Ozempic: Was steckt hinter dem Hype um die Abnehmspritze?
Das Diabetesmittel Ozempic hilft auch gegen Fettleibigkeit (Adipositas).
Foto: AP- In den USA sind rund 70 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, in Deutschland ist es mehr als die Hälfte. Bis zum Jahr 2035 könnten Schätzungen zufolge 51 Prozent der weltweiten Bevölkerung fettleibig sein.
- Abnehm-Medikamente sind daher sehr beliebt, die Nachfrage ist hoch. Für Pharmakonzerne wie Novo Nordisk und Eli Lilly heißt das, in ihre Produktionskapazitäten zu investieren.
- Auf dem Markt für Diätmittel ist ein rasantes Wachstum zu erwarten. Darin stecken Chancen für Anleger – welche, erfahren Sie hier.
- Allerdings könnten die neuen Medikamente Nebenwirkungen verursachen. Mit was Patientinnen und Patienten rechnen müssen und für wen die Abnehm-Spritzen geeignet sind, lesen Sie hier.
New York, Düsseldorf, Frankfurt. New York, 646 Park Avenue. Hier an der Upper East Side, unweit des Central Park, empfängt Pankti Patel ihre Patientinnen und Patienten. Die schlanke, junge Ärztin hat sich auf Menschen spezialisiert, die Gewicht verlieren wollen.
Bisher bedeutete das oft eine Operation, bei der Patel den Magen mit einem Band oder einem Ballon verkleinerte, damit sich das Organ auch ohne viel Essen voll anfühlt.
Aber seit einiger Zeit verlangen viele nur noch eines: die neue Wunderspritze Ozempic – das Mittel, das eigentlich für Diabeteskranke gedacht ist, aber auch bei Übergewichtigen die Pfunde schmelzen lässt. „Jede Person, die hier durch die Tür kommt, kennt jemanden, der es benutzt. Und fast alle fragen danach“, berichtet Patel. „Es ist eindeutig ein Hype – auch wenn wir noch nicht wissen, ob er berechtigt ist.“
Abnehmen mit Ozempic: Eine Spritze, die die Welt verändert
Die Upper East Side, in der Patel arbeitet, ist eine der wohlhabendsten Gegenden New Yorks und der gesamten USA. Die Zahl der Übergewichtigen und Diabetespatienten ist hier deutlich niedriger als in anderen Stadtvierteln wie Queens oder der Bronx.
Und doch war ausgerechnet die Upper East Side laut einer Studie des Datendiensts Trilliant Health im vergangenen Jahr die Gegend mit den meisten Verschreibungen für die Diabetes- und Abnehmspritzen in ganz New York: 2,3 Prozent der Bewohner nahmen hier die Mittel – mehr als doppelt so viele wie in anderen Gegenden der Stadt. Und nur ein Viertel davon hatte Diabetes.
Ozempic: Novo Nordisk bietet Variante gegen Adipositas an
Längst hat der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk auch eine Ozempic-Variante auf den Markt gebracht, die eigens auf Übergewichtige zugeschnitten ist. Wegovy heißt dieser Ableger, doch der Wirkstoff ist stets derselbe: Sogenannte GLP-1-Analoga ahmen das Darmhormon GLP-1 nach.
Wenn Nahrung aufgenommen wird, erhöht sie die Menge des von der Bauchspeicheldrüse freigesetzten Insulins, sorgt für ein frühes Sättigungsgefühl – und erstaunlich zuverlässig für Gewichtsverlust.
Relevant ist das nicht nur für die Schönen und Reichen auf der Upper East Side. In den USA sind schon jetzt gut 70 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, in Deutschland mehr als die Hälfte.
Bis 2025 könnten laut Schätzungen der World Obesity Federation drei Milliarden Menschen weltweit übergewichtig oder fettleibig sein und 2035 dann 51 Prozent der weltweiten Bevölkerung, über vier Milliarden Menschen.
Fettleibigkeit (Adipositas) ist wiederum der Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die für ein Drittel der weltweiten Todesfälle verantwortlich sind. Schon wer „nur“ übergewichtig ist, riskiert außerdem, Diabetes Typ 2 zu bekommen, und hat ein höheres Risiko für verschiedene Krebsarten.
