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SchwellenlandanleihenArgentinien muss auf die Milde der Investoren hoffen

Im Poker um die neunte Staatspleite des Landes läuft an diesem Dienstag eine wichtige Frist ab. Das Land ist auf die Hilfe des IWF angewiesen.Alexander Busch 02.06.2020 - 04:00 Uhr

Der Präsident Argentiniens muss den internationalen Gläubigern Zugeständnisse abringen.

Foto: dpa

Salvador. Wer bei der Stuttgarter Börse nach argentinischen Anleihen sucht, wird reichlich fündig: Allein 71 Anleihen der argentinischen Republik sind dort gelistet. Dazu kommen elf Bonds der Stadt Buenos Aires und noch mal ein Dutzend Scheine argentinischer Provinzen. Es gibt sie in Euro, Dollar und sogar noch in Deutscher Mark.

Gemeinsam ist den Anleihen eines: Sie wurden nie richtig bedient, teilweise umgeschuldet – und stehen jetzt erneut im Mittelpunkt von Schuldenverhandlungen. Man könnte also sagen: Die Liste der argentinischen Aktiva ist die umfangreiche Personalakte des größten Schuldensünders der Welt. Kein Land hat in nur 20 Jahren gleich dreimal seine Zahlungen auf die Schulden eingestellt.

Es ist erst vier Jahre her, dass Argentinien wieder auf die internationalen Finanzmärkte zurückkehrte – nach 15 Jahren Isolation. Ein Schicksal, das nun wieder droht: Vor knapp zwei Wochen haben die Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor's Argentinien erneut auf zahlungssäumig gestuft. Am 22. Mai lief die Frist ab, bis zu der Argentinien rund 500 Millionen Dollar Zinsen zurückzahlen sollte.

Dennoch verläuft Argentiniens Staatspleite – es ist die neunte in der Geschichte des Landes – etwas anders: Die Regierung des Peronisten Alberto Fernández will den Zahlungsausfall unbedingt vermeiden und verhandelt weiter. Und die Gläubiger machen mit.

Sie haben sich in Gruppen organisiert: Die zwei wichtigsten sind die „Ad-hoc-Gruppe", zu der sich Fonds wie Blackrock, Fidelity, Ashmore zusammengeschlossen haben. Sie halten die jüngsten, seit 2016 ausgegebenen Bonds. In der zweiten Gruppe sind die Gläubiger versammelt, die Anleihen halten, die schon einmal von einer der drei Umschuldungen seit 2001 betroffen waren.

Mächtige Investoren

Zusammen haben die beiden Gruppen jeweils rund ein Drittel der alten, bereits umgeschuldeten Anleihen und der neuen Bonds, die nach 2016 lanciert wurden. Das macht sie mächtig: Sie könnten schnell die sogenannte Beschleunigungsklausel aktivieren. Danach kann ein Viertel der Gläubiger eines Bonds beantragen, dass das geschuldete Kapital sofort zurückbezahlt wird.

Doch die Gläubiger verzichteten bisher darauf. Sie hoffen darauf, dass Argentinien, wie bereits mehrfach zugesagt, nachbessern wird. Kleininvestoren sind – anders als bei den Umschuldungen 2005 und 2010 - nicht stark vertreten, was darauf schließen lässt, dass sich vor allem Profis wie Hedgefonds mit Argentinien-Anleihen eingedeckt haben.

Das erste Angebot haben die Gläubiger abgelehnt. Für Bonds im Nominalwert von 65 Milliarden Dollar bot Argentinien an, die Zinsschuld um 62 Prozent und die Schulden um 5,4 Prozent zu senken, dafür sollen die Gläubiger drei Jahre warten, bevor das Land mit weiteren Rückzahlungen beginnen würde. Inzwischen soll Argentinien nachgebessert haben, heißt es in Buenos Aires. Das neue Umschuldungsangebot hat die Regierung jedoch bisher nicht offiziell bei der Börsenaufsicht in den USA eingereicht, wo die meisten der jetzt betroffenen Bonds registriert sind.

