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Analyse der VW-Affäre Warum der 32 Milliarden Euro teure Dieselskandal auch seine positive Seite hat

Vor fünf Jahren hat VW mit dem Dieselskandal das Vertrauen in die deutsche Autoindustrie weltweit erschüttert. Doch auf den Schock folgte die überfällige Erneuerung.
17.09.2020 - 10:32 Uhr 7 Kommentare
Ein neuer Volkswagen ID.3 steht zur Auslieferung in einem Turm der Wolfsburger VW-Autostadt bereit. Quelle: dpa
Elektro-Offensive

Ein neuer Volkswagen ID.3 steht zur Auslieferung in einem Turm der Wolfsburger VW-Autostadt bereit.

(Foto: dpa)

Es ist der größte Skandal in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 32 Milliarden Euro hat die Dieselaffäre Volkswagen bislang gekostet, und ein Ende ist nicht abzusehen. Das Leben einst gefeierter Topmanager wie von VW-Chef Martin Winterkorn oder seinem Audi-Kollegen Rupert Stadler wurde auf den Kopf gestellt. Ruhm und Anerkennung sind dahin, demnächst müssen sich beide vor Gericht verantworten.

Doch so verwegen es klingen mag: Der Skandal hat etwas Positives. Denn letztlich hat der Betrug einen Erneuerungsprozess bei VW eingeleitet, den es mit dieser Geschwindigkeit sonst niemals gegeben hätte. Was mit der Aufdeckung durch US-Umweltbehörden vor exakt fünf Jahren begann, hat nicht nur den VW-Konzern, sondern gleich die gesamte Automobilindustrie nach vorn gebracht.

Unter Konzernchef Martin Winterkorn ging es bei Volkswagen eigentlich nur nach oben. 2013 und 2014 meldeten die Wolfsburger Rekordgewinne, der Aufstieg zur weltweiten Nummer eins schien nur noch eine Frage der Zeit. Doch was damals niemand so recht wahrhaben wollte: Auf wichtigen Auslandsmärkten wie Nord- und Südamerika ging es mit dem Konzern abwärts, und auch das Image der Marke hatte schon deutlich gelitten.

Die Rekordgewinne waren zu einem Ballast geworden. Niemand in Wolfsburg wollte die Notwendigkeit erkennen, dass sich auch ein Riese wie Volkswagen erneuern muss. Elektromobilität, Digitalisierung, neue Formen der Mobilität – all das schien die Verantwortlichen von Volkswagen nicht sonderlich zu interessieren.

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    Wenn die Dieselmanipulationen nicht im September 2015 aufgeflogen wären, hätte Martin Winterkorn wahrscheinlich noch zwei oder drei Jahre als Konzernchef weitergemacht. Und dem Beispiel des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch folgend, hätte Winterkorn danach auch noch als Aufsichtsratsvorsitzender weitere Jahre maßgeblichen Einfluss auf den Konzern genommen. Doch mit dem Dieselskandal wurde vieles anders. Plötzlich musste auch der Vorstandsvorsitzende den Konzern verlassen.

    Schaden begrenzen

    Natürlich ging es anfangs vor allem darum, die Dieselaffäre irgendwie in den Griff zu bekommen und den zu erwartenden Schaden zu begrenzen. Im September 2015 war die Unsicherheit in Wolfsburg groß. Sogar die Existenz des Konzerns stand auf dem Spiel.

    Doch zugleich begann etwas Neues. Bald setzten sich die Entwicklerteams zusammen und starteten mit der Arbeit an neuen Elektroautos. Die Ergebnisse sind gerade jetzt zu sehen: Vor wenigen Tagen hat der Konzern die ersten ID.3 an Kunden ausgeliefert.

    Die Entwicklung dieser Autos war zwar mit Geburtswehen verbunden, wie die immer wieder aufkommenden Software-Probleme gezeigt haben. Mit der ID-Elektro-Modellreihe ist jedoch etwas Bemerkenswertes in Wolfsburg passiert. Der gesamte Entwicklungsprozess dieser komplett neuen Autos hat vom ersten Bleistiftstrich bis hin zur fertigen Produktion gerade einmal vier Jahre gedauert. Davor hatte sich Volkswagen bei klassischen konventionellen Verbrenner-Pkw meistens sieben Jahre Zeit für ein neues Modell genommen.

    Der Wolfsburger Koloss ist also wesentlich schneller geworden und hat so auch eine Antwort auf Tesla gefunden. Denn Tesla-Gründer Elon Musk macht jeden Tag vor, dass es in der eher festgefahrenen und traditionell ausgerichteten Automobilindustrie immer wieder neue Ideen geben kann. Und in Wolfsburg hätte es zuvor niemand für möglich gehalten, dass sich ein neues Auto in nur vier Jahren entwickeln lässt.

    Beschleunigungseffekt strahlt aus

    Der vom Dieselskandal ausgelöste Beschleunigungseffekt hat auch ganz entscheidend auf die Politik ausgestrahlt, wie das Beispiel Europa gerade in diesen Tagen zeigt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will eine weitere Verschärfung der Klimaziele durchsetzen, was auch wieder Konsequenzen für die Automobilhersteller nach sich zieht. Denn diese Ziele lassen sich nur erreichen, wenn noch mehr Elektroautos als ursprünglich geplant auf die Straßen kommen. Das trifft dann nicht mehr nur Volkswagen, sondern die gesamte Automobilindustrie.

    Vor fünf Jahren hätte sich die Branche lautstark dagegen gewehrt. Doch auch VW-Konzernchef Herbert Diess lässt erkennen, dass sich die verschärften Klimaziele durchaus erreichen lassen. Weil es die fertigen und fahrbereiten Elektroautos schon heute gibt und weil sie eben nicht noch drei weitere Jahre auf den Teststand geschickt werden müssen.

