Ukraine-Krieg: EZB sieht Russlandgeschäft und Dividendenpläne von Unicredit kritisch
Trotz des Ukrainekriegs führen die Italiener ihr Geschäft in Russland weiter fort. Die EZB stuft das als Risikoquelle ein.
Foto: imago/ITAR-TASSFrankfurt. Unicredit-Chef Andrea Orcel stößt bei der europäischen Bankenaufsicht mit Teilen seiner Strategie auf Widerstand. Die Europäische Zentralbank (EZB) sehe den zögerlichen Rückzug der Bank aus Russland und Orcels üppige Dividendenpläne kritisch, sagten mehrere mit dem Thema vertraute Personen dem Handelsblatt.
Der Mutterkonzern der Münchener Hypo-Vereinsbank (HVB) hat angekündigt, bis Ende 2024 insgesamt 16 Milliarden Euro an seine Aktionäre auszuschütten. Viele Bankenaufseher finden diese Zusage im aktuellen Umfeld unpassend. Aus ihrer Sicht müssen Banken im Allgemeinen und Unicredit im Speziellen angesichts der drohenden Rezession möglichst dicke Kapitalpuffer bewahren, um für drohende Kreditausfälle gewappnet zu sein.
Andrea Enria, der Chef der EZB-Bankenaufsicht, rief alle Geldhäuser vor wenigen Wochen dazu auf, ihre Kapitalpläne angesichts der Energiekrise und der eingetrübten makroökonomischen Lage zu überarbeiten. „Wir haben die Banken aufgefordert, uns aktualisierte Kapitalpläne zu übermitteln“, sagte Enria bei einer Rede in Wien. Diese Pläne und andere Analysen sollten zeigen, wie verletzlich einzelne Geldhäuser im aktuellen Umfeld seien und wie die Finanzaufsicht darauf reagiere.
Neben Unicredit führt die EZB Insidern zufolge aktuell auch mit zahlreichen anderen Geldhäusern intensive Debatten über geplante Dividenden und Aktienrückkäufe. Diese hat die Finanzaufsicht – anders als zu Beginn der Coronapandemie – nicht grundsätzlich untersagt.
Sie müssen aus Sicht der Finanzaufsicht aber angemessen konservativ sein. Viele Banken würden angesichts guter Geschäfte in den zurückliegenden Quartalen dagegen gerne mehr ausschütten, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen.
Dass die EZB nicht grundsätzlich dagegen ist, wenn Banken ihre Aktionäre an ihrem Erfolg teilhaben lassen, zeigte sich im August. Da gab die Finanzaufsicht grünes Licht für einen rund eine Milliarde Euro schweren Aktienrückkauf von Unicredit.
Orcel will Russlandgeschäft nicht verschenken
Die Bank steht in der aktuellen Situation besonders im Blickpunkt, weil das Institut im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Geldhäusern noch signifikant in Russland vertreten ist. Ende des dritten Quartals belief sich das Gesamtengagement der Italiener in Russland auf 6,2 Milliarden Euro.
Das Institut will sich nach eigenen Angaben „geordnet und entschlossen“ aus Russland zurückziehen. Das Geschäft an einen Oligarchen quasi zu verschenken, kommt für Vorstandschef Orcel aber nicht infrage. „Ich fände es falsch und auch mit der Idee der Sanktionen nicht vereinbar, wenn wir ein Geschäft, das mehr als drei Milliarden Euro wert ist, für einen Euro weggeben“, sagte er im September im Handelsblatt-Interview.
Bislang hat von den europäischen Banken mit Russlandengagement lediglich die französische Société Générale (SocGen) einen Verkauf abgeschlossen. Sie veräußerte bereits im April ihre Russlandtochter Rosbank sowie deren Versicherungstöchter an den russischen Milliardär Wladimir Potanin. Für SocGen war der Verkauf ein Verlustgeschäft: Die Bank musste nach eigenen Angaben etwa zwei Milliarden Euro abschreiben.
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Die europäische Finanzaufsicht dringt Insidern zufolge nicht auf einen Notverkauf des Russlandgeschäfts von Unicredit. Sie verlangt vom Mailänder Institut und anderen Geldhäusern jedoch regelmäßig „Fortschrittsberichte“ darüber, wie diese mit dem Russlandengagement umgehen und wie sie die damit verbundenen Risiken absichern.
Die EZB wollte sich zum Konflikt mit Unicredit, über den zuerst die „Financial Times“ berichtet hatte, nicht äußern. Unicredit erklärte, die Notenbank habe den Umbau der Bank unter Vorstandschef Orcel eng begleitet. Die öffentliche Unterstützung dafür zeige, dass die Finanzaufsicht der Bank vertraue.
Verkaufspläne scheiterten mehrfach an neuen Sanktionen
Unicredit hat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine mehrmals versucht, ihr Russlandgeschäft zu verkaufen, heißt es in Finanzkreisen. Interesse habe es unter anderem von Instituten aus Russland, der Türkei, China und Indien gegeben. Unicredit habe mehrmals kurz vor einem Deal gestanden, doch dann seien neue Sanktionen beschlossen worden, die das Geschäft verhinderten.
Zuletzt hatte die russische Regierung Ende Oktober einen Erlass veröffentlicht. Demnach brauchen 45 in Russland agierende Banken nunmehr auch eine Sondergenehmigung von Kremlchef Wladimir Putin, wenn sie Aktien oder das Eigenkapital der Banken veräußern wollen. Das bedeutet: Wollen die Kreditinstitute ihr Russlandgeschäft verkaufen, muss die Zustimmung des Präsidenten her.
Auf der Liste stehen Institute wie die Russlandtöchter der österreichischen Raiffeisen Bank International, der britischen HSBC, der US-amerikanischen Citibank – und eben auch die Unicredit.
Bislang mussten lediglich das russische Finanzministerium sowie die russische Zentralbank derartigen Verkäufen zustimmen. Bei der Notenbank ist dies immer der Fall, wenn Anteile von mehr als zehn Prozent erworben werden. Nun müssen die Institute noch eine weitere Hürde nehmen, wenn sie einen Verkauf erwägen.