Private Förderung von Museen: Financiers der Gegenwartskunst
München. Dorothée Wahl, die Vorsitzende von „PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne“, hat so gut wie alles im Kopf, was der Verein seit seiner Gründung im Jahr 1965 auf den Weg gebracht hat. Um mehr als 1350 zeitgenössische Kunstwerke sind Münchens staatliche Moderne-Sammlungen in den letzten 60 Jahren durch Teil- oder Komplettfinanzierung des Förderkreises und durch dessen gute Kontakte zu Mäzenen bereichert worden. Sie allein würden schon ein eigenes respektables Museum ergeben.
In den letzten Jahren sind zudem Millionen Euro in Ausstellungsprojekte, Führungen und Kinderprogramme geflossen. Dorothée Wahl, selbst jahrzehntelang Unternehmerin, weiß allerdings auch, in welchem Maße das PIN.-Engagement von der Finanzstärke ihrer Sponsoren abhängt. „Ich befürchte, wenn die wirtschaftliche Lage in Deutschland weiter absackt, könnten auch die Mittel, die wir der Pinakothek der Moderne, aber auch dem Museum Brandhorst, der Neuen Sammlung und der Graphischen Sammlung zukommen lassen, schwieriger zu beschaffen sein“, sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Privates Engagement für das kulturelle Klima
Wichtige Sponsoren sind die Allianz und BMW. Der Versicherer schreibt schwarze Zahlen, der Automobilkonzern aber erlebte gerade einen Gewinneinbruch. Vor zwei Jahren fiel das Gesamtergebnis der PIN.-Auktion, der jährlichen Benefiz-Versteigerung von Kunstwerken, die von Galerien und Kunstschaffenden zur Verfügung gestellt werden, um einen sechsstelligen Betrag geringer aus als im Jahr davor. Damals kriselte die Immobilienbranche und hielt sich zurück.
PIN. ist heute ein Lehrstück dafür, wie notwendig privates Engagement für das kulturelle Klima in einer Stadt, aber auch in ganz Deutschland ist. Die Strahlkraft von Museen und das Interesse an neuen künstlerischen Ideen hängt insbesondere von der Qualität ihrer Sammlungen ab. Die staatlichen Mittel sind seit Langem viel zu gering, um zeitgenössische Werke von internationalem Format wie etwa „Sommer Projektion 2“ von Peter Fischli und David Weiss oder Wade Guytons Tintendruck-Leinwand „Untitled“ zu kaufen. Und Ausstellungen wie die Neo-Rauch-Retrospektive 2010, die Schau von Werken der damals 53-jährigen britisch-amerikanischen Malerin Cecily Brown, die international zu den teuersten Malerinnen ihrer Generation zählt, oder die mit 150.000 Besuchern stark frequentierte Ausstellung „Eccentric“ von 2024/25 wären ohne PIN.-Gelder kaum realisierbar.
Dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in den 1960ern aus ihrer Reserviertheit gegenüber Zeitgenossen herausfand, hat München wesentlich dem Freundeskreis zu verdanken. Der Blick zurück macht es deutlich. Rund um die Galeristen Heiner Friedrich und Franz Dahlem sowie um Prinz Franz von Bayern – heute Herzog Franz – scharten sich Sammler wie Christof Engelhorn, Walter Bareiss oder der Kunsthistoriker Siegfried Wichmann. Sie gründeten 1965 den Galerie-Verein, um der aktuellen Kunst institutionell mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. In der Galerie von Friedrich war die internationale Gegenwartsszene von Gerhard Richter bis Donald Judd bereits vertreten. Es kam zu ersten Ausstellungen – damals im Haus der Kunst – und zu bedeutenden Ankäufen. 1972 zeigte man dort Georg Baselitz, es folgten erste Erwerbungen. 1985 finanzierte man das monumentale Environment „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ des noch immer skeptisch betrachteten Joseph Beuys.
Klassiker der Sammlung
Zu den frühesten Ankäufen zählt 1967 Francis Bacons „Kreuzigung“. Damals war das 1965 entstandene und 260.000 DM teure Werk Avantgarde und höchst umstritten, heute ist es ein schwergewichtiger Klassiker der Sammlung. Zuschläge im zweistelligen Millionenbereich für Werke des Briten sind auf Auktionen an der Tagesordnung. Momentan ist das Triptychon, das den deformierten Körper als dem Menschen zugefügte Gewalt versinnbildlicht, in der Ausstellung „Könnt ihr noch. Kunst & Demokratie“ im unvollendeten Trakt des König-Ludwig II.-Schloss Herrenchiemsee zu sehen (bis 12.10.). Es ist eine eindrucksvolle Kulisse für moderne und zeitgenössische Werke von Max Beckmann bis Sheila Hicks, die direkt oder indirekt, unaufdringlich und assoziativ Themen wie Menschenwürde, Selbstbestimmung, Freiheit und Unterdrückung berühren. Aber auch dieses Projekt wurde mit einem sechsstelligen Euro-Betrag von PIN. gefördert.
Die Kunst, die Gesellschaft, die Stadt – sie alle gewinnen durch PIN. Der Kunsthandel hat seine Rolle als Flaschenhals zum Ankaufsentscheid mittlerweile auch erkannt. Thaddaeus Ropac verriet einmal, wer als Galerist an ein Museum verkaufen will, brauche gute Beziehungen zu den Freundeskreisen. „Das stimmt, weil die Freundeskreise mitfinanzieren“, bestätigt Dorothée Wahl die Machtfülle, die ihnen zukommt.
Jüngere Mitglieder aus Unternehmerkreisen
Heute ist PIN. kein kleiner Verein mehr. Als Bayerns Moderne-Sammlung durch die 2002 fertiggestellte Pinakothek der Moderne endlich ihr eigenes Haus bekam, kamen etliche Unternehmen und heutige Dax-Konzerne als Förderer hinzu. PIN.-Vorstand und festangestellte Mitarbeiter verstehen etwas von Fundraising und Kooperationen. Die Zusammenarbeit mit allgemeinnützigen Stiftungen wurde ausgebaut. „Auf sie können wir beispielsweise auch in wirtschaftlich schwächeren Zeiten bauen“, so Dorothée Wahl. Zuversicht, dass man weitere Jubiläen feiern wird, geben ihr zudem jüngere, engagierte Mitglieder aus Manager- und Unternehmerkreisen. Auf einer PIN.-Auktion beispielsweise hat ein junges Unternehmerpaar die Arbeit „Yellow Telephone“ von Martin Boyce ersteigert und das im Katalog auf 65.000 Euro geschätzte Werk anschließend dem Museum gestiftet.
Doch längst kommt nicht mehr alles Geld und jede Schenkung aus Deutschland. Den Ankauf von Julie Mehretus Gemälde „Strange, in between thing“ finanzierten zwei Chinesen. Das mit dunkel-surrealer Spannung aufgeladene Gemälde „For you beautiful ones my thought is not changeable“ von Ambera Wellmann ging als Schenkung des indonesischen Sammlers und Art Advisors Arif Suherman ein. Für den Ruf dieser Spender ist das nicht das Schlechteste. Noch ist es ein Bonus, wenn die Künstler der eigenen Sammlung auch in einem der besten Moderne-Museen in Good Old Europe vertreten sind.