Alle Versuche, dieser Zivilisationsgeißel mit Appellen für mehr Sport und gesünderes Essen beizukommen, sind bislang weitgehend gescheitert. Wenn dies mithilfe der GLP-1-Analoga endlich gelänge, wäre es eine medizinische Sensation mit gewaltigen gesellschaftlichen Folgen.
Fettleibigkeit würde von einem oft lebenslangen Stigma zu einer zwar chronischen, aber behandelbaren Krankheit – zumindest für jene, die sich die Medikamente leisten können. Für alle anderen Übergewichtigen könnte die psychische Belastung sogar zunehmen, weil Dicksein noch stärker als bisher mit Armut in Verbindung gebracht wird.
Im vergangenen Jahr haben bereits neun Millionen Amerikaner Ozempic oder ähnliche Medikamente genommen. Die Investmentbank Morgan Stanley schätzt, dass diese Zahl bis 2035 auf 24 Millionen – oder sieben Prozent der US-Bevölkerung – ansteigen wird.
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Die Großbank Barclays zählt die GLP-1-Medikamente zu den großen Themen, die die kommenden Jahre bestimmen werden – zusammen mit Künstlicher Intelligenz, Energiewende und der Neuordnung der Branchen Technologie, Medien und Telekom.
Wer sind die Köpfe hinter den vermeintlichen Wunderspritzen? Halten die Mittel wirklich, was sie versprechen? Und wenn ja: Was wird dann aus Firmen wie McDonald’s oder Coca-Cola, die einen großen Teil ihres Umsatzes mit Menschen machen, die süchtig sind nach Zucker und Fett?
GLP-1: Ein Molekül hat seinen Preis
Im Börsenkurs von Novo Nordisk ist die Revolution schon vorweggenommen. Der dänische Pharmakonzern stieg Anfang September zum wertvollsten Unternehmen Europas auf und verdrängte den Luxuskonzern LVMH.
Die Marktkapitalisierung von Novo Nordisk ist mit mehr als 400 Milliarden Euro inzwischen höher als das dänische Bruttoinlandsprodukt. Ozempic und Wegovy tragen mit 11,7 Milliarden Euro mittlerweile über die Hälfte zum Konzernumsatz bei.
Im August 2023 erhöhte die dänische Regierung wegen der wachsenden Umsatzzahlen bei Novo Nordisk ihre Prognose für das jährliche Wirtschaftswachstum von 0,6 auf 1,2 Prozent.
Der Erfolg von Novo Nordisk bringt auch andere Unternehmen sprunghaft nach vorne. Der deutsche MDax-Konzern Gerresheimer etwa verzeichnet Rekordaufträge für die Herstellung von Spritzen, Pens und Autoinjektoren für die GLP-1-Medikamente zur Behandlung von Diabetes und Übergewicht.
In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2023 ist der Umsatz des Pharmaverpackungsherstellers um knapp 13 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro gewachsen, das operative Ergebnis (Ebitda) legte um knapp 21 Prozent auf 285,2 Millionen Euro zu.
Mit einem Kursplus von knapp 40 Prozent seit Jahresanfang 2023 zählt Gerresheimer zu den Gewinnern im MDax.
Auch die Novo-Konkurrenz nimmt Fahrt auf: Der Aktienkurs von Eli Lilly ist im Jahresvergleich um knapp 60 Prozent gestiegen. Der US-Pharmakonzern ist mit den Produkten Trulicity und Mounjaro im GLP1-Segment vertreten.
Seit November ist der Mounjaro-Wirkstoff in den USA unter dem Namen Zepbound auch als Abnehmmittel zugelassen, in Europa dürfte die Zulassung nicht mehr lange auf sich warten lassen.
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Mittlerweile ist Eli Lilly mit einer Marktkapitalisierung von 580 Milliarden Dollar das wertvollste Pharmaunternehmen überhaupt. Dass die neuen Abnehmmittel die Börsenkurse ihrer Produzenten derart beflügeln, liegt auch am Wirkmechanismus. In New York führt Abnehmärztin Patel durch ihre Praxis an der Upper East Side – und verweist auf die Schwäche der GLP-1-Analoga: „Fast alle, die das Mittel absetzen, nehmen wieder zu.“ Auch Studien zeigen: Wer sein neues, niedrigeres Gewicht halten will, der muss das Medikament dauerhaft nehmen.
