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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Wie wir 2021 unser Mediensystem retten

Es nutzt nichts, Klima- und Corona-Leugnern wütend Fakten entgegenzuschleudern. 2021 könnte das Jahr werden, in dem wir die sozialen Medien nachhaltig umbauen.
31.12.2020 - 11:25 Uhr Kommentieren
Plattformen wie Facebook und Twitter sind komplexe Ökosysteme. Ihnen geht es nicht um Information und Wahrheit, sondern um die Kommerzialisierung von Aufmerksamkeit. Quelle: dpa
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Plattformen wie Facebook und Twitter sind komplexe Ökosysteme. Ihnen geht es nicht um Information und Wahrheit, sondern um die Kommerzialisierung von Aufmerksamkeit.

(Foto: dpa)

Ganz oben auf unserem Wunschzettel für 2021 steht ein klügerer Umgang mit Desinformation und Hass im Netz. Schauen wir am Ende des Jahres deshalb noch einmal auf Donald Trump und seinen twitternden Regierungsstil.

Twitter ist nach wie vor ein Nischenmedium, was die tägliche Nutzung angeht. Doch der US-Präsident hat über den Kurznachrichtendienst vier Jahre lang die Welt regiert. Das hat damit zu tun, dass sich Medien und Social Media zu einem digitalen Ökosystem ausgeweitet haben, das in Sekundenschnelle toxische Botschaften an Milliarden Menschen verbreitet. Bei Trumps Äußerungen ging dies etwa via Fox News, rechtsradikale Plattformen wie Breitbart, OANN, Newsmax, aber auch durch unser empörtes Twitter-Selbst.

Solche Info-Tsunamis lassen sich nicht durch Fact-Checking aufhalten. Wir müssen künftig besser verstehen, was in diesen toxischen Ökosystemen des Hasses und der Realitätsleugnung passiert. Nur so wird es uns gelingen, die grassierende Pandemie der Desinformation zu überwinden.

Fakten reichen dafür offensichtlich nicht aus. Das haben wir alle selbst schon einmal in der Auseinandersetzung mit Hygienedemonstranten und Klimaleugnern erlebt. Ihnen die faktische Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, bringt uns in der Regel keinen Schritt weiter.

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    Woran liegt das? Ein wichtiger Grund ist, dass wir die Social Media und alle anderen Medien, die wir für Hass und Desinformationskampagnen verantwortlich machen, zu lange mit der Brille einer liberalistischen Vorstellung von Öffentlichkeit betrachtet haben.

    Kein Akteur ist vollständig neutral

    Diese Vorstellung entstammt dem fernen 18. Jahrhundert der Aufklärung und berief sich auf zwei Maximen. Erstens: Blockieren wir eine Meinungsäußerung, die uns nicht passt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch unsere eigene Meinung verboten wird und die Meinungsfreiheit komplett abgeschafft wird.

    Und zweitens: Es gibt einen egalitären „Marktplatz der Meinungen und Ideen“, auf dem gebildete Subjekte diejenigen Ideen und Informationen für die Gemeinschaft identifizieren, die die Ersprießlichsten sind und handlungsleitenden Charakter bekommen müssen.

    Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Mitgründer des MBA-Studiengangs „Zukunftstrends und Nachhaltiges Management“ https://zukunft.mba

    Doch wie wir wissen, gibt es keine unvoreingenommenen Medien und keine souveränen Nutzerindividuen. Plattformen wie Facebook und Twitter sind komplexe Ökosysteme, denen es nicht um Information und Wahrhaftigkeit, sondern ausschließlich um die Kommerzialisierung von Aufmerksamkeit geht. Für die Beschreibung der Social-Media-Maschinen des 21. Jahrhunderts sind diese libertären Vorstellungen von Öffentlichkeit (freie Marktplätze der Ideen und top medienkompetente Nutzer) deswegen realitätsfremd und komplett unbrauchbar.

    Mark Zuckerberg wurde lange zugutehalten, dass er sich mit seinem fragwürdigen Medienliberalismus dieser altehrwürdigen (US-)Tradition verbunden fühlt. Doch offensichtlich hat Zuckerbergs Laisser-faire-Haltung zu solch fatalen Entwicklungen wie der Vertreibung der Rohingya, nachweisbarer Wahlbeeinflussung, gesellschaftlicher Radikalisierung und Polarisierung, Fake News und Hasskommunikation beigetragen.

    Vernunft und Verantwortung stellen sich eben nicht von selbst ein. Wir sollten begreifen, dass unsere Öffentlichkeit schon über einen langen Zeitraum in Ökosystemen stattfindet, die nicht von der Rationalität ihrer Akteure geprägt sind. Sie sind Teil einer Aufmerksamkeits-Ökonomie, die bevorzugt Affekte und niedere Instinkte kultiviert – und eben nicht die Ideale der Aufklärung vertritt. Zuckerberg ist das egal. Seine perfide Rechnung geht auf: Maximale Freiheit der Äußerung – bis vor Kurzem wurden auf Facebook nicht einmal Holocaust-Leugner gestoppt – bei maximalem Profit.

    „If it outrages, it leads“

    Diese Aufmerksamkeitsökonomie ist seit einigen Jahren ein brummender Milliardenmarkt, der von den Social-Media-Leadern Facebook und Alphabet kartellartig verwaltet und durchkommerzialisiert wird. Ihr Geschäftsmodell hat es in weniger als zehn Jahren geschafft, digitale Monopole zu errichten, Gesellschaften zu spalten und Demokratien zu unterminieren.

    Die dissoziativen Algorithmen von Big Tech zweckentfremden Nutzerdaten, die der werbetreibenden Industrie als maßgeschneiderte Werkzeuge der Kundenüberredung für Millionensummen zur Verfügung gestellt werden. Auf diese Weise haben sich Facebook und Alphabet in den vergangenen Jahren den globalen Werbemarkt unter den Nagel gerissen. Nutzerdaten sind mittlerweile der größte Markt der Welt.

