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KommentarFrankreich setzt zum Überholen an – Deutschland versteht nichts

Die Franzosen machen derzeit vieles besser als das ökonomisch zunehmend träge Deutschland. Darin liegt auch eine Chance – für die Zukunft Europas.Markus Fasse 22.11.2023 - 09:28 Uhr
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Jahrzehntelang galt Frankreich als träger, bürokratischer und wirtschaftsfeindlicher als Deutschland – das hat sich gewandelt.

Foto: dpa

Um es gleich klarzustellen, mein Französisch ist miserabel. Drei Jahre habe ich mich in der Schule an der Sprache versucht – es reicht nur für rudimentäre Unterhaltungen. Leider teile ich dieses Unvermögen mit vielen Landsleuten. 2022 lernte nur noch jeder sechste deutsche Schüler Französisch – so wenige wie seit 30 Jahren nicht. Dass auch immer weniger Franzosen Deutsch lernen, macht die Sache nicht besser.

Dieses stille Auseinanderdriften ist erstaunlich, denn es gibt mit Frankreich mehr zu besprechen denn je. Es geht um das Verständnis unserer wichtigsten Nachbarn in Europa.

In einer Welt, die aus den Fugen gerät, können wir uns diese Sprachlosigkeit nicht leisten. Wir brauchen eine Verständigung über unsere Haltung zu Krieg und Klimawandel, zu Migration, zu Künstlicher Intelligenz und der Erosion der Demokratie. Das ist das Anliegen des deutsch-französischen Business-Forums, das heute unter Beteiligung des Handelsblatts und „Les Echos“ in Berlin stattfindet.

Dabei werden sich die deutschen Teilnehmer von alten Gewissheiten verabschieden müssen. Jahrzehntelang galt Frankreich als träger, bürokratischer und wirtschaftsfeindlicher als Deutschland. Das hat sich gewandelt. Seit 2017 modernisiert Präsident Emmanuel Macron das Land, er hat Unternehmensteuern gesenkt, den Arbeitsmarkt reformiert und in Zukunftstechnologien investiert.

Noch ist das Land kein Paradies für Investoren, aber Macrons Politik trägt Früchte. Während die deutsche Wirtschaft stagniert, ist Frankreich seit Ende 2019 im Schnitt um 1,7 Prozent gewachsen.

Stellantis ist mittlerweile so profitabel wie BMW

Frankreich hat mit LVMH den wertvollsten Konzern Europas und mit BNP eine Großbank, die im Gegensatz zu deutschen Geldhäusern auf Augenhöhe mit US-Banken spielt. In der deutschen Kerndisziplin Autobau muss das Land den Vergleich nicht mehr scheuen. Während sich der VW-Konzern von einem Sparprogramm zum nächsten schleppt, erwirtschaftet die Peugeot-Mutter Stellantis mittlerweile so hohe Renditen wie BMW.

Die Wirtschaftspolitik beider Länder gleicht sich an. Frankreich stärkt die Marktkräfte, Deutschland entdeckt die Industriepolitik. Wie die Franzosen trauen nun auch die Deutschen dem Welthandel nicht mehr blind.

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Mit Milliardensummen werden hierzulande Batterie- und Chipfabriken gefördert, Ausbauziele für Windräder formuliert und Strompreise gedeckelt. Auch ein deutscher Wirtschaftsminister gefällt sich mittlerweile als Innovationstreiber, ganz in französischer Manier.

Es ist höchste Zeit, die Kapitalmarktunion anzugehen

Da ist es nur konsequent, dass man wirtschaftlich enger zusammenarbeitet. Mag Frankreich auf Atomkraft setzen und Deutschland eher auf Wind und Sonne vertrauen – beide Länder wollen den Aufbau eines gemeinsamen Wasserstoffnetzes vorantreiben.

Vereinbart ist die Zusammenarbeit zur Förderung und Regulierung Künstlicher Intelligenz, die beiden Volkswirtschaften einen Produktivitätsschub ermöglichen könnte. Von höchster Bedeutung ist die Rüstungsindustrie.

Mit dem FCAS-Projekt für ein neues Kampfflugzeug und MGCS für einen neuen Kampfpanzer sind ehrgeizige Ziele gesetzt. Mit Recht pocht vor allem Frankreich darauf, die europäische Sicherheit möglichst unabhängig von US-Interessen zu organisieren.

Die Zweifel am Erfolg des Rüstungsprojekts MGCS nehmen zu.

Foto: KNDS

Diese Pläne bleiben Papier, wenn nicht Mut und Geld zusammenkommen. Ein grünes, technologisch und sicherheitspolitisch souveränes Europa wird einen gigantischen finanziellen Aufwand mit sich bringen. Staatshaushalte – und schon gar nicht solche mit wackeligem Sondervermögen – geben das auf Dauer nicht her.

Nötig ist ein großer Wurf. Schon länger diskutieren Deutsche und Franzosen über die Bildung einer europäischen Kapitalmarktunion. In dieser könnten Banken grenzübergreifend Gelder für die Finanzierung grüner Infrastruktur oder die Finanzierung von Start-ups verbriefen.

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Es wäre der folgerichtige Weg, das notwendige finanzielle Volumen für die Dekarbonisierung und Digitalisierung der europäischen Wirtschaft aufzubringen. EZB-Chefin Christine Lagarde vergleicht das Vorhaben mit dem Zusammenschluss der amerikanischen Banken im 19. Jahrhundert, die so erst den Aufbau des kontinentalen Eisenbahnnetzes ermöglicht haben. Bei einem Währungsverbund ohne Kapitalmarktunion wird das nicht funktionieren.

So wie das ungenutzte Potenzial, das aus der mangelnden Möglichkeit zur Verständigung liegen bleibt. Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis unserer Nachbarn. Neben meinem 16-jährigen Sohn lernt auch meine 88-jährige Mutter wieder Französisch. Sie weiß: Wer Frankreich versteht, versteht auch Europa besser.

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