Für die Hersteller bedeutet das eine Goldgrube – für die Patientinnen und Patienten kann es teuer werden. Wer es nicht schafft, sich von freundlich gesinnten Ärzten als „prädiabetisch“ diagnostizieren zu lassen, muss das Mittel meist selbst bezahlen.
Elon Musk will mit „Fasten und Wegovy“ Gewicht verloren haben.
Foto: Reuters„Das können 1200 bis 1500 Dollar monatlich sein“, gibt Patel zu bedenken. Auch in Deutschland ist es nicht einfach, die GLP-1-Analoga von der Krankenkasse erstattet zu bekommen, allerdings kosten sie hier weniger.
Für viele Berühmtheiten spielt der Preis keine Rolle: Elon Musk hat „Fasten und Wegovy“ als Grund für seinen Gewichtsverlust genannt. Der republikanische Kongressabgeordnete George Santos nannte Ozempic „fantastisch“.
In Hollywood ist Ozempic weit verbreitet, auch wenn die wenigsten die Nutzung zugeben. Amy Schumer ist da eine Ausnahme.
Foto: ReutersEr habe mehr als 40 Kilo abgenommen und werde das Medikament wahrscheinlich für immer nehmen. In Hollywood ist Ozempic ebenfalls weit verbreitet, auch wenn die wenigsten die Nutzung zugeben. Immerhin, die Comedienne Amy Schumer steht öffentlich dazu.
Die Frau hinter dem Erfolg von Novo Nordisk
Die wenigsten der prominenten Nutzer dürften Lotte Bjerre Knudsen kennen. Als sie 1989 bei Novo beginnt, wird Knudsen nach eigener Aussage belächelt, weil sie nicht einmal einen Doktortitel besitzt. Als sie 1994 aus ihrem Mutterschaftsurlaub zurück zu Novo kommt, ist fast ihr komplettes Team weg.
Novo hat damals ein Innovationsproblem. Zwar ist das Unternehmen erfolgreich mit seinen Diabetesmitteln auf Basis des Wirkstoffs Insulin, doch die Pipeline mit anderen Produkten ist praktisch leer. Knudsen will das ändern. Ihre Mission: Aus dem Darmhormon GLP-1 ein Medikament zu machen. Das Problem: Das Hormon ist normalerweise nur kurzzeitig aktiv.
Lotte Bjerre Knudsen ist die Erfinderin des Abnehm-Medikaments.
Foto: privatZunächst glaubt im Unternehmen kaum jemand an den Erfolg. 1996 setzt ihr das Novo-Management eine harte Deadline: Wenn es Knudsen nicht innerhalb eines Jahres schafft, das Molekül langlebiger zu machen, wird die komplette Forschung an GLP-1 eingestellt.
Als es Knudsen tatsächlich gelingt, die Lebensdauer des GLP-1-Moleküls zu verlängern, kommt der nächste Rückschlag: In einer ersten Studie setzen die Wissenschaftler die Dosis zu niedrig an, die Ergebnisse überzeugen deshalb nicht. Doch um die Studie zu wiederholen, fehlt es an weiterem Wirkstoff.
Selbst als die Phase III startet, die letzte der klinischen Studien, bevor ein Medikament zugelassen werden kann, ist es fraglich, ob alles klappt. Bei Mäusen und Ratten hatte der Wirkstoff Tumore ausgelöst, die US-Pharmabehörde FDA ist skeptisch, ob das Mittel sicher ist. „Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns gesorgt, dass das das Ende von zehn bis 15 Jahren Arbeit ist“, sagt Knudsen in einem Firmenvideo. Doch die FDA gibt Entwarnung.
Im Juni 2009 wird Victoza, Novos erstes Diabetesmittel mit einem GLP-1-Analogum, in Europa zugelassen. Anfang 2010 folgt die Zulassung in den USA. Inzwischen hatte Astra-Zeneca ein ähnliches Medikament auf den Markt gebracht.
