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GastkommentarDie Nato muss Deutschland konfrontieren

Deutschland gibt vor, ein verlässlicher Nato-Partner zu sein. Dabei ist die Bundesrepublik ein versteckter Verbündeter von Russland, meint Wolfgang Münchau. 11.02.2022 - 13:55 Uhr Artikel anhören

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

Foto: Klawe Rzeczy

Ein Aspekt politischer Führung ist es, die eigene Seite mit unbequemen Fragen zu konfrontieren. Genau das wird die Nato mit Deutschland tun müssen. Das Bündnis hat keine Chance, die territorialen Ambitionen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu zügeln, wenn es sich nicht zuerst um Deutschland kümmert. Diese drei Fragen müssen meiner Meinung nach von der Nato gestellt werden:

  • Würde Deutschland im Falle einer Verletzung der Grenzen der Ukraine durch Russland zustimmen, Nord Stream 2 zu stoppen, und zwar auch dann, wenn Russland seine Invasion zunächst auf einen kleinen Teil der Ukraine beschränkt?
  • Würde Deutschland im Falle eines Einmarsches Russlands in ein Nato-Land dafür stimmen, die Beistandsklausel nach Artikel 5 des Nato-Vertrags auszulösen? Der Artikel besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein Nato-Land als Angriff gegen alle Partner gesehen wird und daher Beistand geleistet wird.
  • Nehmen die SPD oder SPD-geführte Länder russisches Geld an?

Es ist wichtig, dass diese Fragen in der Öffentlichkeit beantwortet werden. Andernfalls wird Deutschland weiterhin mit seinen Partnern ein Spiel mit Scheuklappen spielen, wie es bereits bei Nord Stream 2 der Fall war.

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte US-Präsident Joe Biden, dass der Stopp von Nord Stream 2 erwogen werden würde, sobald Russland Energie als strategische Waffe einsetze. Putin hat dies bereits getan, als er im vergangenen Herbst die Gasflüsse reduzierte.

Aber Merkel und Bundeskanzler Olaf Scholz haben es nicht erwogen, Nord Stream 2 zu sanktionieren. Selbst wenn Deutschland zugestimmt hätte, Nord Stream 2 für den Fall eines russischen Einmarsches in der Ukraine aufzugeben, würde es wohl das Wort brechen, wenn Russland tatsächlich einmarschiert. Deutschland wird seine Energiesicherheit nicht dem Donbass zuliebe opfern.

Deutschland als Verbündeter von Russland?

Was anderswo nicht in vollem Umfang gewürdigt wird, ist das schiere Ausmaß, in dem Deutschland zu einem russischen Verbündeten geworden ist. Dabei geht es nicht nur um Ex-Kanzler Gerhard Schröder – obwohl sein Einfluss in der SPD immer noch sehr groß ist.

Der Bundeskanzler trifft keine explizite Aussage zu der Gaspipeline.

Foto: Reuters

Es gibt eine beträchtliche Zahl von Deutschen, die sich Russland kulturell und politisch näher fühlen. Sie mögen mit Putin nicht einverstanden sein, aber der russische Staatschef ist die Art von Teufel, die sie kennen, im Gegensatz zu einigen anderen Staatschefs.

Erinnern Sie sich an die Worte des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der sagte, dass die Deutschen unter keinen Umständen gegen die Russen kämpfen würden? Doch was bedeutet diese Aussage für die Beistandsklausel der Nato?

Deshalb ist die Frage, wofür Deutschland im Falle eines Einmarsches stimmen würde, so wichtig. Ich glaube, dass der Bundestag einem deutschen Nato-Vertrag-Artikel-5-Engagement nicht zustimmen würde. Je nachdem, wer gerade an der Regierung ist, könnte Deutschland sogar ein Veto gegen einen Artikel-5-Beschluss im Nordatlantikrat einlegen. Die Nato muss dies im Vorfeld klären.

Wenn ich sage, die Nato müsse Deutschland konfrontieren, dann meine ich das nicht in einer wütenden oder aggressiven Art und Weise. Mit Schuldzuweisungen ist niemandem geholfen. Was ich meine, ist, Klarheit über die Position zu schaffen.

In Deutschland wird sehr wenig über die externen Effekte der eigenen Politik diskutiert. Eine nie diskutierte Externalität ist der direkte Zusammenhang zwischen dem deutschen Wirtschaftsmodell und seiner außenpolitischen Ambivalenz.

Wenn das eigene Wirtschaftsmodell darin besteht, große und anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber dem Rest der Welt zu erzielen, macht man sich anfällig für Sanktionen.

Doppelzüngiges Spiel

Viele kleinere EU-Länder folgen der gleichen Logik. Das ist der Grund, warum die EU Deutschland nie mit irgendetwas konfrontiert. Die EU ist voll von Mini-Deutschlands. Bei der Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone ging es genauso sehr um die deutschen Überschüsse wie um die griechischen Defizite. Deutschland hat versucht, die gesamte Debatte im Zeichen der Haushaltsdisziplin zu führen, und es ist ihm gelungen. Und die EU hat es Deutschland erlaubt, damit durchzukommen.

Ich habe die EU aufgegeben. Aber warum lässt die Nato zu, dass Deutschland das gleiche doppelzüngige Spiel spielt? Ein Grund ist, dass die deutsche Diplomatie besser ist als ihr Ruf. Sie spielt das Spiel der Täuschung und der Spiegelung mit Geschick.

Aber der größte Faktor sind meiner Meinung nach Vorurteile, die aus der Vergangenheit resultieren. Unter den US-Eliten gibt es eine große emotionale Bindung an Deutschland. Die US-Militärs erinnern sich an den Mut von Ex-Kanzler Helmut Schmidt, als er trotz massiver Proteste in seiner eigenen Partei Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden stationierte.

Sie erinnern sich an die Rolle, die der ehemalige Kanzler Helmut Kohl nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa gespielt hat. Und natürlich lieben sie ihre BMWs und Mercedes. Die französischen Eliten und insbesondere die französischen Präsidenten definieren sich über ihre bilateralen Beziehungen zu Deutschland, die Frankreich immer über die zur EU gestellt hat.

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Das ist keine nachhaltige Position, weder für die EU noch für die Nato. Deutschland ist der Ort, an dem der Westen am verwundbarsten ist. Die Nato steht vor der Wahl, sich mit Deutschland anzulegen oder Putin mit der versteckten Hilfe seines treuesten Verbündeten gewinnen zu lassen.

Der Autor ist Direktor von www.eurointelligence.com

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