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Herrenmode Vom Senkel bis zur Sohle: So funktioniert der perfekte Schuh

Qualität und Pflege des Schuhwerks garantieren Wellness für die Füße. Ein Plädoyer zum Wert guter Schuhe mit vier Beispielen.
24.01.2020 - 15:32 Uhr Kommentieren
Mit seinen Schuhen versteht das Haus Ed.Meier München sich als Bastion guten Stils und Geschmacks. (Foto: Eduard Meier München)
Ästhetisch und zeitlos

Mit seinen Schuhen versteht das Haus Ed.Meier München sich als Bastion guten Stils und Geschmacks.

(Foto: Eduard Meier München)

Hamburg Hand aufs Herz, es steht nicht zum Besten um die Schuhkultur des deutschen Mannes. Ob Einkaufssamstag im Alsternähe oder Galadinner im Sternerestaurant: ausgetretene Latschen hier, abgelatschte Treter dort. Oben hui, unten pfui. Man(n) verwechselt Gilb und Schmutz mit Patina, lehnt mit ramponierten Kappen am Kaffeestand und trägt schiefe Absätze zum Amuse bouche. Von der lässigen Grandezza italienischer Mokassins oder der distinguierten Attitüde eines englischen Schnürers ist das so weit weg als wären Rom und London Lichtjahre entfernt.

„Ein Blick auf das gängige Schuhwerk der deutschen Männer legt den Verdacht nahe, dass gute Schuhe hierzulande als überflüssige Investition gelten“, notierte Bernhard Roetzel, Deutschlands Grandseigneur für klassische Garderobe, schon Anfang der 1990er Jahre in seinem Herrenmode-Vademecum „Der Gentleman“. Und daran hat sich offenkundig kaum etwas geändert. Weit über 50 Prozent aller in Deutschland verkauften Schuhe stammen aus Fernost – zusammengeklebter, womöglich mit Plastik besohlter Ramsch.

Dabei sind nicht nur für Roetzel „die Schuhe das wichtigste Kleidungsstück des Mannes“. Indes wird der Stil des vermeintlich gut- oder neudeutsch stylish gekleideten Herrn allenthalben genau dort buchstäblich mit Füßen getreten. Und das, obwohl ein entsprechendes Angebot ebenso vernünftigen wie ansprechenden Schuhzeugs breit vorhanden und durchaus nicht mehr unerschwinglich ist.

Stattdessen wurde der Sneaker, aka weißer Tennis- und vielfarbiger Joggingschuh nicht nur gesellschafts-, sondern zum Anzug sogar salonfähig. Aber das ist eine andere Geschichte.

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    Nun tut ein Einschub not. Der Verfasser dieser Zeilen bekennt sich hiermit zu einer Schuhbegeisterung, die sonst eher der Damenwelt zugeschrieben wird. Denn Opa war schuld. Wo andere Rentner vielleicht in den Petunien pusseln, putzte dieser Großvaters Schuhe. Leidenschaftlich. Pingelig. Hingebungsvoll. Als einstiger Offizier beim berittenen Zoll in den 1930er Jahren war er mit blank gewienertem Lederzeugs ohnehin bestens vertraut.

    Ludwig Reiter ist der einzige Betrieb Österreichs, der klassische, rahmengenähte Schuhe in gewerblichem Umfang produziert. (Foto: Ludwig Reiter)
    Rahmengenähte Machart

    Ludwig Reiter ist der einzige Betrieb Österreichs, der klassische, rahmengenähte Schuhe in gewerblichem Umfang produziert.

    (Foto: Ludwig Reiter)

    Also hockte er am liebsten auf einem winzigen Schemel inmitten eines Sammelsuriums von großen und kleinen Schuhen und verabreichte dem beileibe nicht ungepflegten Schuhwerk der Familie seinen ganz besonderen Schliff. Mit Bürstchen und Creme, Geduld und Spucke – und Händen, denen man bei der Arbeit gern zusah. Nebenbei erzählte er Anekdoten aus seinem Leben. Und entfachte beim Enkel den Sinn für die Ästhetik und den Wert guter Schuhe. Sie haben Charakter. Sind etwas Besonderes. Schön. Erhaltenswert.