An eine Verwendung als Abnehmspritze dachte damals noch niemand – bis auf Knudsen: „Schon 1995 träumte ich davon, dass wir GLP-1 auch bei Adipositas einsetzen können.“
Doch die Marketingabteilung stellt sich quer: Einen Wirkstoff für zwei unterschiedliche Krankheiten einsetzen? Nicht vermarktbar. Und überhaupt, ist Adipositas wirklich eine Krankheit? Fettleibigkeit galt damals häufig noch als ein Ausweis von Willensschwäche oder fehlenden Kenntnissen über einen gesunden Lebensstil.
„Die Vorgeschichte der medikamentösen Behandlung von Adipositas war ein Misserfolg nach dem anderen“, sagt Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin an der TU München. Bei der Anwendung von Victoza zeigte sich, dass Diabetespatienten damit zum Teil zehn Prozent ihres Körpergewichts verloren. Schon bald avanciert das Mittel zum Geheimtyp in der Modelszene, wo ein dünner Körper zum Betriebskapital zählt.
Wirkstoff Semaglutid macht Novo Nordisk zum Abnehmkonzern
Knudsen und ihr Team können in weiteren Studien die gewichtsreduzierende Wirkung nachweisen, und so bringt Novo 2015 den Wirkstoff in höherer Dosierung als Medikament Saxenda gegen Adipositas auf den Markt. Doch Saxenda habe die Erwartungen nie erfüllt, berichten ehemalige Mitarbeiter.
Dass Novo Nordisk zum erfolgreichen Abnehmkonzern werden konnte, ändert sich erst mit der Einführung eines neuen Wirkstoffs auf GLP-1-Basis: Semaglutid. Er reduzierte in Studien das Körpergewicht um gut 17 Prozent.
Das Diabetesmittel Ozempic mit dem Wirkstoff Semaglutid ist seit 2018 auf dem Markt, doch der große Hype ging erst im vergangenen Jahr richtig los. In sozialen Medien befeuern sich Ozempic-Nutzer gegenseitig und brüsten sich damit, wie viel sie abnehmen.
Es erscheinen Bücher mit Titeln wie „Mit Ozempic schlank piksen wie Elon Musk“. Medien berichten über das vermeintliche Wundermittel, Ärzte plädieren dafür, dass die Kosten für die Adipositasversion der Spritze von den Kassen erstattet wird.
Denn wie schon beim ersten Diabetesmittel, das zum Abnehmen taugt, bringt Novo auch diesmal eine Variante zum Abnehmen heraus: Wegovy heißt das Medikament und muss wie Ozempic einmal wöchentlich in den Unterbauch gespritzt werden.
Diabetes-Patienten wie diese Frau konkurrieren mit Übergewichtigen um das gleiche Mittel.
Foto: IMAGO/USA TODAY NetworkDas Mittel wurde 2021 in den USA zugelassen, 2022 in Europa. Für Wegovy verlangt Novo Nordisk deutlich mehr Geld als für Ozempic, bei gleichem Wirkstoff. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach Ozempic hoch bleibt.
So hoch, dass Patienten mit Diabetes von Schwierigkeiten berichten, an das Medikament heranzukommen. Den Anteil der Patienten, die Ozempic „off-label“ nutzen, sich also das Medikament verschreiben lassen, ohne Diabetes zu haben, schätzen Analysten in den USA auf rund 30 Prozent.
Auch in Deutschland gibt es Engpässe. Der Diabetologe Andreas Klinge etwa berichtet, dass er wegen der Versorgungsprobleme Neupatienten zwischenzeitlich nicht auf Ozempic einstellte. Manche seiner Diabetespatienten konnten sich das Mittel wochenlang nicht spritzen.
Novo Nordisk und Eli Lilly investieren deshalb in ihre Produktionskapazitäten. Nach Handelsblatt-Informationen will der US-Konzern im rheinland-pfälzischen Alzey ein neues Werk für injizierbare Medikamente errichten, unter anderem Mounjaro.
