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Spitzenbanker Nicastro „Die Hilfspakete für die italienischen Unternehmen reichen nicht“

Roberto Nicastro, einer der renommiertesten Banker Italiens, rechnet frühestens 2021 mit dem Ende der Coronakrise. Er fürchtet große Schäden, wenn die Politik nicht schneller reagiert.
20.04.2020 - 14:48 Uhr 2 Kommentare
Roberto Nicastro: „Die Hilfspakete für die italienischen Unternehmen reichen nicht“ Quelle: Bloomberg/Getty Images
Roberto Nicastro

Der italienische Banker fordert bei der Rettungspolitik mehr Tempo.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Rom Italien steckt tief in der Krise: Das Land, das in Europa mit mehr als 23.000 Toten am stärksten vom Coronavirus betroffen ist, gerät durch den Lockdown und den seit mehr als einen Monat andauernden Stopp der Produktion in eine harte Rezession.

Einen Wachstumseinbruch von 9,1 Prozent hat der Internationale Währungsfonds gerade geschätzt, deutlich mehr als die Prognose für die Euro-Zone von 7,5 Prozent. Außerdem hat Italien hohe Schulden und damit weniger finanziellen Spielraum. „Der Zusammenbruch ist heftig“, sagt Spitzenbanker Roberto Nicastro. „Frühestens Anfang 2021 kann die Krise überwunden sein.“

Nicastro ist einer der renommiertesten Banker Italiens. Früher war er Generaldirektor von Unicredit, heute ist er Vizepräsident von UBI Banca und außerdem Europaberater des Finanzinvestors Cerberus.

Der Spitzenbanker mahnt: Jetzt habe Italien die Wahl. „Entweder wir schaffen es, mit den Hilfsmaßnahmen schnell wieder zu starten, dann können wir die Krise als vorübergehend einstufen. Oder wir warten.“ Das sei aber die schlechtere Alternative. Dann gebe es einen irreparablen Schaden für das Land. 

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    Das erste Hilfspaket der Regierung für die Realwirtschaft von Anfang April hat ein Volumen von 400 Milliarden Euro und soll den Unternehmen Liquidität bringen. Seitdem gibt es eine Flut von Anträgen für Notfalldarlehen und Kreditstundungen bei den Banken. Aber die Weitergabe hakt. So sehr, dass die Notenbank Banca d’Italia eigens in einem Schreiben an die Finanzbranche anmahnen musste, „die Anstrengungen zu intensivieren“, um in dieser Phase des nationalen Notstands den Zugang zu Krediten zu erleichtern.

    Italienische Banken im Dilemma

    Vielen Banken ist das Ausfallrisiko zu groß. Kreditverluste drohen, obwohl der Staat einen Großteil der Garantien übernimmt. Denn diese sind auf das Jahr 2020 begrenzt, wie Nicastro erklärt. Außerdem bürge der Staat nur für kleinere Firmen mit Darlehen bis 25.000 Euro mit 100 Prozent. „Bei den größeren ist die Bank mit drin und wird sich vorsehen, das Geld nicht an die zu geben, die nicht zurückzahlen können.“

    Nicastro sieht die heimischen Banken in einem Dilemma: „Geben wir das Geld schnell, damit die Unternehmen schnell wieder durchstarten, dann riskieren wir strafrechtliche Probleme. Oder wir berücksichtigen die rigorosen Vorschriften und nehmen eine Zeitverzögerung in Kauf.“

    Die Banken bräuchten zumindest die Möglichkeit, Täuschungsversuche zu erkennen, sagt der Mailänder Finanzexperte. Immerhin gebe es im Moment mindestens 1,5 Millionen Kunden, die Kredite angefragt hätten, und rund eine Million Kunden, die ihre Bank nach einer Vorauszahlung für das Kurzarbeitergeld gefragt hätten.

    Im März hat die EZB-Bankenaufsicht Änderungen der Eigenkapitalrichtlinien beschlossen, um den Banken zu helfen. Das sollte insbesondere auch den Geldhäusern in den südeuropäischen Staaten helfen, von denen viele noch immer unter faulen Krediten aus der Finanzkrise 2008 ächzen. 

    „Die Banken wissen natürlich genau, dass das und auch die Aufschiebung der Stresstests nur eine temporäre Hilfe ist“, relativiert Nicastro. „Alle sind sich darüber im Klaren, dass es jetzt um einen Puffer geht, bis die Krise vorüber ist.“ Die Regeln selbst würden nicht geändert, es gehe um provisorische Maßnahmen.

