Kolumne „Homo oeconomicus“: Richard Koo: Freier Kapitalverkehr zerstört den Freihandel
Richard Koo ist Chefvolkswirt des Nomura Research Institute in Tokio.
Foto: imago images / Italy Photo PressDie Welt war verblüfft, als vor vier Jahren der Protektionist Donald Trump mit seiner „America first"-Agenda zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Aber in derselben Wahl wurde auch Hillary Clinton als demokratische Präsidentschaftskandidatin nominiert. Und das in einer Arena voller Schilder mit der Aufschrift „Nein zur TPP“. Damit war die Transpazifische Partnerschaft gemeint – das fortschrittlichste Freihandelsabkommen, das je ausgehandelt wurde.
Heute fordert Joe Biden Trump mit einer „Buy American"-Agenda heraus, die ebenfalls nicht gerade Freihandel ist.
Ökonomen auf der ganzen Welt verunglimpfen die Neigung der USA zum Protektionismus. Aber diese Neigung haben sie mit ihrem unvollständigen Verständnis von Freihandel selbst herbeigeführt.
In der Wirtschaftswissenschaft wird gelehrt, dass der Freihandel sowohl Gewinner als auch Verlierer in einem Land hervorbringt, dass aber die Gewinne der Begünstigten viel größer sind als die Verluste der Benachteiligten, sodass das Land vom Freihandel profitiert.
Es wurde jedoch nie erkannt, dass der Handel des Landes ausgeglichen sein oder einen Überschuss aufweisen muss, damit diese Schlussfolgerung zutrifft. Wenn ein Land dauerhaft Defizite aufweist, kann der Freihandel weit mehr Verlierer hervorbringen, als die Theorie nahelegt.
Massive Außenhandelsdefizite in den USA
Das letzte Mal, dass die USA einen Außenhandelsüberschuss erzielten, war im Jahr 1980. Seitdem wies das Land massive Defizite auf. Im November 2016 war die Zahl der Amerikaner, die sich zusammen mit anderen Gruppen als Verlierer des Freihandels betrachteten, groß genug, um Trump zum Präsidenten zu wählen. Das bedeutet, dass das von den USA angeführte Freihandelsregime, das der Menschheit seit 1945 beispiellosen Wohlstand brachte, vom Zusammenbruch bedroht ist.
Die treibende Kraft des US-Handelsdefizits war die Überbewertung des Dollars. Nach dem jüngsten Big-Mac-Index des „Economist“ war er gegenüber praktisch allen Währungen mit Ausnahme des Schweizer Frankens und der norwegischen Krone deutlich überbewertet.
Diese Überbewertung wird durch Portfolio-Investoren aus der ganzen Welt verursacht, die in ertragreichere Dollar-Anlagen investieren wollen. Ihre Dollar-Käufe übersteigen die Dollar-Verkäufe, die aus dem Handelsdefizit der USA resultieren, und halten die Währung stark.
Das bedeutet: Die ursprüngliche Funktion des Devisenmarktes, den Handel durch die Stärkung der Währungen der Überschussländer und die Schwächung der Währungen der Defizitländer auszugleichen, ist verloren gegangen, und zwar seit dem Jahr 1980, als grenzüberschreitende Kapitalströme liberalisiert wurden. Die jüngste Hinwendung der USA zum Protektionismus zeigt, dass der freie Kapitalverkehr den freien Handel durch falsche Wechselkurse zerstören kann.
Regierungen können gegenüber Wechselkursen, die von Kapitalströmen bestimmt werden, nicht gleichgültig bleiben. Sie müssen Finanzinvestoren davon abhalten, Wechselkurse herbeizuführen, die die Handelsungleichgewichte vergrößern und damit letztlich den freien Handel zerstören.