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Whistleblower Warum hohe Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden wichtiger nehmen als je zuvor

Die Enthüllungen des ehemaligen CIA-Mitarbeiters liegen sieben Jahre zurück. Ein Ausnahmejournalist zeigt nun, warum sie in Zeiten Trumps relevanter denn je sind.
10.10.2020 - 08:57 Uhr Kommentieren
Barton Gellman war der erste Journalist, dem sich der Whistleblower 2013 anvertraute. Quelle: Laurence Topham / Guardian / eyevine / laif
Edward Snowden

Barton Gellman war der erste Journalist, dem sich der Whistleblower 2013 anvertraute.

(Foto: Laurence Topham / Guardian / eyevine / laif)

Düsseldorf Barton Gellman hätte es sich bequem machen können. Im Frühjahr 2013 besaß der Reporter einen uneinholbaren Startvorsprung bei der größten Story des Jahrzehnts. Gellman war der erste Zeitungsjournalist, dem Edward Snowden sich öffnete. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter vertraute Gellman mehr als 50.000 Dokumente an, vollgestopft mit Details über die massenhafte Überwachung der US-Zivilbevölkerung durch die US-Geheimdienste.

„Dies war die Hollywood-Version eines Leaks – von irgendwo taucht eine unbekannte Quelle auf und hat einen unfassbaren Knüller im Gepäck“, schreibt Gellman in seinem Buch „Der dunkle Spiegel“. Der Reporter mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung konnte sein Glück kaum fassen. „Im wirklichen Leben eines Journalisten passierte das so selten, dass es einem Mythos gleichkam.“ Üblich war in seinem Job, Informationen aus jahrelang gewachsenen Vertrauensverhältnissen zu sammeln. Gellman: „So formten sich viele Einzelteile zu einem Ganzen, das mir niemand direkt anvertraut hätte.“

Im Mai 2013 hatte Gellman das Ganze, auf einmal. Viele der 50.000 Dokumente von Snowden waren mit hohen Geheimhaltungsstufen versehen. Jede neue Story, die Gellman für die „Washington Post“ schrieb, löste ein politisches Erdbeben aus. 2014 erhielt er dafür den Pulitzer-Preis, seinen dritten. Es wäre Gellman ein Leichtes gewesen, seinen Wissensvorsprung zu nutzen, um das erste Buch über Snowden zu schreiben – mit allen verbundenen Vorzügen für Prestige und Finanzen.

Gellman wählte einen steinigeren Weg. Er stritt sich mit Snowden, verlor sein Vertrauen, gewann es wieder. Er reiste zweimal nach Moskau, um seinen Landsmann in dessen Exil zu besuchen – in vollem Bewusstsein, dass ihm amerikanische sowie russische Geheimdienste an den Fersen klebten. Gellmans Buch liest sich teils wie ein Krimi und gewährt einen Blick hinter die Kulissen der „Washington Post“. Wo verlaufen die roten Linien zwischen Chefredaktion, Rechtsabteilung und Verlag, wenn eine Story dem Geheimdienst Verfassungsbruch vorwirft? Gellmans Insiderbericht ist schonungslos.

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    Er geht noch weiter. Sein Status als Reporter erlaubte Gellman, Gespräche mit allen zu führen, die von Snowdens Enthüllungen betroffen waren. Google-Manager, deren ungeheure Datensammlungen es den Geheimdiensten so leicht machten, sie zur Massenüberwachung zu nutzen. Hochrangige Geheimdienstmitarbeiter, mit denen er mal in hitzigen Debatten, mal in intellektuellen Diskursen über die Beziehung zwischen Sicherheit und Freiheit stritt.

    An diesen Stellen ist Gellmans Buch am eindringlichsten. Durch seine langjährige Arbeit über Sicherheitsthemen hatte er Kontakt zu Militärs, die Kritik an den Mitteln im Kampf gegen den Terror für naiv und dumm hielten. Admiral William McRaven warf ihm an den Kopf: „Solange ihr nicht den Abzug drücken müsst, solange ihr nicht eure eigenen Leute begraben müsst, habt ihr nicht die geringste Ahnung.“

    Snowden glaubte, Journalisten würden vor den Mächtigen kuschen

    Mit „ihr“ meinte McRaven die Journalisten. Das Zitat stammt vom 18. Juli 2013. Fünf Wochen zuvor hatte Snowden sich per Video aus Zimmer 1014 im Mira Hotel in Hongkong dazu bekannt, für die Enthüllung lang gehüteter Geheimdienstpraktiken verantwortlich zu sein.