Novo Nordisk hat nach eigenen Angaben seine Investitionen in neue Produktionskapazitäten in diesem Jahr gegenüber 2022 mehr als verdoppelt. Zudem stockte das Unternehmen seine Belegschaft binnen Jahresfrist um 70 Prozent auf: Insgesamt mehr als 8500 Mitarbeiter wurden neu eingestellt, um das Wachstum zu managen.
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Bisweilen wirkt es allerdings so, als müsse Novo Nordisk erst von den Fakten dazu gedrängt werden, den Erfolg seiner Abnehmpräparate zu forcieren. Die extreme Fokussierung auf Diabetes führe dort zu einem Tunnelblick, berichtet ein Branchenkenner.
Als das Mittel gegen Adipositas zugelassen wurde, sei Novo „extrem zaghaft“ gewesen, habe nur langsam eine größere Mannschaft für den Vertrieb aufgebaut, berichtet der Insider: „Die dänische Kultur bei Novo ist das Gegenteil von amerikanisch. Bei Novo würde nie jemand auf den Tisch hauen und dem Karren einen Ruck geben.“
Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment, hält Novo Nordisk für das womöglich am besten geführte Pharmaunternehmen weltweit – und sieht dennoch die Gefahr eines Klumpenrisikos: Zwar habe das Unternehmen immer wieder probiert, in anderer Krankheitsfelder zu expandieren, doch das habe nie wirklich funktioniert – gerade weil Novo mit Diabetesmedikamenten so erfolgreich sei.
Doch sobald Novo Nordisk die Patente auf die GLP-1-Mittel gegen Diabetes verliere, werde der Markt wegen der Generika-Anbieter für Novo deutlich schwieriger. „Mit den neuen Adipositasmitteln ist das aber erst mal unwichtig“, sagt Manns. Mit Wegovy habe sich Novo Nordisk noch einmal mindestens zehn Jahre Wachstum gesichert.
Abnehmspritzen mit Semaglutid: Wer soll das bezahlen?
Hätte es Wegovy vor fünfzehn Jahren schon gegeben, Michael Wirtz hätte es genommen. Der 52-Jährige kämpft seit seiner Kindheit mit Übergewicht, schon seine Großeltern waren adipös.
In der Grundschule war er zum ersten Mal in einer Abnehmklinik, sein ganzes Leben kämpfte er gegen das Übergewicht. „Am Ende blieb für mich nur die OP“, sagt er. Weil er sich mit seiner Krankheit alleingelassen fühlte, gründete er den Adipositas-Selbsthilfeverein in Hamburg.
„Für viele Betroffene, die keine OP wollen, ist Wegovy vielleicht der letzte Rettungsanker“, sagt Wirtz. Doch weil die Kosten dafür aktuell nicht von den gesetzlichen Kassen übernommen werden, „gibt es am Ende Therapieoptionen, die nur für Besserverdiener sind.“ Auf einen Monat gerechnet kostet Wegovy hierzulande rund 328 Euro.
In Deutschland gelten Mittel gegen Übergewicht laut Sozialgesetzbuch als „Lifestyle-Medikamente“. „Zahlreiche Verbände und medizinische Fachexperten“ sähen hier einen klaren Widerspruch, heißt es dazu von Novo Nordisk: Da Adipositas inzwischen als chronische Erkrankung anerkannt sei, könnten Arzneimittel dagegen eine „leitlinienkonforme Behandlungsoption“ sein.
Ein Stück wahrscheinlicher geworden sei eine Kostenübernahme der Kassen durch eine neue Studie von Novo Nordisk, so Fondsmanager Manns. Demnach hilft Semaglutid nicht nur gegen Diabetes und beim Abnehmen, sondern senkt parallel das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall um 20 Prozent.
Wegovy könne zu einem „Paradigmenwechsel“ bei der Behandlung von Herzerkrankungen führen, meinen die Analysten von JP Morgan.
Der US-amerikanische Kardiologe Eric Topol gibt allerdings zu bedenken, dass die absolute Risikoreduktion in der Studie mit nur 1,5 Prozent relativ gering ausfalle – auch im Hinblick darauf, dass die Probanden das teure Mittel mehr als drei Jahre eingenommen hatten, um dieses Ergebnis zu erreichen.
