Zahlungsdienstleister: Klarna-Chef will mit neuem Kapital auch neue Bankprodukte anbieten
Der Klarna-Co-Gründer und Geschäftsführer will mit seinem Fintech noch stärker ins Geschäft mit privaten Bankkunden vordringen.
Foto: KlarnaFrankfurt. Den schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna sollten nicht nur Konkurrenten wie Paypal und Adyen im Auge behalten. Auch klassischen Banken könnte das Finanz-Start-up (Fintech) künftig Marktanteile streitig machen. Klarna jedenfalls verfügt nun über frische Mittel für neue Projekte: Wie das 2005 gegründete Unternehmen an diesem Dienstag bekanntgab, hat es gerade 650 Millionen Dollar von Investoren erhalten.
Mit dem Kapital will es sein weiteres Wachstum finanzieren. Co-Gründer und Geschäftsführer Sebastian Siemiatkowski hat dabei insbesondere das Geschäft mit privaten Bankkunden im Blick. „Wir wollen unsere Kunden bei ihren täglichen Finanzgeschäften unterstützen, beim Bezahlen im Internet, im Restaurant, aber auch beim Managen ihrer Finanzen“, sagte er dem Handelsblatt. „Für ein Unternehmen wie uns, das nicht durch alte IT-Systeme ausgebremst wird und sich auf die Kundenbedürfnisse fokussiert, sehe ich im Retail-Banking große Chancen.“
Dabei wolle er Klarna ungern in eine bestimmte Schublade als Banking-Fintech oder Zahlungsdienstleister stecken. Zu den Leistungen könnten digitale Bezahlmethoden, Kreditkarten, Banking-Apps oder Preisvergleiche zählen. Speziell für den deutschen Markt seien in den nächsten sechs bis zwölf Monaten weitere Bankprodukte geplant. Bisher bietet Klarna hier eine Kreditkarte und Festgeldkonten an. Branchenexperten halten die Einführung eines Girokontos für wahrscheinlich.
Mit dem frischen Kapital bekommt auch Klarnas Bewertung einen Schub. Sie verdoppelt sich nahezu auf knapp 10,7 Milliarden Dollar, umgerechnet rund neun Milliarden Euro. Klarna ist damit das mit Abstand wertvollste nicht börsennotierte Fintech Europas. Checkout.com, ebenfalls ein Zahlungsdienstleister, kommt auf 5,5 Milliarden Dollar. Weltweit kommt Klarna nach eigenen Angaben auf Platz vier.
Dass die Firma vor einer neuen Finanzierungsrunde steht, war bereits vor einigen Tagen durchgesickert. Zu den Investoren zählen unter anderem Silver Lake, eine der großen Technologie-Investmentfirmen, und der Staatsfonds GIC aus Singapur.
Boom lockt Investoren
Wie andere Zahlungsdienstleister profitiert auch Klarna vom weltweiten Trend zum Onlineshopping. Beschleunigt wird die Entwicklung durch die Coronakrise. Zwar geben viele Menschen weniger Geld aus, weil sie ihren Job verloren haben oder das fürchten. Zugleich aber kaufen Verbraucher zunehmend per Internet ein, statt in Geschäfte zu gehen. Die entsprechenden Onlinezahlungen wickeln Firmen wie Klarna, Adyen, Worldline und Nets ab. Bis zu Bilanzskandal und Pleite zählte auch Wirecard zu den Wettbewerbern.
Im Gegensatz zu anderen Zahlungsdienstleistern agiert Klarna aber nicht nur im Hintergrund, sondern baut zunehmend eine Marke bei Endkunden auf. Aktuell zählt es 90 Millionen Verbraucherkunden. Dazu trägt auch die sogenannte „Direct-to-Consumer-App“ bei, die bisher in den USA, Australien und Schweden verfügbar ist. Die Besonderheit: Nutzer öffnen die App, steuern daraus einen beliebigen Onlineshop an und können beim Kaufabschluss eine Einmal-Kreditkarte von Klarna erstellen.
Siemiatkowski erklärt den Vorteil: „Verbraucher können Klarna und die damit verbundenen Leistungen wie Rechnungs- und Ratenkauf nutzen, ohne dass wir mit jedem einzelnen Shop einen Vertrag geschlossen haben.“ Auch in Deutschland und anderen Märkten solle die App in den nächsten Monaten starten.
Zugleich setzt Klarna laut Siemiatkowski weiter darauf, möglichst viele Händler in sein „Ökosystem“ einzubinden. So könnten auch Rabatte für die Kunden ermöglicht werden. Deutschland war bislang der wichtigste Markt für das Fintech. Zuletzt habe aber auch das Geschäft in den USA stark an Bedeutung gewonnen, so Siemiatkowski. Hier werde er weiter stark investieren. Auch eine lokale Banklizenz könne dort in Zukunft sinnvoll sein.
Angesichts des Booms des Onlineshoppings pumpen Investoren viel Geld in Zahlungsdienstleister. Erst vergangene Woche war bekannt geworden, dass der niederländische Zahlungsabwickler Mollie 90 Millionen Euro erhält und nun mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird – womit auch Mollie zu den sogenannten Einhörnern unter den Fintechs zählt.
Der schwedische Zahlungsdienstleister sammelt frische Mittel ein.
Foto: dpaIn der Vergangenheit hatte Siemiatkowski wiederholt Interesse an einem Börsengang bekundet. „Ein Börsengang wäre noch mal eine zusätzliche Qualifizierung und hätte den Vorteil, dass bisherige Gesellschafter einfacher ihre Anteile verkaufen können“, sagte er dem Handelsblatt.
„Anderseits sind wir schon heute eine regulierte Bank und haben Berichtspflichten, insofern wird sich für uns nicht so viel ändern wie für andere Unternehmen. Das Wichtigste ist, dass Klarna langfristig am Markt erfolgreich ist und wir nicht in die Falle laufen, dass wir nur noch auf Quartalszahlen schauen“, so der Co-Gründer.
Ein Börsengang im kommenden Jahr könne zeitlich allerdings „etwas eng“ werden, so Siemiatkowski, denn der neue CFO, Niclas Neglen, sei noch bis März an seine bisherigen Arbeitgeber, die Großbank HSBC, gebunden. „Wir müssen ihm eine Chance geben, sich einzuarbeiten. Aber wir werden sehen, was passiert.“
Gestartet war Klarna mit dem Angebot von Rechnungskauf für den Onlinehandel. Seitdem hat es sein Geschäftsmodell kontinuierlich erweitert. Dies gelang auch durch Übernahmen der deutschen Start-ups Sofort GmbH, Cookies und Billpay. Im vergangenen Jahr schrieb Klarna, obwohl der Umsatz kräftig stieg, erstmals rote Zahlen. Der Verlust betrug 85 Millionen Euro. Als Ursache nennt die Firma in ihrem Jahresabschluss vor allem neue Investitionen, aber auch die Kreditausfälle zogen deutlich an.