwischen 420.000 und 1,6 Millionen Euro sowie Zeichnungen aus allen Schaffensphasen versammelt. Stark vertreten sind Porträts der Frühzeit und die Kohle- und Kreidezeichnungen der Pariser Jahre. Anlass der Ausstellung ist das Erscheinen des Werkverzeichnisses der Zeichnungen Paula Modersohn-Beckers, das nach 25-jähriger Forschungsarbeit von Anne Röver und Wolfgang Werner im Hirmer Verlag erschienen ist und über 1400 Werke erfasst (bis 28.10.).
Galerien in den Wilhelm-Hallen enttäuschen
Die Ausstellungen in den Reinickendorfer Wilhelm-Hallen sind in diesem Jahr weniger spannend. Das Defilee der Galerien enttäuscht, bis auf wenige Ausnahmen. Es herrscht ein starker Kontrast zwischen Raum beherrschenden Riesenformaten und kleinteiligen Pinselwerken. Heraldische Lichtsignale setzen zwei von Mehdi Chouakri im großen Saal aufgestellte Leuchtinstallationen von John Armleder. Sie wirken als Augenfänger mit dem Aplomb, der in den angrenzenden Hallen rar ist.
Parallel zum Galerieprogramm läuft in Tempelhof die Messe „Positions“, die in ihrem zehnten Jahr keinen schlechten Eindruck macht. Die besten der rund 100 Aussteller finden sich im Hangar 6. Dort hat der Berliner Jörg Maaß seinen Stand. Sein Hauptwerk ist Max Beckmanns Selbstbildnis mit steifem Hut im dritten Druckzustand für 95.000 Euro. Bei Brockstedt begeistert das Ensemble erstrangiger Zeichnungen und Aquarelle von Horst Janssen zu Preisen zwischen 16.000 und 68.000 Euro.
In der Galerie Commeter überzeugen die minutiösen Wolkenzeichnungen von Li Trieb, die 4500 Euro kosten. Beste der hier auftretenden fünf mexikanischen Galerien ist Proyectos Monclova. Sie macht mit den leuchtend roten Pastellen von Nestor Jiménez Furore. Kostenpunkt: bis 7500 Dollar. Ansonsten gibt es hier wieder eine Fülle hyperrealistischer Gemälde und Handzeichnungen, die eine spezielle Sammlergemeinde anspricht (bis 17.9. in Hangar 5 und 6 des Flughafens Tempelhof).