Ozempic und Wegovy beeinflussen Markt der klassischen Diätprodukte
Zu einem gesellschaftsverändernden Phänomen wurden Ozempic und Wegovy ohnehin nicht wegen ihrer Wirkung gegen Diabetes oder Herz-Kreislauf-Tod, sondern als Schlankheitsmittel. Wie weit dieser Effekt bereits reicht, zeigt sich besonders deutlich an den Auswirkungen auf andere Unternehmen.
Bei Herbalife und Medifast, die Proteinriegel und Shakes zusammen mit Diät- und Sportprogrammen anbieten, brechen derzeit die Gewinne ebenso weg wie beim Diätpulver Slim-Fast. Im zweiten Quartal 2023 hat der Slim-Fast-Hersteller Glanbia in den USA noch einmal 33 Prozent weniger verkauft.
Ein anderer Klassiker aus der Welt der Diätprodukte, Jenny Craig, hat im Sommer 2023 komplett dichtgemacht. Angepasst hat sich hingegen Weight Watchers, mittlerweile unter dem Namen WW International bekannt.
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Die Ikone der Diätanbieter hat bereits im März 2023 das Gesundheitsportal Sequence übernommen, auf dem Kunden Verschreibungen für Ozempic und Wegovy bekommen können. Seitdem hat sich der Aktienkurs von WW mehr als verdoppelt.
Auch Medizintechnik-Hersteller spüren Gegenwind, weil die Menschen die neuen Abnehmspritzen einer Operation vorziehen, wie auch die New Yorker Ärztin Patel beobachtet. So hat etwa Intuitive Surgical, ein Hersteller von Robotern für die Magenverkleinerung, im zweiten Quartal 2023 eine geringere Nachfrage in den USA gesehen.
Auch der weltgrößte Dialysekonzern Fresenius Medical Care ist betroffen. Positive Nachrichten von Novo Nordisk zu einer Studie mit Ozempic bei Nierenpatienten hatten den MDax-Konzern am 11. Oktober 2023 in der Spitze um 24 Prozent absacken lassen.
Die Ozempic-Daten dürften mittelfristig eine „erhebliche Bedrohung“ für das Wachstum des Dialysepatientenvolumens darstellen, erklärten die Analysten von JP Morgan.
Dabei hatte Novo Nordisk lediglich bekannt gegeben, dass man die 2019 gestartete Studie wegen positiver Ergebnisse auf Empfehlung eines unabhängigen Kontrollgremiums fast ein Jahr früher als geplant abgebrochen habe. Eine Wirkung von Ozempic auf Nierenerkrankungen bei Menschen ist damit keineswegs erwiesen. Doch der Nimbus des Medikaments ist mittlerweile fast noch größer als seine aktuellen Auswirkungen.
Ozempic-Patienten nehmen im Schnitt 20 bis 30 Prozent weniger Kalorien zu sich
Egal ob Fluggesellschaften, Softdrink-Hersteller, Restaurantketten oder Lieferdienste: In den jüngsten Analysten-Calls zu den Quartalszahlen dreht es sich nicht mehr nur um Kosten oder Cashflow, sondern um Kalorien: Was passiert, wenn Millionen von Menschen auf einmal nicht mehr viel zu viele, meist ungesunde Lebensmittel in sich hineinstopfen?
Die Investmentbank Morgan Stanley fragte 300 Ozempic-Patienten, wie viel weniger diese Menschen essen. Im Schnitt nahmen sie 20 bis 30 Prozent weniger Kalorien zu sich, und 77 Prozent der Befragten sagten, dass sie seltener in Fast-Food-Restaurants gingen.
Dan Dolev von Mizuho Securities erwartet, dass die Medikamente allein bei den US-Restaurants zu einem Umsatzeinbruch von 25 Milliarden Dollar bis 2025 führen. Das wiederum würde sich auch auf die Ausrüster von Restaurants, den Großhandel und Essens-Lieferdienste auswirken. Morgan Stanley erwartet im Gegenzug einen Anstieg bei der Nachfrage nach frischem Obst und Gemüse.