    Ich halte wenig davon, die Big-Tech-Plattformen zu zerschlagen. Wir müssen uns jedoch klarmachen, dass unsere Kommunikation in Ökosystemen stattfindet, die eine Vielfalt an subtilen Netzwerkeffekten produzieren, Überzeugungen radikalisieren und stereotype Weltbilder gegen Fakten abdichten. Deswegen ist es in den kommenden Jahren so wichtig, auf die „Frames“, die unsichtbaren Rahmen hinzuweisen, die unsere Überzeugungen in den Ökosystemen radikalisieren und bei vielen Menschen zu Desorientierung und Fatalismus geführt haben.

    Wir haben 2021 die Chance, die digitale Unkultur der Desinformation hinter uns zu lassen und (soziale) Medien als ein weltumspannendes „Ökosystem der Verantwortung“ neu aufzubauen. Was brauchen wir dafür?

    1. Rechtliche Leitplanken für Big Tech

    Es müssen die gleichen Grundlagen gelten wie bei jedem anderen Unternehmen auch: Die Unzufriedenheit mit den Aufmerksamkeitsmaschinen von Big Tech zu artikulieren, das haben wir schon zu lange getan. Der Vorstoß der EU mit dem „Digital Service Act“ weckt die Hoffnung, dass die toxischen Netzwerkeffekte der Plattformen endlich erkannt und ernst genommen werden.

    Big Tech sollten keine Sonderrechte mehr zugestanden werden, keine Plattform ist inhaltlich „neutral“. Die Algorithmen, die das Microtargeting erlauben, müssen für Experten offengelegt werden. Big Tech muss öffentliche Produkttests gestatten, wie Hersteller von Autoreifen und Kopfschmerztabletten auch.

    2. Höheres Bewusstsein für unsere Rollen im Ökosystem

    Das Ökosystem der Desinformation zu demaskieren, heißt, unterschiedliche Akteure in ihren Rollen besser zu verstehen: Donald Trump spielt auf Twitter die Rolle des Demagogen und Chaosagenten mit klar destruktiver Absicht. Ihm folgt ein Millionenheer an Parteigängern, Trittbrettfahrern und Zynikern, ebenfalls in destruktiver Absicht.

    Doch zu der noch größeren Gruppe der alltäglichen Twitter-Nutzer mit überwiegend positivem Menschenbild gehört wer? Wir selbst. Auch wenn sich unsere Rolle von der Trumps deutlich unterscheidet, könnten wir mit der Dekonstruktion des Ökosystems des Hasses beginnen, indem wir Trumps Tweets nicht mehr unkommentiert weitergeben.

    Die wichtige Erkenntnis: Mediale Ökosysteme funktionieren so, dass ihre Demagogen ohne eine breite Basis an unkritischen Nutzern nicht überlebensfähig sind. Twitter-Trump ist beziehungsweise war groß, ist beziehungsweise war gefährlich, doch ist beziehungsweise war er wohl auch derjenige Bewohner des medialen Ökosystems, der am stärksten von Netzwerkeffekten abhängig ist beziehungsweise war.

    3. Ein präzises Verständnis von Plattformen als polarisierende Identitätsmaschinen

    „Wir denken (meistens) nicht selbst“, so hat es kürzlich der Journalist Ezra Klein beschrieben. Klein möchte mit dieser Formulierung darauf hinweisen, dass das mediale Ökosystem, also Social Media, klassische Medien und unsere Vorurteilsstrukturen, wie wir es täglich nutzen, eine manipulative Identitätsmaschine ist, der es nicht um Informationsvermittlung, sondern um das Entfachen von Stammesfehden und Dissens geht.

    Deshalb bringt es nichts, Verschwörungsnarrative mit Fakten dekontaminieren zu wollen, da wir alle uns innerhalb dieses Ökosystems nicht kognitiv überzeugen lassen, sondern – gerade bei brisanten politischen Themen – tendenziell den „Wahrheiten“ folgen, die im Einklang mit der Meinung unserer Community stehen. Das führt dazu, dass wir bei der Nutzung von Social Media weniger selbst denken und verstärkt als Herdentiere agieren. Medienforscher bezeichnen das als „Identity-protective cognition“.

    Nachhaltiger Wendepunkt erwünscht

    Diese Erkenntnisse und Maßnahmen können einen Wendepunkt in der globalen Kommunikation markieren. Wir müssen uns bewusst machen: Die Aufmerksamkeit von Menschen zu erobern, ist ein komplett anderes Geschäftsmodell, als sie zu informieren.

    Ein mediales „Ökosystem der Verantwortung“ braucht a) kluge regulatorische Eingriffe, b) eine Medienpädagogik, die die Rollen in den Netzwerken beschreiben und die Verantwortung jedes Einzelnen erklären kann, und c) eine Publizistik, die nicht nur mit Faktenwut und Herablassung auf Realitätsverleugnung reagiert, sondern die Frames der Realitätsleugnung geduldig analysiert.

    Keine Frage, hierfür brauchen wir neue Gesetze, alternative Geschäftsmodelle und auch eine bessere Medienpädagogik. All das wird sich nicht innerhalb eines Jahres bewerkstelligen lassen. Doch unser Entwurf einer Öffentlichkeit nach liberalistischen Grundsätzen ist gegen die Wand gefahren. Und ohne eine integrierende Öffentlichkeit mit verantwortungsbewussten Akteuren bleibt uns der Weg in eine bessere Zukunft versperrt.

    Mehr: Was die neuen EU-Regeln für die Datenriesen bedeuten

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