Kommentar: Das Schicksal der deutschen Autoindustrie entscheidet sich in den USA

Die deutsche Autoindustrie steht zunehmend unter Druck.
Foto: dpaFür die deutsche Autoindustrie stellt sich die derzeitige Lage wie folgt dar: Der so wichtige chinesische Markt wird für aus geopolitischen Gründen immer schwieriger. Die Erfolge der deutschen Autobauer in Südostasien einschließlich Indien sind überschaubar. Und der europäische Markt ist mehr oder weniger gesättigt. Eigentlich kommen nur noch die USA als Hoffnungswert infrage.
Auch wenn man Verständnis dafür haben kann, dass Volkswagen, Mercedes und BMW in den vergangenen zwanzig Jahren den Autoboom im Reich der Mitte mitnehmen wollten und konnten. Knapp ein Viertel der weltweit zugelassenen Fahrzeuge wurden auch im ersten Halbjahr 2023 in China abgesetzt. Bei den deutschen Protagonisten liegen die Anteile deutlich darüber. BMW und Mercedes haben jedes dritte produzierte Auto in der Volksrepublik zugelassen. VW kommt sogar auf fast 45 Prozent.
Bei der Eroberung des chinesischen Automarktes waren die Deutschen besser als die anderen westlichen Konkurrenten. Das war zweifelsohne ein riesiger Erfolg. Ein Erfolg aber auch, der zunehmend blind für die Risiken des Marktes machte. Es war sicherlich langfristig strategisch unklug, andere Märkte lange zu vernachlässigen. Dazu gehören vor allem auch die USA.
Und man kann nicht sagen, dass das Problem bei den Topmanagern der Autoindustrie nicht bekannt war.
Ein kleiner Rückblick: In der Mitte der ersten Dekade dieses Jahrhunderts hatte sich Volkswagen eine US-Offensive unter anderem auch mit Dieselautos vorgenommen. Trotz eines neuen US-Werkes blieben die Erfolge überschaubar. Die gigantischen Gewinne in China in der Ära Martin Winterkorn überdeckten eine Zeit lang die Tatsache, dass Volkswagen in den USA nicht wirklich vorankam.
Der Erfolgsdruck erhöhte die Abhängigkeit von China
Doch der Druck auf das Management war enorm, auch in den USA endlich Erfolge zu erzielen. Wohin dieser Druck aufs Management dann führte, ist bekannt: Der Abgasskandal kam im Herbst 2015 ans Licht mit seinen schwerwiegenden Folgen für die Marken VW und Audi in den USA. Das wiederum erhöhte die Abhängigkeit vom Cashflow aus dem Verbrennergeschäft im Reich der Mitte noch mehr.
Und das birgt ein weiteres Problem für die Zukunft: VW und die deutschen Autobauer legen zwar in China im Verbrennergeschäft zu. Aber der chinesische Markt für reine Verbrenner-Autos schrumpft. Auf dem dagegen wachsenden Markt für Elektroautos und Plug-in-Hybride verlieren die deutschen Hersteller permanent an Boden. Diese Mischung ist für die deutsche Autoindustrie brandgefährlich: Volkswagen wächst in China mit den Verbrennern auf einem schrumpfenden Markt. Hingegen schrumpfen die Wolfsburger Marktanteile auf dem Zukunftsmarkt der Elektromobilität.
Auch Mercedes und BMW können da nicht gelassen zuschauen. Denn die chinesischen Autobauer attackieren bei den Elektroautos auf ihrem Heimatmarkt auch im Premiumsegment. Dabei setzen chinesische Autobauer zunehmend vor den deutschen Konkurrenten neueste Spitzentechnologie von Zulieferern wie Bosch und ZF ein. Wenn die immer schneller entwickelten heimischen Fahrzeuge am Ende den teuren deutschen Marken nicht nur preislich, sondern auch technisch überlegen sind, kann das zu einem Trend „Buy Chinese“ führen.
Die chinesischen Autobauer attackieren bei Elektroautos auch im Premiumsegment.
Foto: dpaFakt ist: In der reinen Elektromobilität haben die deutschen Hersteller heute und auch in näherer Zukunft ein nicht zu übersehendes Problem, bei dem Innovationstempo der chinesischen Rivalen mitzuhalten. Nicht zu unterschätzen ist auch der Vorteil der chinesischen Wettbewerber, der durch die eigenen Batteriekapazitäten entsteht.
Vor dem Hintergrund dieser schwierigen Lage in der Volksrepublik wirkt sich jetzt die Vernachlässigung des US-Marktes umso gravierender aus. Bei den Amerikanern wird trotz Tesla die Transformation zur E-Mobilität außerhalb der Metropolen wegen der Weite des Landes langsamer vonstattengehen als in China. Eine bessere Marktposition in Nordamerika wäre ein Chance für die deutschen Hersteller, etwas Zeit und finanziellen Spielraum für die Transformation zur Elektromobilität zu bekommen.
Drei Schlüsselmärkte sind entscheidend
Eine große und rasche Offensive auf dem US-Markt erscheint bei allem Risiko auch auf lange Sicht fast alternativlos – auch wenn die Gefahren, die mit den US-Präsidentschaftswahlen im November 2024 einhergehen nicht zu unterschätzen sind.
Das Schicksal der deutschen Autokonzerne, die lange Jahrzehnte in der besten aller möglichen Welten zu leben schienen, hängt entscheidend davon ab, dass sie in allen drei Schlüsselmärkten stark sind: in Europa, in China und in den USA. Nur dann können sie als globaler Player überleben.
Nicht umsonst spricht die Weltwirtschaft von einer Triade. Und: In den USA lässt sich für die Deutschen zumindest schneller nacharbeiten als in Südostasien, das fest in japanischer und koreanischer Hand ist. Also: Go West!