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Gastkommentar Die Forderung nach einer Homeoffice-Pflicht ist paradox

Reflexartig lehnen Verbände die diskutierte Pflicht zum Homeoffice während der Pandemie ab. Nun drohende Betriebsschließungen sind eine Riesengefahr für das Land, warnt Familienunternehmer Lutz Goebel.
19.01.2021 - 03:52 Uhr 2 Kommentare
Lutz Goebel war Präsident des Verbandes Die Familienunternehmer und ist geschäftsführender Gesellschafter des Krefelder Dieselmotoren-Servicebetriebs Henkelhausen. Quelle: dpa
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Lutz Goebel war Präsident des Verbandes Die Familienunternehmer und ist geschäftsführender Gesellschafter des Krefelder Dieselmotoren-Servicebetriebs Henkelhausen.

(Foto: dpa)

Es ist wie eine Lotterie: Der Staat stochert im Corona-Nebel und probiert einfach irgendwelche weiteren Einschränkungen aus, und jetzt ist die Wirtschaft dran. Nachdem die Schließung von Kindergärten, Schulen, Kitas und dem Einzelhandel schon nicht genug brachte, soll jetzt die Industrie dran glauben und „soll ihren Beitrag leisten“.

Wir Familienunternehmer haben schon im März 2020 begonnen, mobiles Arbeiten zu ermöglichen, viele zusätzliche Laptops angeschafft, die Mitarbeiter getrennt, über 50 Prozent (das, was geht) nach Hause ins Homeoffice geschickt, meist im Wechsel. Aber nicht alle Mitarbeiter wollen und können zu Hause arbeiten, darauf nehmen wir natürlich Rücksicht.

Im Betrieb tragen wir außer am Schreibtisch Maske, lüften sehr viel und halten die Abstände auch aus Selbstschutz ein. Wir haben Lüfter angeschafft und Plastikwände, weil wir natürlich unsere Mitarbeiter schützen müssen. Wir können uns Ansteckungen nicht erlauben – auch weil immer wieder Mitarbeiter durch Quarantäne und Homeschooling ausfallen. Das alles managen wir, so gut wir können.

Natürlich haben wir dabei festgestellt, wie gut das klappt mit der Zusammenarbeit, und Homeoffice wird auch in Zukunft zwei bis maximal drei Tage die Woche dazugehören. Um das Unternehmen weiterzuentwickeln, soll es aber auf keinen Fall mehr sein und erfordert eine gute Mitarbeiterführung.

Als Arbeitgeber schauen wir natürlich selbst darauf, wie wir den jüngeren Mitarbeitern attraktive Arbeitsbedingungen bieten können, um sie zu bekommen und an uns zu binden. Zwang dazu hat gar keinen Sinn, denn die betrieblichen Bedürfnisse sind höchst unterschiedlich. Außerdem kenne ich viele Mitarbeiter von Banken und Konzernen, denen Homeoffice lange schon große psychische Probleme bereitet.

Wie sollen Lieferketten aufrechterhalten werden?

Das besonders paradoxe an der Forderung nach einer Homeoffice-Pflicht ist, dass der Staat, der das jetzt fordert, seine Verwaltung weder im Homeoffice organisiert bekommt, noch die nötigen Digitalisierungsvoraussetzungen dafür schafft. Wie schon in den Schulen ist unsere Verwaltung meilenweit hinter der privaten Wirtschaft hinterher. Dann sollten die Politiker doch als Erstes dort anfangen.

Wenn jetzt einzelne Politiker wie Bodo Ramelow und Karl Lauterbach über Betriebsschließungen fabulieren, packt mich das Grauen. Das ist doch kein Selbstzweck! Sie sollen sich doch einmal in unseren Betrieben unsere Hygienekonzepte anschauen.

Unter meinen Mitarbeitern hatten wir im gesamten vergangenen Jahr genau zwei Corona-Infektionen, die zudem aus dem privaten Bereich der Mitarbeiter eingeschleppt wurden. Durch konsequentes Handeln, Testen und Homeoffice haben wir das in den Griff bekommen.