    Jahre drauf folgte die väterliche Instruktion, dass ein gestandener Mann unbedingt ordentliche Schuhe tragen müsse. Eine verwaschene Jeans habe nichts Ehrenrühriges, ein ausgebeulter Räuberpullover oder eine speckige Lederjacke ebenso wenig. Doch nichts sei schlimmer an der Garderobe eines Mannes (einer Frau ebenso) als schlampige Schlappen.

    Gute Schuhe sind überdies keine Frage allein der Optik. Sie sind Wellness für die Füße, die nun mal das Fundament der körperlichen Belastungskette darstellen und an dieser Aufgabe lebenslang schwer zu tragen haben – und die im Übrigen den gesamten Organismus beeinflusst. Statistiken sagen, dass selbst der moderne mobile Mensch am Tag durchschnittlich drei Kilometer läuft und am Ende der Lebenszeit ungefähr zweieinhalb Mal die Erde umrundet hat. Zumeist auf unnachgiebigem Grund, auf Stein, Asphalt, Estrich oder Beton.

    Der Fuß wiederum ist wohl das komplexeste orthopädische Ensemble unseres Skeletts, mit je 26 Knochen und den beiden Sesambeinen als Hebel für die Großzehe bringen es die Füße auf knapp ein Viertel aller Knochen im menschlichen Körper (206 bis 215). Diesem hochsensiblen Arrangement gilt es ein ordentliches Bett zu bereiten, mit ihm zu atmen, ihm Halt zu geben. Im Wort- wie im übertragenen Sinn sind gute Schuhe der Garant für sicheres Auftreten.

    „Schuhe sind immer dann gut, wenn sie aus bestem Leder sorgfältig und mit einem großen Anteil von Handarbeit gefertigt wurden“, definiert „Gentleman"-Autor Roetzel. „Diese Kriterien gelten für alle Schuhe, für Mokassins ebenso wie für rahmengenähte Modelle. Letztere bieten das Maximum an gesundem Tragekomfort, an Formbeständigkeit und Lebensdauer.“

    Vier Voraussetzungen freilich braucht es, damit das Prinzip funktioniert: ein gefestigter Hang zu gutem Stil, der nicht von jedem Modefirlefanz über den Haufen geworden wird – und Pflege, Pflege, Pflege. So erhält man sich sehr lange die Freude am Schuhwerk. Das ist bei allen hochwertigen Dingen so. Und hat, nebenbei bemerkt, gleichsam etwas mit Respekt vor der Handwerkskunst zu tun.

    Längst finden sich derartige Exemplare nicht mehr ausschließlich bei Edelschuhmachern wie John Lobb, Ed.Meier München oder Ludwig Reiter, deren Preise ein Bekleidungsbudget durchaus sprengen können. Es gibt mittlerweile hervorragende Leisten, die erschwinglich sind, wenn man vielleicht nur ein wenig auf sie hinspart: Qualitätserzeugnisse aus fabrikmäßiger, trotzdem handwerklicher und ebenfalls nachhaltiger Produktion. Beim Berliner Label Shoepassion beispielsweise, das neben der eigenen Fertigung die Traditionsmarke Heinrich Dinkelacker vertritt und sich auch sonst um die Pflege der Schuhkultur verdient macht.

    Einmal mehr ist all das keine Frage des Sich-Leisten-Könnens, sondern des Sich-Leisten-Wollens. Ein guter Schuh ist ein treuer Gefährte vom Senkel bis zur Sohle, für alle Wege, im Idealfall ein Erwachsenenleben lang. Wie sein Träger weist er mit den Jahren Kerben, Krähenfüße und Narben auf, Spuren der Zeit halt. Doch gepflegte Patina ist keine Schande, nicht im Gesicht und nicht an den Füßen.

    Und jetzt unser Schuh-Grand mit Vieren als Beispiele für gute Schuhe:

    John Lobb

    Mittlerweile hält die Familie Lobb in fünfter Generation den „Royal Warrant“. (Foto: Michael Basche)
    Begehrtes Prädikat

    Mittlerweile hält die Familie Lobb in fünfter Generation den „Royal Warrant“.

    (Foto: Michael Basche)

    Das Stammhaus in 9 St. James’s Street im Londoner West End ist winzig und dennoch eine Walhalla der Schuhmacherkunst. Das Männer- und Lifestyle-Magazin „Esquire“ schwärmte mal vom „schönsten Laden der Welt“. In den Vitrinen steht der Pumps eines indischen Maharadschas neben den Reitstiefeln eines westlichen Nabobs und dem Schuhwerk eines royalen Golfers. Ins Staunen mengt sich der Duft von Leder und vom Holz unzähliger Leisten, viele mit berühmten Namen beschriftet, die im hinteren Teil deckenhohe Regale füllen.

