Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin: Ein Museum erfindet sich neu
Der Rundgang beginnt im Außenbereich mit dem 2007/2009 angelegten Gartenrondell des amerikanischen Künstlers.
Foto: Jacopo La Forgia; Staatliche Museen zu Berlin, NationalgalerieBerlin. Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Direktoren der Berliner Nationalgalerie der Gegenwart im Hamburger Bahnhof, haben erhellende Arbeit geleistet. In einer zweiteiligen Ausstellung werden jetzt 19 integrale Werke der Sammlung und ausgewählte Werke von 59 Künstlerinnen und Künstlern in den Blick gerückt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit der künstlerischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung der Hauptstadt von 1989 bis heute verbunden sind.
Zur Einführung wird die Geschichte des Hamburger Bahnhofs, der am 15. November 2022 durch den Bund endlich angekauft und als Denkmal eingetragen wurde, ausführlich dokumentiert. Die neue Präsentation ist exemplarischer Ausfluss einer mit dem Kauf gewonnenen neuen Planungssicherheit.
Die unter dem Titel „Unendliche Ausstellung“ verstreuten Werke dürften allen vertraut sein, die Ausstellungen in diesem vielteiligen Bau besucht haben. Der Rundgang beginnt im Außenbereich mit dem grünen Gartenrondell des Amerikaners John Knight, der vor dem Haupteingang platzierten Sitzfigur „Volk Ding Zero“ von Georg Baselitz und den weithin sichtbaren blauen Leuchtstoffröhren von Dan Flavin.
Der Parcour endet in den Rieckhallen mit dem kreuzförmigen Seelenraum von Bruce Nauman, in dem zugemauerte Wände und der Blick in den Abgrund klaustrophobische Gefühle wecken. Ein schmaler Ausstellungsführer mit gut verständlichen Texten begleitet den Museumsflaneur zu den 15 unverrückbaren Exponaten, die sich als Identität stiftende Kernstücke des Museums positionieren.
Im Westflügel ist die Schausammlung auf Metallwänden in gemauerten Kompartimenten ausgebreitet, die die H–Form des Museumsgebäudes als variables Muster übernehmen. Den Exponaten wird in dieser Dauerausstellung viel Raum gegeben.
Diese Melange mit latentem Berlin-Bezug enthält nicht nur Werke aus dem Besitz des Museums, sondern auch Leihgaben, vor allem aus der Kunstsammlung des Bundes und des ifa-Instituts für Auslandbeziehungen.
Der Rundgang beginnt mit einer einsam gehängten Fotoarbeit der gefeierten Amerikanerin Carrie Mae Weems, in der die Künstlerin sich mit dem Rücken zur Kamera auf der Berliner Museumsinsel fotografiert hat. Er endet mit einer Leihgabe der Deutschen Bank: einer Riesenleinwand, auf der die Künstlerin Julie Mehretu in feinster Tuschfedertechnik sich überlagernde Berliner Plätze gezeichnet hat.
Es gibt Werke, die aus Präsentationen in der 27-jährigen Geschichte des Hauses in Erinnerung sind und jetzt einen Aha-Effekt erzeugen. Dazu gehören Sigmar Polkes Lackbild „Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost“ von 1992, das die problematische Sanierung der ostdeutschen Wirtschaft thematisiert. Bekannt sind auch zwei raumgreifende Bilder aus der Sammlung Marx: Anselm Kiefers „Leviathan“, das die 1987 eingeführte Volkszählung als Fortsetzung nationalsozialistischen Machtmissbrauchs geißelt. Und Daniel Richters Ölbild „Jawohl und Gomorrha“. Es verwandelt die Konfrontation einer Straßenschlacht in eine gespenstisch groteske Figuration.
Drei Betonplastiken von Isa Genzken, Leihgaben der Bundesrepublik und des ifa-Instituts, sind als Hommage an die Bildhauerin eingestreut. Ihr richtet die Neue Nationalgalerie zum 75. Geburtstag zurzeit eine Retrospektive aus.
Aber viele Werke – und das ist ein in die Zukunft weisender Aspekt dieser Zusammenschau – gehören zum jüngsten Ankaufsprogramm. Hier zeigt sich, dass die neuen Museumsleiter systematisch durch Berliner Galerien gehen, um die Sammlung mit Werken junger Kunst aufzumischen.
So entsteht ein Panorama, in dem sich Zeitzeugen dreier Generationen begegnen. Aber auch von einem in Berlin erst in jüngster Zeit geschätzten Künstler wie dem Syrer Marwan, der hier von 1957 bis 2016 lebte, wird ein Großgemälde mit fragmentiertem Kopf angekauft.
Zu den jüngsten Neuerwerbungen zählt ein Ensemble von Autowrackteilen der bosnischen Künstlerin Selma Selman, die Relikte eines Gewinn bringenden Recyclings sind. Während diese raumgreifende Arbeit ökonomische Aspekte visualisiert, bezieht sich eine andere Neuerwerbung auf den Bürgerkrieg in Syrien.
Der zeitweilig in Berlin lebende Nigerianer Emeka Ogboh hat seine 2015 konzipierte Klang- und Objektinstallation „Radio 0-3-0“ nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine noch einmal überarbeitet, so dass jetzt sein Radioprogramm über Flucht, Vertreibung und Emigration als vielschichtiges Hörprogramm zum Verweilen einlädt.
Mit solchen Erwerbungen weitet sich das Programm der Nationalgalerie vom Künstlermuseum zum gesellschaftspolitischen, Zeitzeugenschaft fordernden Raum.
Mehr: Ausstellung in Berlin: Über die Herausforderung, ein Schwarzer Künstler zu sein