Fast Food: Wegovy ist nicht mehr der Champion unter den Abnehmmitteln. Die neuen Mittel von Ely Lilly sollen die Pfunde noch schneller purzeln lassen.
Foto: The Image Bank Unreleased/Getty ImagesDie Analysten von Bank of America weisen außerdem darauf hin, dass die Menschen auf Ozempic nicht nur weniger Snacks, sondern auch weniger süße Getränke und weniger Alkohol zu sich nehmen. Schlechte Nachrichten also für Coca-Cola, das seit Jahresbeginn rund 13 Prozent an Börsenwert eingebüßt hat – während der S&P-500-Index um mehr als 17 Prozent zulegte.
Und als der US-Chef von Walmart im Oktober gegenüber Bloomberg sagte, dass Ozempic, Mounjaro und Wegovy die Kunden weniger Lebensmittel kaufen lasse, rauschten prompt die Aktien von Mondelez, Hershey’s und Pepsico nach unten.
Andere wollen von dem Trend profitieren. Laut Nestlé-Chef Mark Schneider arbeitet der Schweizer Lebensmittelkonzern, bei dem Snacks 15 Prozent des Umsatzes ausmachen, derzeit an Produkten, die die Gewichtsabnahme mit Ozempic und ähnlichen Mitteln begleiten sollen.
Das könnten vor allem Produkte sein, die die fehlenden Vitamine, Mineralien, Proteine und andere Nährstoffe bei einer kalorienarmen Diät ausgleichen.
Der Molkereikonzern Danone erhofft sich von Ozempic und Co sogar eine höhere Nachfrage nach Joghurt und Co. „Danone glaubt, dass die Verbreitung von GLP-1-Medikamenten dem Unternehmen letztlich zugutekommt, da Patienten Produkte mit hohem Proteingehalt und niedrigem Fettgehalt brauchen“, heißt es in einer Analyse der UBS.
Freuen können sich womöglich auch die Fluggesellschaften. Laut einer Studie von Jefferies Financial könnten allein United Airlines 80 Millionen Dollar im Jahr sparen, wenn das durchschnittliche Gewicht der Passagiere um zehn Prozent sinkt – dicke Passagiere zahlen schließlich genauso viel für ihr Ticket wie dünne, erfordern aber mehr Kerosin.
Ozempic und Wegovy mit Lieferproblemen und kein Ende
Doch bis das zu einem Vorteil für alle Airlines und Modemarken wird, dürfte es noch dauern. Aktuell begrenzt nicht die Nachfrage, sondern der Lieferengpass die weitere Verbreitung der Abnehmspritzen.
Das hat auch Wolfgang M. zu spüren bekommen. Er musste vier Wochen lang auf die Nachfolgepackung von Wegovy warten. Der ehemalige Dachdecker leidet stark unter den Folgen eines Autounfalls, der den heute 62-Jährigen vor 20 Jahren fast gelähmt hatte. Noch immer muss er deswegen viele Medikamente einnehmen. Die Mittel haben ihn stark zunehmen lassen, weswegen sein Kardiologe die Abnehmspritze Wegovy empfahl.
Allerdings hat Wolfgang M. bislang noch kein Gramm mit Wegovy abgenommen. Wenn sich das bis zum Monatsende nicht ändert, will der Rentner das Medikament, das er aus eigener Tasche bezahlen muss, wieder absetzen.
Tatsächlich ist Wegovy nicht mehr der Champion unter den Abnehmmitteln. Die neuen Mittel von Eli Lilly sollen die Pfunde noch schneller purzeln lassen: In einer Studie verloren Patienten damit durchschnittlich 26,6 Prozent ihres Körpergewichts.
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Eli-Lilly-Chef Dave Ricks hofft auf noch mehr. 2022 sagte er im Interview mit dem Handelsblatt, dass das Medikament Mounjaro gegen alle möglichen Wohlstandserkrankungen infolge von Übergewicht weiterentwickelt werden soll. Ziel sei es, mit dem Wirkstoff nicht nur das Fortschreiten von Diabetes zu verringern, sondern auch die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für die nichtalkoholische Fettleber.
