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GastkommentarPolitische Prognosen: Warum sich Analysten immer wieder irren

Wahlen sind meist Nullsummenspiele – und nur selten der Beginn eines neuen Trends. Daher sollte man sich vor falscher Voreingenommenheit hüten, meint Wolfgang Münchau. 05.11.2021 - 15:47 Uhr Artikel anhören

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

Foto: Klawe Rzeczy

Jede Form der Analyse unterliegt kognitiven Verzerrungen, also systematisch fehlerhaften Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Die erfolgreichsten Analysten sind diejenigen, die sich ihrer bewusst sind.

Vergangene Woche habe ich über eine besondere Form der Verzerrung geschrieben, die sogenannte Modellverzerrung. Sobald man ein mathematisches Modell hat, für beispielsweise die Ausbreitung einer Pandemie, kann man versucht sein, das Modell ernster zu nehmen als die Realität, die es zu erklären versucht.

Es gibt viele kognitive Verzerrungen. Bei politischen Analysten sollte man sich vor der Voreingenommenheit im Nachhinein hüten – oder der „Ich-wusste-es-die-ganze-Zeit“-Voreingenommenheit. Der menschliche Verstand ist nicht gut darauf vorbereitet, mit Unsicherheit umzugehen, die nicht einer bekannten Wahrscheinlichkeitsverteilung unterliegt.

Wenn Leute Ihnen prozentuale Wahrscheinlichkeiten für künftige politische Ereignisse nennen, rate ich Ihnen, die Finger davon zu lassen. Der Sieg der Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl im September war bereits im März oder April unvorhersehbar.

Olaf Scholz setzte darauf, dass die deutsche Öffentlichkeit, sobald sie alle Kandidaten kennen gelernt hat, ihn, den erfahrenen Finanzminister, wählen würde. Die Wette ging auf. Aber damals konnte man nicht wissen, dass Annalena Baerbock, die Co-Vorsitzende der Grünen, wegen einer Plagiatsaffäre in die Kritik geraten würde.

Und schon gar nicht konnte man wissen, dass Armin Laschet, der CDU-Vorsitzende, bei einem Treffen nach der Flutkatastrophe im Sommer kichern würde. Dass die Wette von Scholz aufgegangen ist, heißt nicht, dass sie zwangsläufig aufgehen musste.

Wähler ändern ihre Meinung

Wäre sie nicht aufgegangen, hätte uns der rückblickende Analytiker gesagt, dass sie unmöglich hätte aufgehen können. Die Zukunft kann man am besten anhand von Szenarien und Ereignissen, die sie auslösen könnten, betrachten. Aber man kann diese nicht in Wahrscheinlichkeiten umwandeln.

Was wissen wir also? Vor der Bundestagswahl beobachteten wir einen lang anhaltenden Trend zu einem sinkenden Stimmenanteil der SPD. Im Vorfeld der Wahl lag die SPD zwischenzeitlich bei nur 14 Prozent. Scholz gewann im Laufe des Wahlkampfs etwa zehn Prozentpunkte hinzu. Das tat auch Gerhard Schröder in den Wahlkämpfen 2002 und 2005, einmal gewann die SPD die Wahl und darauf verlor sie.

25,7 Prozent der Wähler und Wählerinnen stimmten bei der Bundestagswahl im September für die SPD.

Foto: dpa

Damals wie heute gibt es einen unbeständigen Teil der deutschen Wählerschaft, der während des Wahlkampfes seine Meinung ändert. Diese tendiert dazu, ihre Präferenzen als Gruppe zu ändern. Diese Gruppe favorisierte im April Baerbock, im Juni Laschet, und wechselte im August zu Scholz. Diese Unterstützung hält immer noch an. Aber sie könnte 2025 zu CSU-Chef Markus Söder wechseln. Oder auch nicht.

Wir wissen auch, dass der einzige ungebrochene Trend in der europäischen Politik die Fragmentierung ist. Die erfolgreichsten politischen Parteien erreichen heute 20 bis 25 Prozent und nicht wie früher 40 bis 45 Prozent.

Im deutschen Parlament sind heute sechs Parteien vertreten. Zum ersten Mal wird es in Deutschland eine Drei-Parteien-Koalition geben. In den Niederlanden ist der Trend zur Zersplitterung noch weiter fortgeschritten.

Wahlen sind Nullsummenspiele

17 politische Parteien sind im niederländischen Parlament vertreten. Vier Parteien sind nötig, um eine Koalition zu bilden. Es stimmt, dass ein überwältigender Prozentsatz der Deutschen Scholz als Kanzler sehen will. Aber nur knapp unter 26 Prozent haben SPD gewählt.

Weniger als ein Prozent hätte die Wahl in die andere Richtung gedreht. Wahlen sind Nullsummenspiele. Knappe Siege, wie der von Donald Trump 2016, das Brexit-Referendum oder auch der Triumph von Scholz, sind wichtig. Aber sie sind fast nie der Beginn eines Trends.

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Was bedeutet das für die politischen Beobachter? Die meisten werden das tun, was sie bisher getan haben – Umfragen hochrechnen und Geschichten erzählen. Die klugen Analysten gehen einen Schritt zurück.

Wolfgang Münchau ist Direktor von www.eurointelligence.com

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