Indien: Wie der eigenwillige Partner des Westens tickt
Es ist nicht leicht zu verstehen, wie das bevölkerungsreichste Land der Welt Indien tickt, wohin es will und was von ihm zu erwarten ist.
Foto: The Image Bank/Getty ImagesBangkok. Indiens Widersprüchlichkeit wird selbst der Regierung des Landes manchmal zu viel: Als die Weltöffentlichkeit vor wenigen Wochen zum G20-Gipfel auf die Gastgebermetropole Neu-Delhi blickte, ließen die Behörden die Armenviertel der Hauptstadt teilweise abreißen oder mit Bauplanen abdecken. Der Anblick der Slums passte nicht zur Erzählung von der boomenden Wirtschaftsmacht, die Premierminister Narendra Modi über seine Heimat verbreiten möchte.
Dabei ist man es von dem Sowohl-als-auch-Land Indien eigentlich gewohnt, dass es selten ein kohärentes Bild abgibt. Gegensätze sind Indiens Markenzeichen. Die Rikscha-Fahrer in Delhi, die mit 200 Euro im Monat über die Runden kommen müssen, sind genauso Realität wie die Lamborghinis der IT-Elite, die sich in den Straßen von Bangalore aneinanderreihen.
Als die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft ist Indien, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, immer noch einer der ärmsten Staaten der Welt. Einerseits gelingen dort technologische Höchstleistungen – als erst viertes Land überhaupt landete Indien kürzlich auf dem Mond. Andererseits sind irdische Probleme wie die extreme Luftverschmutzung noch ungelöst.
Und während sich die Regierung in Neu-Delhi als zuverlässiger Partner für den Westen in Asien bewirbt, macht sie ungeniert weiter Geschäfte mit Russland – und füllt mit ihrem massenhaften Öleinkauf Wladimir Putins Kriegskasse. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie das bevölkerungsreichste Land der Welt tickt, wohin es will und was von ihm zu erwarten ist.
Der Indologe und Soziologe Oliver Schulz liefert mit seinem Buch „Neue Weltmacht Indien“ jedoch einen aufschlussreichen Erklärversuch, der die vielen Facetten leicht verständlich zusammenbindet.
Schulz konzentriert sich dabei auf die Konflikte und gesellschaftspolitischen Problemfelder, die das Indien des 21. Jahrhunderts prägen. Anhand persönlicher Reiseerfahrungen erzählt er von extremer Armut, Vergewaltigungen, dem Tabuthema Homosexualität, der bis heute anhaltenden Ausgrenzung der „unberührbaren“ Dalits, dem Dauerstreit mit Pakistan und der zunehmenden Konkurrenz mit China. Am meisten Platz räumt Schulz aber der aus seiner Sicht besorgniserregenden Ausbreitung des Hindunationalismus ein, die untrennbar mit dem Aufstieg Modis verbunden ist.
Als Schlüsselmoment beschreibt er dabei detailliert die interreligiösen Ausschreitungen im Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002. Nach einem Streit zwischen Muslimen und einer Gruppe von in einem Zug reisenden Hindu-Pilgern kam es zu einem Brand, bei dem rund 60 der Pilger getötet wurden. In den Tagen und Wochen darauf erlebte der Bundesstaat eine Welle der Gewalt gegen Muslime. „Die Hindunationalisten vergewaltigen, plündern und töten. Mütter werden aufgespießt, Kinder angezündet, Väter in Stücke gehackt“, schreibt Schulz. Zwei Monate dauerten die Exzesse. „Etwa 1000 Menschen sind danach tot, die meisten Muslime.“
Der heutige Premier Modi war damals der lokale Regierungschef von Gujarat. Ihm wurde vorgeworfen, zu wenig gegen die antimuslimischen Angriffe unternommen oder diese sogar angestachelt zu haben. Die USA verweigerten Modi deshalb ab 2005 die Einreise – unter Verweis auf eine Regelung, wonach Personen nicht zu einem Visum berechtigt sind, „die für ernste Verletzungen der religiösen Freiheit verantwortlich sind“. Erst bei Modis Wahl zum Premier 2014 hoben die USA ihre Einreisesperre wieder auf.
Die Spaltung der Gesellschaft entlang der Religionszugehörigkeit hat seither weiter zugenommen – auch befeuert durch ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, das aus Sicht von Kritikern Muslime gezielt ausgrenzt. Modi schlage aus der Polarisierung Kapital, schreibt Schulz. Mit den Stimmen der hinduistischen Mehrheit kann er bei der Wahl 2024 laut Umfragen mit einer dritten Amtszeit rechnen.
In den USA ist die Kritik weitgehend verstummt. Präsident Joe Biden hofierte Modi im Juni gar bei einem offiziellen Staatsempfang – eine Ehre, die nur den engsten Verbündeten zuteilwird. Die USA haben wie auch Europa die Hoffnung, dass ein Bündnis mit Indien ein Gegengewicht zu China bilden kann.
Deutsche Politiker schweigen zu Menschenrechtslage in Indien
Doch wie sehr westliche Politiker neuerdings die Nähe zu Modi und seiner Partei BJP suchen, die Schulz als „in Teilen auch rechtsextremistisch“ beschreibt, verwundert den Autor. Er verweist dabei auf den Indien-Besuch von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock im vergangenen Jahr. Ihren Amtskollegen, den BJP-Politiker Subrahmanyam Jaishankar, duzte sie dabei freundschaftlich und verwies auf die „Wertepartnerschaft“ beider Länder. Im Gegensatz zum Umgang mit China würden deutsche Politiker bei ihren Indienkontakten in der Regel darauf verzichten, die Menschenrechtslage anzusprechen, kritisiert Schulz.
Kompliziert ist die Partnerschaft aber nicht nur deshalb. Schulz beleuchtet auch Indiens Weigerung, sich der Verurteilung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine anzuschließen. Er erklärt sie unter anderem mit dem traditionellem Bekenntnis zur Blockfreiheit, das bis zur Staatsgründung zurückreicht und bis heute die Außenpolitik prägt. Die Einordnung in historische Diskurse, die Indiens derzeitiges Verhalten verständlicher machen, ist die Stärke von Schulz‘ Buch.
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Etwas zu kurz kommt die Analyse des „Wirtschaftsriesen“, die in nur wenigen Seiten abgehandelt wird. Der rasante Aufstieg zur aktuell fünft- und in wenigen Jahren wahrscheinlich drittgrößten Volkswirtschaft der Welt bleibt eine Randnotiz. Wer nach einem tiefer gehenden Blick auf die indische Wirtschaft sucht, ist mit dem auch in diesem Jahr erschienenen Buch des Princeton-Ökonomen Ashoka Mody („India is Broken“, Standford University Press) besser bedient.
Was beide Werke eint, ist ein skeptischer Blick auf die Erwartung eines indischen Wirtschaftswunders. Schulz spricht von erheblichen Hindernissen bei Indiens Versuch, seine Bedeutung als Wirtschaftsmacht auszubauen, und verweist dabei, wie auch Mody, auf massive Mängel im Bildungswesen. Überzeugend ist auch Schulz‘ Analyse, dass der Westen anerkennen muss, dass Indien primär seine eigenen Interessen verfolgt.
„Ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft, es will sich in keinen Bereich hineinreden lassen“, schreibt Schulz. Eines werde Indien ganz sicher bleiben: „ein besonders eigenwilliger Partner“.