    1866 begann John Lobb sein Handwerk in Englands Kapitale, ursprünglich in der Regent Street. Zuvor hatte der nach einem Unfall gehbehinderte Bauernsohn aus Cornwall in Australien erst Gold gesucht und ab 1849 Stiefel für Goldsucher angefertigt, wofür er bei einer Ausstellung sogar mit einem Ehrenpreis bedacht wurde. Davon ermutigt, schickte Lobb noch aus Down Under ein paar besonders feine Reitstiefel an den Prinzen von Wales und späteren König Edward VII. nach England und wurde von diesem 1863 prompt und noch in Abwesenheit zum königlichen Hoflieferanten ernannt.

    Mittlerweile hält die Familie Lobb in fünfter Generation das begehrte Prädikat „Royal Warrant“ und steht unvermindert für individuell handgearbeitetes Schuhwerk der Extraklasse. Onassis, Sinatra und Caruso trugen Maßschuhe aus der James Street; die heutige Promi-Klientel ist ebenso exklusiv, baut allerdings auf die Diskretion ihres Schuhmachers. Daneben gibt es jedoch kaum weniger exquisite Konfektionsware, seit das französische Luxuslabel Hermès 1978 die schon 1901 etablierte Pariser Niederlassung und Teile des Lobb-Portfolios übernommen hat.

    Ludwig Reiter

    In Wien produziert Ludwig Reiter zeitgemäße Schuhtypen für eine junge, qualitätsbewusste Kundenschicht. (Foto: Ludwig Reiter)
    Großer Name

    In Wien produziert Ludwig Reiter zeitgemäße Schuhtypen für eine junge, qualitätsbewusste Kundenschicht.

    (Foto: Ludwig Reiter)

    Wien ist berühmt für seine Schumacher, und der Name Ludwig Reiter leuchtet an vorderster Stelle. Aus der 1885 von Ludwig Reiter I. und seiner Frau Anna begründeten Werkstatt ist ein Unternehmen von Weltruf geworden. Das zeichnete sich schon zwei Jahre nach der Eröffnung ab, als Reiter Maßstiefel und rahmengenähte Offiziersschuhe für die kaiserlich und königliche Sicherheitswache zu fertigen begann. Dem Sohn Ludwig Reiter II. gebührt das Verdienst, von seinen Lehrjahren u. a. in US-Schuhfabriken das sogenannte Goodyear-Verfahren nach Wien gebracht zu haben, bei dem die Herstellung rahmengenähter Schuhe durch ausgetüftelte Nähmaschinen mit besonderen Einstichwinkeln und Stichradien unterstützt wird.

    So wandelte der Junior den Betrieb ab 1909 in eine kleine Schuhfabrik um, und Ludwig Reiter wurde in der Folge zu einem der führenden Schuhproduzenten in Wien und später unter Ludwig Reiter III. in ganz Österreich. 1985 übernahmen die Brüder Till, Uz und Lukas als vierte Generation das Ruder und entwickelten auf Basis der klassischen Wiener Modelle neue, zeitgemäße Schuhtypen für eine zwar junge, indes qualitätsbewusste Kundenschicht. Der berühmte Maronibrater sei stellvertretend genannt.

    Im Jahr 2000 wurde das Sortiment um handgefertigte Akten- und Reisekoffer, Damenhandtaschen, Reisetaschen und Kleinlederwaren erweitert. Seit 2010 stellt Ludwig Reiter im historischen Schloss Süßenbrunn im Nordosten Wiens – der Gutshof wurde 2008 erworben – mit rund 60 Mitarbeitern jährlich etwa 30.000 Paar Schuhe her und ist der einzige Betrieb Österreichs, der klassische, rahmengenähte Schuhe in gewerblichem Umfang produziert.

    Ed.Meier München

    Bis zu 70 unterschiedliche Weiten-Längen-Kombinationen lassen sich je Leistenform erreichen. (Foto: Eduard Meier München)
    Peduform-Leisten

    Bis zu 70 unterschiedliche Weiten-Längen-Kombinationen lassen sich je Leistenform erreichen.