Und so ähnlich haben alle meine Unternehmerkollegen dafür gesorgt, dass die Betriebe in Deutschland eben gerade nicht zu Hotspots wurden, wie einige Politiker jetzt behaupten.

Was also soll durch Betriebsschließungen der gesamten Wirtschaft besser werden? Ist den Politikern, die das fordern, überhaupt klar, wie engmaschig die Industrie zusammenarbeitet? Wissen die, wie viele Vorlieferanten es braucht, um ein Intensivbett zu produzieren oder auch nur einen Joghurtbecher? Wie sollen denn Lieferketten aufrechterhalten werden zum Beispiel für Lebensmittel und ihre Verpackung?

Wer soll denn im Komplett-Lockdown die Steuern heute noch gut laufender Betriebe bezahlen? Und werden die Betriebe, die wegen der Schließung hier ihre internationalen Lieferverträge nicht erfüllen können, nach dem Komplett-Lockdown überhaupt noch Kunden haben?

Wer soll denn nach welchen Kriterien bestimmen, welche Vor-Vorlieferanten für angeblich systemrelevante Produkte ganz offen bleiben dürfen oder vielleicht nur mit einer Produktionslinie weiter produzieren dürfen? Soll das dieselbe staatliche Verwaltung festlegen, die von Ende Oktober bis Mitte Januar nicht in der Lage war, die von der Bundesregierung versprochenen Corona-Hilfen auszuzahlen? Während die bereits zugesperrten Betriebe wegen ausbleibender Hilfszahlungen in die Insolvenz getrieben werden, wollen Politiker vor allem von SPD und Linken die noch arbeitenden Betriebe auch zusperren.

Die Bazooka des Herrn Scholz entpuppt sich als Schreckschusspistole mit Ladehemmung! Von Herrn Scholz ist auch nicht zu hören, dass er seinen SPD-Freunden, die jetzt alle Unternehmen schließen wollen, über den Mund fährt. Und dabei geht es um die Existenz Hunderttausender Arbeitsplätze!

Wir haben ein großes Problem: Der Staat hat keine Strategie, er kennt die Ursachen der Ansteckung nicht, misst nicht konsequent und verfährt rein nach Versuch und Irrtum. Die Alten werden nicht konsequent geschützt. Von einer Strategie kann keine Rede sein.

Und dann das Impfen: Die Großmutter meiner Frau lebt in der Nähe von Berlin im Altersheim, ist sehr einsam, hellwach und möchte mit 99 Jahren geimpft werden. Fehlanzeige! Wie weit soll denn der Irrsinn getrieben werden?

Mehr: Chaos um Corona-Hilfen sorgt bei Unternehmen für Verzweiflung.

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2 Kommentare zu "Gastkommentar: Die Forderung nach einer Homeoffice-Pflicht ist paradox"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Unser Betrieb (4-stellige Mitarbeiterzahl) läuft jetzt schon über 10 Monate mit und ohne HO. Wo es geht mit HO und wo es nicht geht mit anderen Maßnahmen. Ziemlich gut und ohne tracebares Infektionsgeschehen. Völlig ohne Regierungs"hilfe"! Wir brauchen von Leuten wie Heil (nie einen Betrieb von innen gesehen) keinen Rat und erst Recht keine Verordnung. Deren Text sowieso so schwammig wäre dass man am Ende eh keine Klarheit hat. Was tut die Politik eigentlich fürs Tracing? Wofür habe ich endlos Zettel beim Friseur und anderswo ausgefüllt? Wo ist die Spreader-Hot-Spot Statistik? Woher kommt überhaupt die Annahme, es passiere an Arbeitsplätzen?

  • Wer eine Pflicht zum Homeoffice verlangt, hat schlicht keine Ahnung von IT-Sicherheit und von den Kosten eines HO-tauglichen Systems. Firmen ohne Geschäftsgeheimnisse und ohne Datenschutzanforderungen können einfach Laptops kaufen - das dürften aber die wenigsten sein. Ansonsten freuen sich chinesische Hacker schon auf die Firmenlaptops mit Konstruktionsplänen etc. in heimisch, laienhaft gesicherten WLAN-Netzwerken.

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