Geförderte Altersvorsorge: Warum die Kapitalgarantie bei der Riester-Rente ein Problem ist
Die geförderte Zusatzversicherung soll im Alter helfen.
Foto: UnsplashFrankfurt. Sie war sicher gut gemeint, führt aber mitnichten zum Ziel: die Kapitalgarantie für die geförderte private Altersvorsorge namens Riester-Rente. Unterm Strich verhindert diese Verpflichtung, die eingezahlten Beiträge zum Beginn der Auszahlphase zu garantieren, dass das in der Regel für Jahrzehnte angelegte Kapital ausreichend stark in Aktien angelegt wird. Chancen auf Rendite schwinden damit.
Kein Wunder, dass vor allem die Anbieter der Fondsprodukte bei der geplanten Riester-Reform eine Abschaffung der Kapitalgarantie fordern. Verbraucherschützer wollen sogar mehr. Die Bundesregierung bereitet eine Reform vor. Sparer können aber schon heute etwas tun.
„Es kommt nicht überraschend, dass Riester-Verträge im Crash wieder auffallen. Das Problem wird nun zum zweiten Mal offenbart“, sagt Niels Nauhauser, Abteilungsleiter für Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Schon in der Finanzkrise 2008 wurden Milliarden geförderter Altersvorsorge-Euro aus Aktien in Anleihen umgeschichtet. „Die Krise zeigt die Schwäche der Riester-Rente“, bekräftigt Stefan Schießer, Chef der Frankfurter Honorarberatung.
Das zentrale Problem: In Phasen einbrechender Aktienkurse wie zuletzt vor zwölf Jahren schichten Manager von Riester-Fondsverträgen Kapital aus den im Kurs schwankenden Aktien in Anleihen um – damit sie in jedem Fall die gesetzliche Kapitalgarantie erfüllen können. Erst wenn dieser Puffer da ist, kann Geld wieder in Aktien fließen. Oft stecken Riester-Anleger damit in den aktuell kaum verzinsten Anleihen fest, statt längerfristig wieder von Renditechancen mit Aktien zu profitieren.
Das betrifft immerhin rund ein Fünftel der 16,5 Millionen Riester-Verträge, die in Fonds anlegen. Die meisten Riester-Verträge sind allerdings Versicherungen. Vor allem die Riester-Policen werden als zu teuer, zu starr und zu renditeschwach kritisiert. Doch auch die Versicherer investieren wegen der Kapitalgarantie relativ wenig in Aktien, halten aber nie so hohe Quoten wie Fonds. Durch die Garantie können Fonds ihre eigentliche Stärke nicht ausspielen.
Krass ist der Fall des kleinen, neueren Anbieters Fairr, inzwischen eine Tochter des Berliner Finanz-Start-ups Raisin: Fairr hat alle Aktien-ETFs aus seinen Riester-Verträgen in „fünfstelliger“ Anzahl verkauft und hält nun 90 Prozent des Vermögens in Liquidität, zehn Prozent in Anleihen. Dies, weil eine „verlässliche Risikomodellierung“ angesichts der extremen Schwankungen bei Aktien und Anleihen nicht mehr möglich gewesen sei, erklärt Chefanlagestratege Kim Fomm von Raisin.
Für die Riester-Kapitalgarantie bei Fairr sorgt die Hamburger Sutorbank. Ein schrittweiser Wiedereinstieg sei geplant, sobald sich die extreme Marktverwerfung beruhigt habe, sagt Fomm – wann, sei noch unklar.
Rund 3,3 Millionen Fonds-Riester-Verträge gibt es
Umschichten mussten auch die großen Fondsanbieter: Sie allerdings fahren aufwendige Risikomanagementsysteme und haben unterschiedlich hohe Anteile in Anleihen gepackt.
Die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, Nummer zwei am Riester-Fondsmarkt mit rund 700.000 Verträgen und knapp acht Milliarden Euro Vermögen, hält in ihrem neueren Produkt namens „Riester Rente Premium“ kaum Aktien: „In Zeiten der Negativzinsen müssen die gesamten Einzahlungen in sichere Anleihen fließen, um die Garantie mit sicheren Anlagen zu unterlegen“, regt sich Frank Breiting, der bei der DWS Altersvorsorgeprodukte verantwortet, auf.
Wegen der Negativzinsen baue die DWS sogar nach und nach Aktien ab, da jeder Beitrag in Zeiten negativer Zinsen Risikobudget der Kunden aufbrauche. Gebühren müssen außerdem bezahlt werden: Dieses Produkt ist gezillmert, somit fallen alle Gebühren in den ersten fünf Jahren der Laufzeit an und nicht wie bei anderen Fonds-Riesterverträgen über die gesamte Laufzeit. Die DWS bewirbt das Produkt nicht mehr aktiv.
Für Neukunden mache das Riester-Produkt ohne eine erkennbare Aktienquote als Kapitalanlage keinen Sinn, sagt Breiting. Beim älteren DWS-Produkt „Top-Rente“ ist der Aktienanteil in der Krise um rund ein Viertel abgebaut worden, wie Breiting sagt. Im Bestand beträgt der Aktienanteil im Schnitt jetzt noch zwischen gut einem Viertel und knapp 40 Prozent – hier konnte in Zeiten höherer Zinsen mehr Puffer aufgebaut werden.
