Kunstmarkt Schweiz: Kunstmesse artgenève: Galerist spendet seinen Messegewinn dem UNHCR
Die Videoinstallation mit einem Objekt, das aussieht wie eine Mischung aus Straßenlaterne und Stehlampe, spielt mit minimalsten Mitteln und ohne Sound mit der Bedeutung des Begriffs Projektion (Ausschnitt).
Foto: Sebastian Schaub; Galerie Peter KilchmannGenf. Die zehnte Genfer Kunstmesse „artgenève“ begann in einem geopolitisch mehr als angespannten Kontext. Kurz vor der Eröffnung verkündete die Pace Gallery, eine der ganz großen amerikanischen Galerien, ihren Messegewinn zu 100 Prozent direkt an den Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge in Genf zu spenden. Der UNHCR kümmert sich aktuell um 660.000 Flüchtlinge aus der Ukraine.
Trotz des Krieges in der Ukraine gibt sich der artgenève-Direktor Thomas Hug optimistisch. „Ich habe die Messe hier in Genf gegründet, weil es lokal viele Sammler gibt, besonders im Finanzbereich. Die kommen zur Messe“, sagt er dem Handelsblatt. Tatsächlich fielen am VIP-Nachmittag viele 30- bis 50-jährige Männer in Sneakers auf. Distinguierte ältere Damen und Herren fehlten keineswegs, ebenso wenig jene Sammler, die zahlreiche Messe besuchen, wie der Brüsseler Alain Servais.
Die bis Sonntag andauernde artgenève findet in den Hallen der Palexpo am Flughafen. Deshalb sind alle Stände demokratisch uniform mit weißen Stellwänden ausgestattet. Praktisch, aber keineswegs ästhetisch.
Nach den ersten Verkäufen zu schließen, setzt man in Genf vor allem auf sichere Werte. Das trifft zum Beispiel auf das aquarellierte „Selbstporträt“ von Sonja Delaunay zu, das die Pariser Galerie Le Minotaure für 110.000 Euro abgab.
Die Galerie 1900 – 2000 war unter anderem mit Zeichnungen von Francis Picabia zu Preisen um 30.000 Euro erfolgreich. Ihr Pariser Kollege Franck Prazan von der Galerie Applicat-Prazan ist auf die Malerei nach 1945 spezialisiert und verkaufte rasch je ein Gemälde von Roger Bissière und Jean-René Bazaine an den gleichen Sammler.
Den Pigmentdruck auf 23,75 Karat Goldpapier bietet Capitain Petzel an.
Foto: Gunter LepkowskiDas vermutlich teuerste Gemälde hängt bei Van de Weghe aus New York, der das Großformat mit farbigen Schuhen von Andy Warhol bereits auf der Pariser „Fiac“ für 4,5 Millionen Dollar offerierte.
Der Messeflaneur stößt auch auf verhältnismäßig günstige Preise. Paul Rebeyrolles Gemälde „La Belle“ von 1972 setzt die Pariser Galerie Laurentin mit 150.000 Euro an. Es drängt sich die Frage auf, ob Rebeyrolle mit seinen applizierten Naturelementen auf krustig-erdigen Leinwänden den Malerstar Anselm Kiefer beeinflusste, dessen Preise heute mindestens zehn Mal höher liegen.
Übrigens denkt man bei der Gemäldeserie „Suite Madrid“ von Pedro Cabrita Reis spontan an Claude Monet und Eugène Leroy zugleich. Die Grande Dame der spanischen Galerieszene, Juana de Aizpuru, ist immer noch am Stand ihrer Madrider Galerie anwesend. Sie erwartet jeweils 80.000 Euro für die auf Holz und Stahl gemalten Bilder des Portugiesen.
Visuell extrem einprägsam sind die im Sinne der geometrischen Abstraktion entstandenen Gemälde des Schweizers Albrecht Schnider. Ihm widmet die Züricher Galerie Mai 36 ihren Schwerpunkt. Man sieht Schnider auch bei der Berliner Galerie Thomas Schulte. Seine in komplizierter Lacktechnik konzipierten Hochformate kosten um 30.000 Euro.
Sowohl Mai 36 als auch Schulte zeigen Holzfiguren von Stephan Balkenhol für Preise um 60.000 Euro. Sogar die Luzerner Cortesi Gallery hat eine Balkenhol-Skulptur von einem Sammler in Kommission.
Mit einer heiteren Entdeckung wartet die Züricher Galerie Peter Kilchmann auf. Zilla Leutenegger projiziert ein Video als Schattenspiel mit einer Frau an die Wand und titelt surrealistisch „Sunset Neighborhood (remake)“. Die Arbeit soll 30.000 Schweizer Franken plus Mehrwertsteuer kosten.
Die in New York lebende Französin Camille Henrot wurde von der Pariser Galerie Kamel Mennour aufgebaut. Die angesagte Künstlerin verfügt über eine höchst persönliche Handschrift. Für ihre Gemälde und Skulpturen muss man zwischen 20.000 bis 40.000 Euro anlegen. Jetzt wartet sie auf bessere Zeiten mit einer ihrer rund geschwungenen Skulpturen. Sie heißt „Expecting better“.