    Die Gefahr einer systemischen Bankenkrise in Italien durch anwachsende Kreditausfälle und abschmelzende Renditen sieht Nicastro trotzdem nicht. Die Finanzbranche könne die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen überstehen.

    Rekapitalisierung und Abbau der Altlasten

    Das gelte auch für Problemhäuser wie Monte dei Paschi oder Banca Carige. Die Banken seien rekapitalisiert worden. Auch beim Abbau der Altlasten seien die heimischen Institute gut vorangekommen. „Die notleidenden Kredite sind netto vom Höhepunkt  2015/16, als sie bei zwölf, dreizehn Prozent lagen, auf vier Prozent gesunken, das ist eine deutliche Verbesserung.“ Dazu komme der Personalabbau in der Branche von bis heute rund 50.000 Mitarbeitern, und das ohne Entlassungen. 

    Fusionen oder Übernahmen hält Nicastro nicht für dringend, auch nicht im Angesicht der Coronakrise. Denn Größe sei nicht der entscheidende Faktor. „Was zählt, sind Technologie und Kompetenz.“

    So sei in Italien die innovativste Bank nicht eine der großen, sondern die Banca Sella, eine alte Privatbank, Nummer 16 in Italien. Und die größte Rentabilität erziele die Credito Emiliano, die zwölftgrößte Bank des Landes. „Es geht um gutes Management. Aber das gilt ja auch in Deutschland, ich denke an N26 und auf der anderen Seite ING-Diba. Das sind keine großen Banken, sie sind aber am schnellsten gewachsen.“ 

    Skeptisch ist Nicastro, was den EU-Gipfel am Donnerstag angeht. „Die Logik müsste zu einem Erfolg führen, wir sind konstruktiv und optimistisch, aber ob das reicht, weiß ich nicht.“ Ein Einsatz des Europäischen Sicherheitsmechanismus EWS „ohne Troika“ und die Einführung von Corona-Bonds, über die jetzt gestritten werde, seien Elemente für die politische Rhetorik in Italien mit Blick auf die Wähler.

    „Was wir brauchen, ist ein kleiner Marshallplan, also ein Teilen der Kosten“, sagt Nicastro. Er fordert wie andere in Italien einheitliche Hilfsprogramme und nicht nur Notfalldarlehen. „Ich glaube, dass es ein objektives Interesse des Systems Europa gibt, zu gewährleisten, dass die notwendigen Investitionen gemacht werden, um die Krise zu meistern.“

    Ein Land wie Italien komme nicht allein und schnell aus der Notlage heraus. „Es ist klar, dass die Hilfspakete für die italienischen Unternehmen nicht reichen, dass mehr Geld benötigt wird.“ Denn Italien könne nicht wie Deutschland fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufbringen oder wie die USA elf Prozent, sondern nur 1,3 Prozent. 

    Je geschlossener die Europäische Union auf die Coronakrise reagiere, so Nicastro, desto besser könne auch das zweite Virus bekämpft werden: das Anwachsen der populistischen Kräfte. „Wir können uns keine Verzögerung leisten.“

    Mehr: Italiens Regierungschef Conte pocht weiter auf Euro-Bonds.

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    2 Kommentare zu "Spitzenbanker Nicastro: „Die Hilfspakete für die italienischen Unternehmen reichen nicht“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Italiens Ruf nach Coronabonds heißt doch nur: sie wissen sonst nicht, wo das Geld herkommen soll. Einen Soli oder Ähnliches können Italiener sich nicht vorstellen, er würde eh nicht reichen. Wahrscheinlich wäre das einfachste und fairste in dieser Situation, dass die EZB für alle Euroländer ein Einwohnerzahlabhängiges Corona-Anleihecontingent aufkauft mit bestimmten Bedingungen, z.B. Laufzeit 20 Jahre, 2.000 - 3.000 EUR, vielleicht sogar 10.000 EUR pro Einwohner, Zinsen 2%. Ansonsten kann jeder mit dem Kontingent tun, was er will.
      Dann ist jedes Land für sein eigenes Kontingent haftbar, alle können selbst entscheiden, was zu tun ist und: Die Südländer sind erstmal aus der Patsche!

    • Eine immer weitergehende Verschuldung oder gar Coronabonds zu legitimieren mit dem Anwachsen populistischer Kräfte ist unredlich. Italien war schon vor der Coronakrise immens verschuldet und hat es nicht geschafft Steuern einzutreiben , Rentenalter zu erhöhen, die Staatsausgaben zu senken. Es lebt seit Jahrzehnten auf Pump. Wohlhabende Bürger und ein armer Staat, da nicht fähig Reformen durchzusetzen.

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