    Sie dominierten seit Tagen die Nachrichten. Powerpoint-Präsentationen, über die der Admiral hinter streng bewachten Türen beratschlagt hatte, wurden nun auf CNN besprochen. Männer wie McRaven glaubten die nationale Sicherheit in Gefahr. Snowden war für sie ein Verräter, die Journalisten seine nützlichen Idioten.

    Bemerkenswert: Der Admiral und Snowden liegen mit ihrer Einschätzung der Medien nicht weit auseinander. „Ich finde, ideologisch gehen Sie nicht weit genug“, sagte Snowden im Verlauf der Geschichte zu Gellman. Der Reporter würde die Machthabenden nicht angreifen, weil sie meinten, dass sich so etwas für die Mainstream-Medien nicht gehöre. Vor ihrem ersten Treffen fragte Snowden: Wie konnte er sicher sein, dass Gellman seine Geschichte nicht verwässern oder auf Befehl der US-Regierung unter den Tisch kehren würde?

    Barton Gellman: Der dunkle Spiegel. Edward Snowden und die globale Überwachungsindustrie.
    S. Fischer
    Frankfurt 2020
    512 Seiten
    25 Euro

    „Diese Frage hatte ich schon öfter gehört“, schreibt Gellman. „Ich fand sie stets befremdlich – als würde ich gefragt, wie viele Tatsachen ich gewöhnlich selbst erfand.“ Dann merkte der Reporter, dass Snowden die Erfindung bestimmter Details als Mittel zum Zweck betrachtete.

    In einem Artikel schrieb Gellman, dass die National Security Agency pro Tag fast fünf Milliarden Aufzeichnungen über Standorte sammelte. „Wir hätten lieber geschrieben, wie vielen Handys die Behörde nachspürte, aber das wussten wir nicht“, schreibt Gellman. Snowdens Vorschlag: „Schreiben Sie ,Handys‘, bis die [NSA] aus der Deckung kommt und verkündet, oh nein, wir spüren nicht fünf Milliarden Handys nach, sondern nur 286 Millionen.“

    Mancher Leser mag Snowden in dieser Episode für pfiffig halten. Journalisten wird seine Nonchalance erschrecken. Hätte Gellman geschrieben, die NSA würde fünf Milliarden Handys orten, hätte die Regierung keine andere Zahl genannt, sondern einfach den ganzen Bericht als Fake News bezeichnet. Snowden verstand diese Tricks der PR-Manager nicht.

    Andere Unterschiede zwischen Snowden und Gellman führten dazu, dass die beiden sich schließlich doch nicht wie geplant in Hongkong trafen. Snowden war 29 Jahre alt, als er diese Reise antrat. Sie als leichtsinnig zu beschreiben wäre untertrieben. Snowden stieg ins Flugzeug ohne jeden Plan dafür, wo er sich nach seinen Enthüllungen verstecken würde. Er sagte weder seiner Freundin, was er vorhatte, noch seinen Eltern.

    Gellman war 52 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Der Reporter wusste, dass China routinemäßig Hongkonger Hotelzimmer verwanzte. Wenn er dort mit Snowden über Belange nationaler Sicherheit plauderte, würde ihm dies Amerika als Landesverrat auslegen, erklärten ihm die Anwälte der „Washington Post“. Sollte Gellman von chinesischen Sicherheitskräften festgesetzt werden, die sich ihrerseits für Snowdens Dokumente interessierten, dürfte er nicht viel Unterstützung aus der US-Botschaft erwarten.

    Der Reporter zeichnet Snowden weder als Helden noch als Verräter. Quelle: Polaris/laif
    Barton Gellman

    Der Reporter zeichnet Snowden weder als Helden noch als Verräter.