Auch Marktführer Union Investment hat ebenfalls für einen Teil seiner 1,9 Millionen Riester-Kunden mit 16,3 Milliarden Euro Vermögen aus Aktien umgeschichtet. Allerdings bleibt bei den meisten Verträgen der „Uni Profirente“ immer eine Mindest-Aktienquote von zehn Prozent bestehen. Im zweiten, jüngeren Produkt namens „Uni Profirente Select“ liegt diese Quote bei jüngeren Sparern bei 30 Prozent.
Aktuell schichtet Union bereits wieder schrittweise in Aktien um. Ein Trendfolgemodell, das nach den Erfahrungen mit dem Börsenabsturz 2008 eingebaut wurde, lässt die Fondsmanager relativ flexibel auf Börsen-Auf-und-Abs reagieren und umschichten. Das Alter eines Vertragsinhabers spielt aber eine entscheidende Rolle. Aktuell beträgt die Aktienquote 51 Prozent des gesamten Riester-Vermögens. Ihren relativ hohen Aktienanteil erklärt Union mit ihrem Gebührenmodell und der Strategie, von Anfang an auch auf Aktien zu setzen.
Der dritte große Anbieter von Riester-Fonds, die Sparkassentochter Deka, hat bei ihren gut 700 000 Riester-Kunden und gut fünf Milliarden Euro Vermögen einen Großteil in defensive Fonds umgeschichtet. Nach dem dynamischen Wertsicherungsansatz des „Deka Zukunftsplan“ kann laut Deka bei einer Markterholung der Aktienanteil wieder erhöht werden.
Eine Reform scheint langsam konkret zu werden
Über eines sind sich Fondsanbieter, Berater und Verbraucherschützer einig: Die lästige Kapitalgarantie muss weg. Der Reformbedarf bei der Riester-Rente ist in Berlin seit Jahren Thema: Was sich die Bundesregierung 2017 in ihren Koalitionsvertrag geschrieben hat, soll nun möglichst noch in dieser Legislaturperiode Gesetz werden, heißt es in Berlin.
Die Bundesregierung will im Dialog mit der Finanzwirtschaft unter Führung der Versicherungswirtschaft ein Riester-Standardprodukt schaffen. „Der Dialog im Sinne des Koalitionsvertrags hat mittlerweile begonnen“, bestätigt das Bundesfinanzministerium. Die Finanzbranche bekommt nach dem Beschluss auf dem CDU-Parteitag drei Jahre Zeit, mithilfe besserer Produkte die Reichweite von Riester um 30 Prozent zu steigern – sonst droht eine staatlich organisierte Lösung.
Die Finanzbranche hat einen gemeinsamen Vorschlag eingereicht: für ein einfaches Standardprodukt mit gelockerter Kapitalgarantie, eine einfache Förderung von 50 Prozent der gezahlten Beiträge und ein einfacheres Zulagenverfahren. Für die Fondsindustrie ist eine geringere Kapitalgarantie der wichtigste Punkt: „Die Kapitalgarantie muss gelockert werden, damit ein adäquater Anteil des Vorsorgekapitals in Aktien fließen kann“, betont Breiting von der DWS.
„Bei einem Produkt mit einer Garantie von etwa 60 bis 80 Prozent zum Ende der Laufzeit könnten wir deutlich höhere Aktienfondsquoten anbieten, zusätzlich wären die Chancen für eine Rückumschichtung in Aktien sehr viel größer“, ergänzt Björn Deyer, Altersvorsorgeexperte bei Union Investment. Darüber hinaus hofft die Fondsbranche auf eine Erlaubnis, in weiteren Riester-Produkten ganz auf Garantien verzichten zu dürfen. „Dann könnten wir eine bessere geförderte Altersvorsorge anbieten als jetzt“, meint Breiting.
Honorarberater Schießer bezeichnete dies als den „Königsweg“ – wenn also jeder Sparer wählen dürfte, ob er eine Garantie fürs Vorsorgekapital möchte oder nicht. Verbraucherschützer Nauhauser geht das nicht weit genug: Auch ohne Garantie bekämen die meisten Sparer nicht das für sie passende Produkt, sondern das für den Berater lukrativste. Die Verbraucherschützer schlagen einen staatlich organisierten, geförderten Vorsorgefonds vor.
Riester-Sparer können schon heute ihren Vertrag anpassen
Indes rät Nauhauser Riester-Sparern, sich „Klarheit darüber zu verschaffen, was mit dem eigenen Geld passiert“. Wenn die Aktienquote nicht zu den eigenen Prioritäten passe, empfiehlt er einen Vertrags- oder Anbieterwechsel. Dieser gefährdet nicht die Förderzahlungen und kostet bei den meisten Fondsverträgen keine Abschlussgebühren. Wer etwa mit einem Kapital von 13.000 Euro zu einem neuen Anbieter gehe, habe je nach Alter die Chance auf eine etwas höhere Aktienquote.
Denn das Garantiekapital betrage dann diese Summe und nicht mehr das vermutlich vorher höhere Ausgangsniveau. Manche Anbieter erlassen Wechslern auch die Hälfte der Fonds-Kaufgebühren, der Ausgabeaufschläge.
Einfach den Vertrag auflösen und die Förderung verlieren macht dagegen wenig Sinn, mahnt Berater Schießer: Die Riester-Rente lohne sich für die allermeisten Sparer schon wegen der Zulagen und der Steuervorteile.