Gastkommentar - Homo oeconomicus: Frauen wird sehr viel Geld vorenthalten
Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“.
Foto: Katja NideröstDie Ökonomin Mascha Madörin hat errechnet, dass man den Frauen in der Schweiz jedes Jahr rund 100 Milliarden Franken vorenthält. Etwa ein Viertel davon entfällt auf die übliche Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern, der Rest auf die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.
Dass Frauen paradoxerweise für ihr starkes Engagement in der privatisierten Sorgearbeit mit niedrigen Löhnen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt bestraft werden, gilt bekanntlich nicht nur in der Schweiz. Nahezu überall auf der Welt sind die Verhältnisse ähnlich, und sie ändern sich nur langsam. Die Pandemie hat vielerorts zu neuen Rückschlägen geführt.
Die beliebteste Methode, mit dieser Schieflage umzugehen, ist Wegsehen: notorische Dethematisierung. Seit Jahrzehnten leisten Ökonomen passiven Widerstand, wenn sie aufgefordert werden, den Gegenstandsbereich ihrer Disziplin um den größten Sektor zu erweitern. Die Politik betreibt Symptombekämpfung, Medien berichten täglich über die Börse, aber nur alle paar Monate über ökonomische Aspekte der Haushaltsproduktion.
Und viele Frauen tragen selbst dazu bei, den Wert ihrer Arbeit unsichtbar zu machen: Die einen glauben immer noch an eine besondere weibliche Begabung für die tätige Beantwortung von Sinnfragen, andere bemühen sich buchstäblich bis zum Umfallen, private Lösungen für systembedingte Widersprüche zu finden. Politisierung und Selbstorganisation der Frauen lassen nach wie vor zu wünschen übrig.
Mascha Madörin schlägt massiv erhöhte staatliche Investitionen in den un- und unterbezahlten Care-Sektor vor, einschließlich Lohn für Hausarbeit. Konkrete Vorschläge, wie ein solches Programm aussehen könnte, hat sie allerdings noch nicht vorgelegt. Tatsächlich wird die Lösung wohl kaum von freischaffenden Ökonom*innen und Aktivist*innen allein in Gratisarbeit erarbeitet werden können.
Weg vom Malocher-Prinzip
Anders als Madörin tritt die Hamburger Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker, Mitbegründerin des Netzwerks „Care-Revolution“, für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ein. Auch ich lande nach vielem Nachdenken immer wieder bei dieser Idee, dass wir die Logik der gesellschaftlichen Kooperation verändern sollten: weg vom Malocher-Prinzip „Lohn für Leistung“, hin zur Existenzsicherung als Ermöglichung selbstbestimmten Tuns.
Zwar wäre damit das Problem der Anerkennung von Care-Tätigkeiten noch nicht gelöst. Es besteht sogar die Gefahr, dass ein BGE als Hausfrauenlohn aufgefasst würde. Dieses Missverständnis könnte die verkehrte Arbeitsteilung noch verfestigen.
Immerhin aber würde ein Grundeinkommen die Frauen, die diese ökosystemrelevante Arbeit an den Menschen leisten, aus der unwürdigen Abhängigkeit von „Ernährern“ und aus der gröbsten Armut befreien. Verhandlungsmacht würde gestärkt, es entstünden neue Spielräume für Selbstorganisation und politische Mitgestaltung.
Sicher ist: Was es anstelle von Schweigen, Verleugnen und konzeptlosem Weiterwursteln jetzt braucht, ist eine ernsthafte, lösungsorientierte Debatte über Care als Mitte allen Wirtschaftens.
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