    (Foto: Polaris/laif)

    Gellman löste das Dilemma, indem er seine Geschichten in den USA schrieb. Es entbrannte ein Wettstreit mit Glenn Greenwald. Der Kolumnist des britischen „Guardian“ war der ursprüngliche Wunschpartner von Snowden auf journalistischer Seite gewesen. Eine Wahl, an der Snowden fast verzweifelte.

    Obwohl er regelmäßig über die Vergehen der US-Geheimdienste schrieb, zeigte sich Greenwald nicht in der Lage, auf verschlüsselte Mails zu antworten. Selbst als Snowden ihm ein Anleitungsvideo schickte, half dies Greenwald nicht über seine Tech-Schwäche hinweg. Der Whistleblower wandte sich enttäuscht ab.

    Erst als Gellman die Reise nach Hongkong ablehnte, kam Greenwald wieder ins Spiel. Und wurde Greenwald zur Story seines Lebens praktisch gezwungen, versagte er auch dabei, seinen Informanten zu schützen. Bei der wilden Rettungsaktion, mit der Snowden schließlich die Flucht nach Moskau gelang, spielte Greenwald keine Rolle.

    Geheimdienstchef hält Tyrannei durch Trump für denkbar

    Sieben Jahre sind eine lange Zeit, um ein Thema zu recherchieren. Gellmans Buch zeigt, wie sehr sich Beharrlichkeit in seinem Beruf lohnt. Seine Geheimdienstkontakte, die nach den ersten Geschichten über Snowden den Kontakt mit ihm abbrachen, sprachen mit der Zeit wieder mit ihm – intensiver als je zuvor. Seit US-Präsident Donald Trump seinen eigenen Krieg gegen den Sicherheitsapparat führt, hat sich auch ihre Wahrnehmung verschoben.

    Snowden warnte 2013, der Apparat der elektronischen Überwachung habe eine solche Reichweite erlangt, dass sein Missbrauchspotenzial zu groß geworden sei. „Das Einzige, was die Aktivitäten des Überwachungsstaates eindämmt, ist die Politik“, sagte Snowden in seinem ersten Video-Interview. Und Politik könne sich wandeln. „Dann können die Menschen nichts mehr tun, um dagegen einzuschreiten. Das wäre eine schlüsselfertige Tyrannei.“

    Fünf Jahre später traf sich Gellman mit dem ehemaligen Geheimdienstdirektor James Clapper in einem Restaurant in Virginia. Nach Gellmans Artikeln auf Basis der Snowden-Dokumente hatte Clapper ihm vorgeworfen, sich gemeinsam mit dem Whistleblower an einer kriminellen Verschwörung beteiligt zu haben. Snowden handele unverantwortlich, sagte Clapper, seine angebliche Sorge um mögliche Übergriffe der US-Machthaber gegen die US-Bevölkerung sei bloße Fantasie. Snowden wolle sich nur wichtigmachen.

    Das Einzige, was die Aktivitäten des Überwachungsstaats eindämmt, ist die Politik. Edward Snowden

    Nun, im Juli 2018 wurde Clapper von seinem eigenen Präsidenten angegriffen. Donald Trump warf dem ehemaligen Geheimdienstchef vor, er sei ein Lügner und an einem Komplott der Medien gegen den US-Präsidenten beteiligt. Trump drohte Clapper, der seine Militärkarriere 1964 bei der US-Luftwaffe begann und seinem Land seit mehr als 50 Jahren gedient hatte, seine Sicherheitsfreigabe zu entziehen.

    Clapper war konsterniert. Er habe sich das Horrorszenario nicht vorstellen können, das Snowden 2013 an die Wand malte, sagte der erfahrene Geheimdienstmann. Nun sei ihm klar: Das amerikanische System der Checks und Balances sei fragil. „Es gründet auf Menschen, die sich auf eine bestimmte Weise verhalten, auf Konformität mit den Leitlinien dieses Landes, auf die Verfassung und langjährige Praxis und Verfahren“, sagt Clapper in Gellmans Buch. „Und all das hat sich wegen Trump, nun ja, in Luft aufgelöst. In der Zeit vor Trump hat man ganz anders gedacht. Das war fast schon das Zeitalter der Unschuld.“

    Mehr: „Permanent Record“: Was Edward Snowdens Biografie über den Whistleblower verrät – und was nicht

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