Argentinien könne nicht mehr zahlen, müsse sich erst wirtschaftlich erholen, rechtfertigt Wirtschaftsminister Martín Guzmán das Angebot. Argentinien hofft, dass die durch die Coronakrise verschärfte Rezession die Gläubiger milder stimmen wird. Ein harter Kurs würde angesichts der schweren Krise für die Gläubiger auch wenig Sinn machen: Argentinien steckt nun seit drei Jahren in einer Rezession.

Der Staat druckt Geld, um sich zu finanzieren, und wird die Inflation bald auf über die derzeitigen 45 Prozent hochtreiben. Der Dollar ist auf dem Schwarzmarkt fast doppelt so viel wert als zum offiziellen Kurs. Jede Umschuldung, zu der sich Argentinien heute verpflichten würde, würde also wenig Sinn machen. Denn für die Regierung ist kaum absehbar, wie sie angesichts der Schwäche der Lokalwährung Peso in drei Jahren wieder zahlungsfähig werden könnte.

Prominente Fürsprecher

Es sei unmenschlich und kurzsichtig, wenn Gläubiger versuchen würden, möglichst viel aus Argentinien herauszuquetschen, sagt der prominente US-Ökonom Joseph Stiglitz. Er attestiert Argentinien, anders als zuvor, diesmal mit gutem Willen zu verhandeln und auch mit dem Internationalen Währungsfonds IWF im Gespräch zu bleiben.

Die Fürsprache von Stiglitz kommt nicht überraschend: Wirtschaftsminister Martín Guzmán hat bis vor Kurzem unter Stiglitz an der New Yorker Columbia-Universität geforscht. Und er treibt die Strategie voran, mit der Argentinien den Zahlungsausfall verhindern will: Die Regierung hofft, dass die Mehrheit der Gläubiger seine Verhandlungsführung als „bona fides“, also redlich und mit bestem Willen, interpretiert. Nur dann hat er Chancen, gleichzeitig Verhandlungen mit dem IWF zu starten.

Für Argentinien, das anders als etwa Griechenland keine Europäische Zentralbank im Rücken hat, ist die Unterstützung aus Washington die letzte Hoffnung: Der IWF ist mit 44 Milliarden Dollar an Krediten der größte Einzelgläubiger Argentiniens. Washington jedoch verlangt, dass private Gläubiger einen massiven Teil ihrer Ansprüche gegen Argentinien abschreiben, bevor der Fonds eine Umschuldung aushandelt.

Mit den privaten Gläubigern hätte deswegen vor allem ein Umschuldungsmodell die größte Aussicht auf Erfolg: Das wäre ein Stillstandabkommen, bei dem die Gläubiger minimale Zinszahlungen erhalten, aber Argentinien erst wieder substanziell zurückzahlt, wenn das Land wieder wächst. Gleichzeitig würde der IWF seine Rückzahlungsfristen deutlich verlängern. Dadurch steigen die Chancen, dass auch Argentinien sich wieder erholt und irgendwann in einigen Jahren seine privaten Schulden zurückzahlen kann.

Doch noch ist völlig offen, ob Washington Argentinien bevorzugt behandeln will. 200 Staaten haben Notkredite beantragt. Argentinien ist kein armes Land, sondern sogar Teil der G20-Staatengruppe, die den ärmeren Staaten weltweit helfen will.

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Für private Anleihebesitzer sind argentinische Anleihen verlockend geworden: etwa die 100-Jahres-Anleihe (WKN: A190E8). Ihr Kurs hat in einem Monat um 60 Prozent auf 0,32 Dollar zugelegt. Der Bond, der ursprünglich im Jahre 2117 ausläuft, ist attraktiv: Er könnte immer noch leicht eine Rendite von über 20 Prozent abwerfen, auch wenn Tilgung und Laufzeit bei einer Umschuldung gekürzt und die Zinsrückzahlungen erst schrittweise erhöht würden.

Doch ein Blick auf die lange Liste der fälligen und nicht bedienten argentinischen Bonds an der Börse in Stuttgart sollte jedem Privatanleger eine Warnung sein: Die Wahrscheinlichkeit, dass Argentinien seine Zusagen einhält, sind verschwindend gering.

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