Auch andere Pharmaunternehmen erforschen Mittel gegen Fettleibigkeit, etwa der US-Konzern Pfizer, die deutsche Boehringer Ingelheim und Astra-Zeneca. Marktexperten gehen davon aus, dass innerhalb eines Jahrzehnts bis zu zehn konkurrierende Adipositas-Medikamente auf den Markt kommen könnten, die für einen Jahresumsatz von zusammen bis zu 100 Milliarden Dollar sorgen könnten – mit einem Schwerpunkt in den USA, wo sonst.
Doch auch China könnte einer der größten Märkte überhaupt werden. 89 Millionen Menschen leiden dort unter Diabetes, das sind gut acht Prozent der Bevölkerung. Laut einem chinesischen Beratungsunternehmen könnte die Zahl der fettleibigen Chinesen bis 2025 auf 265 Millionen Menschen steigen.
Seit 2021 ist das Diabetesmittel Ozempic von Novo Nordisk in China auf dem Markt, im Juni 2023 hat das dänische Unternehmen die Zulassung für Wegovy eingereicht.
Risiken und Nebenwirkungen von Semaglutid und Dulaglutid
Angesichts der rapiden Verbreitung wird die Frage nach den möglichen Nebenwirkungen von GLP-1-Mitteln drängender. So untersuchte die europäische Arzneimittelbehörde Ema, ob die Medikamente das Risiko für Schilddrüsenkrebs erhöhen könnten – gab dafür aber vorläufig Entwarnung.
Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA rät derweil von der Einnahme von Wegovy ab, wenn bei Patienten in der Familie Schilddrüsenkrebs aufgetreten ist.
Erst im September 2023 entschied sich der Expertenausschuss der Weltgesundheitsorganisation WHO dagegen, GLP-1-Mittel als unentbehrliche Arzneimittel einzustufen. Das sind solche Medikamente, die nötig sind, um die dringlichsten medizinischen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.
Novo Nordisk: Der dänische Pharmakonzern ist Anfang September zum wertvollsten Unternehmen Europas aufgestiegen.
Foto: ReutersDas Expertengremium der WHO begründete die Ablehnung mit dem „unsicheren langfristigen Nutzen“. Zwar würden GLP-1-Mittel im Vergleich zu Placebo nachweislich das Gewicht und den Body-Mass-Index kurzfristig reduzieren. Allerdings würden Daten zur Langzeitwirksamkeit ebenso fehlen wie zu langfristigen Nebenwirkungen.
„Auch ich hatte schon Ozempic-Patienten, die in der Notaufnahme gelandet sind“, sagt Park-Avenue-Ärztin Patel. Meistens seien es Magenkrämpfe und Übelkeit, aber auch ernsthafte Probleme mit der Bauchspeicheldrüse kämen vor.
Diese Menschen kämen dann oft zu ihr zurück, berichtet Patel, um doch die chirurgische Lösung der Magenverkleinerung zu wählen.
Zudem beunruhigt ein anderer Nebeneffekt die Gemüter. Der New Yorker Promi-Arzt Paul Jarrod Frank, zu dessen Kundinnen unter anderem die Kardashians gehören, hat die Bezeichnung „Ozempic Face“ geprägt: Weil die Menschen mit dem Medikament so schnell abnehmen, verlieren sie auch im Gesicht Fett, was sie älter aussehen lässt.
„Wie schon Catherine Deneuve sagte: An einem bestimmten Punkt im Leben musst du zwischen deinem Hintern und deinem Gesicht wählen“, zitiert Frank die französische Schauspielerin in einem Facebook-Video. Wenn man in höherem Alter zu stark abnehme, dann sehe man alt und eingefallen im Gesicht aus.
Natürlich hat der Schönheitsspezialist jede Menge Lösungen parat, um das Gesichtsvolumen aufzupeppen. Nicht überraschend liegt auch die Praxis von Paul Jarrod Frank an der Upper East Side.
Und so können die Patientinnen von Patel nach dem Gewichtsverlust ein paar Häuserblocks weiter gleich ihr Gesicht wieder verjüngen lassen. Sofern sie noch genug Geld übrig haben.
Dieser Artikel erschien bereits am 17.11.2023. Der Artikel wurde am 05.02.2024 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.