    (Foto: Eduard Meier München)

    Auch so können gesunde Schuhe aussehen: Bei Ed.Meier München wird dies gern unterschrieben, ist man doch besonders stolz auf orthopädisch korrektes, gleichermaßen ästhetisches und zeitloses Schuhwerk, mit dem sich das Haus als Bastion guten Stils und Geschmacks versteht. Den Grundstein legten Schuhmachermeister Eduard Meier, 1895 als Königlich Bayerischer Hoflieferant gewürdigt, und Wilhelm Eduard Meier, der vor 100 Jahren erstmals in Europa zur Bestimmung der Passform einen Fußdurchleuchtungsapparat einsetzte, das „Pedoskop“, eine Art Röntgengerät. So wollte man detailliertere Erkenntnisse über den Zustand des Fußes im Schuh gewinnen.

    Die entsprechenden Analysen führten zum Peduform-Leisten als Passform für einen orthopädisch korrekten Schuh. „Peduform-Schuhe erhalten die natürliche Gerade Ferse-Großzehe, … unterstützen das mediale und das laterale Längsgewölbe, … straffen das Quergewölbe noch im Bereich der Mittelfußknochen und wahren federnde Elastizität des Fußes und Sprungkraft bei dynamischer Belastung“, heißt es bei Ed.Meier. Bis zu 70 unterschiedliche Weiten-Längen-Kombinationen lassen sich so je Leistenform erreichen, das Ergebnis sind stets Designklassiker mit enormer innerer Langlebigkeit.

    Nachdem Eduard Meier II. die Manufaktur von seinem Vater übernommen und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut hat, leiten heute die Geschwister Peter Eduard und Brigitte Meier die Geschicke des Traditionsunternehmens. Mittlerweile gehörten neben Herren- und Damenschuhen auch Jagdbekleidung, Gesellschaftsgarderobe, Lederwaren und Reisegepäck zum Angebot.

    ShoePassion/Heinrich Dinkelacker

    Bei ShoePassion nutzt man den Reichweitenvorteil des Internets und niedrige Kostenstrukturen. (Foto: Heinrich Dinkelacker)
    Vergleichsweise günstig

    Bei ShoePassion nutzt man den Reichweitenvorteil des Internets und niedrige Kostenstrukturen.

    (Foto: Heinrich Dinkelacker)

    Die Herren hatten eine Mission: 2008 gründeten Tim Keding und Henry Bökemeier in Berlin ihr Label Shoepassion mit dem Anspruch, die Vorzüge hochwertiger, weil rahmengenähter Volllederschuhe zu präsentieren und das Wissen um diesen Stil zu konservieren. „Vielen Käufern erschließt sich auf dem ersten Blick nicht der Mehrwert, den ein guter Schuh zu bieten hat. Der hoch erscheinende Preis schreckt ab und der Griff zum billigen Treter ist zur Normalität geworden“, schreibt Shoepassion, dessen Geschäfte mittlerweile von Björn Henning und Daniel Pokorzynski geführt werden.

    Getreu der Devise „Für uns sind Schuhe kein plumper Gebrauchsgegenstand, sondern Kunstobjekte“ werden die Modelle in Berlin entworfen und in einer südspanischen Manufaktur „gebaut“; das Rohmaterial kommt aus deutschen und französischen Traditionsgerbereien. Durch den Reichweitenvorteil des Internets und niedrige Kostenstrukturen sind Shoepassion-Produkte gegenüber den Erzeugnissen der Edelschuhmacher vergleichsweise günstig. Anfangs wurde die Kollektion ausschließlich im Internet vertrieben, inzwischen jedoch gibt es Shops in deutschen Metropolen und in Wien.

    Seit Ende 2016 hat Shoepassion durch die Fusion mit Heinrich Dinkelacker überdies einen arrivierten Namen im Portfolio. Dinkelacker ist seit 1879 in Baden-Württemberg ansässig und gilt als einer der exklusivsten Hersteller rahmengenähter Schuhe weltweit; seit den 1960er Jahren werden in einer Manufaktur in Budapest gerade mal 25 Paar pro Tag gefertigt. 2005 hatten drei schuhbegeisterte einstige Wirtschafts-Top-Manager, darunter Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, die Firma übernommen und wieder auf profitablen Kurs gebracht.

    Mehr: Der Knigge ist aktueller denn je, auch im Business. Sechs moderne Evergreens der Etikette.

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