    Doch der Dieselskandal wird nicht nur der Umwelt helfen. In dieser Woche hat sich auch US-Monitor Larry Thompson aus Wolfsburg verabschiedet. Er bescheinigt den VW-Verantwortlichen, dass sie in den zurückliegenden drei Jahren seines Mandats ein besseres Unternehmen aus dem VW-Konzern gemacht hätten.

    Kulturwandel bei VW

    Bei Volkswagen hat nach der Aufdeckung des Dieselskandals ein Kulturwandel begonnen. Intern wurde der Umgang miteinander offener, transparenter und kritischer. Die Hierarchiegläubigkeit prägt das Arbeitsleben bei VW nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Das bestätigt auch der Monitor.

    Mehr Offenheit und Transparenz können dafür sorgen, dass im stillen Kämmerlein nicht so schnell wieder neue kriminelle Ideen entwickelt werden. Ein völliger Schutz gegen neues Fehlverhalten ist das zwar nicht. Aber es ist eine wichtige Voraussetzung, um einen weiteren Dieselskandal zu verhindern.

    Mehr: Dieselskandal: US-Kontrolleur hat Volkswagen fast 700 Millionen Euro gekostet.

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    7 Kommentare zu "Analyse der VW-Affäre: Warum der 32 Milliarden Euro teure Dieselskandal auch seine positive Seite hat"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Für mich war es eine schmerzhafte Erfahrung, dass im Kreis meiner Ingenieur-Kollegen so etwas möglich ist. Organisationen wie VDI und VDE waren nicht einmal in der Lage, angemessen darauf zu reagieren. Die Aufarbeitung dieses Betrugsfalles hinterlässt Spuren, so hoffe ich.

    • Nein, der Dieselbetrug ist für VW noch lange nicht vorbei. Und einen Kulturwandel von VW in Richtung seiner Kunden kann ich als Betroffener nicht erkennen. Im Gegenteil: hier spielt VW und seine Heerscharen an Anwälten weiterhin auf Zeit mit allen erdenklichen Verzögerungstaktiken, obwohl es eindeutige höchstrichterliche Urteile zu Gunsten der Geschädigten gibt. Wenn Herr Diess es hier wirklich Ernst meinen würde, dann sollte er nicht mehr auf seine Juristen hören und die Betroffenen schnell und angemessen entschädigen. Es ist einfach nur schändlich, wie wir hier von VW in Deutschland als Kunde 2. Klasse ggü den amerikanischen Kunden behandelt werden.

    • Wie hilft der Dieselskandal der Umwelt? Sie wurde doch ebenso betrogen, wie die vielen Autokäufer und VW-Aktionäre weltweit. Es ist nett gemeint, dem Diesel-"Skandal" nun eine positive Seite abgewinnen zu wollen, doch der gute Ruf, den Qualität "made in Germany" nicht zuletzt wegen seiner Automobile mal genoss, wurde nachhaltig beschädigt - ebenso wie die Aktienkurse.

      Ein deutsches DAX-Unternehmen, das betrügt? Das war 2015 für mich unvorstellbar, es hat mich tief enttäuscht - und irgendwie auch beschämt. Dass heute positive Entwicklungen erkennbar sind bei VW, ist allein der _Aufdeckung_ des Betrugs zu verdanken, die das Unternehmen zum Umdenken zwang - unter Kontrolle/Monitoring, nicht dem Betrug selbst.

      Und: Ja, Herr Schönenberg hat Recht! Der Betrug war sicherlich teuer, kostete viel kriminelle Energie, Planung, Absprachen... Zeit und Geld. Aufwand, der von VW und Kollegen in Forschung und Neuentwicklung umweltfreundlicher Mobilität investiert, die deutsche Automobilindustrie wohl heute in Pole-Position statt vor Gerichet gebracht hätte.

    • Ergänzung: mit fehlender Infrastruktur meine ich die Lademöglichkeiten von E-AUTOS, mal als Beispiel. Dazu gehört noch viel mehr, z. B. die Möglichkeit in jeder Garage "günstig" und ohne Gegenwehr der Eigentümer eine Ladebox zu ermöglichen. Immerhin ist diese Gesetzesänderung auf den Weg gebracht (noch nicht durch).

    • Die Automobilbranche - weltweit - hat gepennt. Verbrenner würden wir solange nutzen bis es keinen Treibstoff mehr gibt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, wenn nicht Tesla und dann mit Beschleunigseffekt durch Dieselskandal über alternative Antriebsarten nachzudenken. Die hohe Strafzahlung ist gerechtfertigt und nicht als zusätzlicher Bonus für die vielen Dieselfahrer in den USA zu sehen. Es ist eher eine Schande, dass europäische Autobesitzer so schlecht entschädigt werden und ein Kraftfahrzeugbundesamt sich zum Helder einer ganzen Branche instrumentalisieren lässt. Die Briefe des KFBA man möge als Dieselbesitzer doch zu dem nächsten Händler seines Modells gehen um ein neues Fahrzeug zu erwerben ist ebenso skandlös wie die Nichtweitergabe von Informationen des KFBA welche in Einzelverhandlungen den Geschädigten wichtige Beweismittel in die Hand gegeben hätten. Skandlös ist wie ignorant die Politik in Deutschland ist und keinerlei Anstalten macht die fehlende Infrastruktur zu standardisieren und zu beschleunigen. Aber herje, wenn wir bei der Mobilkommunikation sogar hinter afrikanischen Staaten (3. Weltländer) landen, was will man dann auch erwarten?

    • Ja der Dieselskandal hat bewirkt, dass in Amerika viele Diesel mit niedrigen Kraftstoffverbrauch fahren durften, die Kunden haben gespart und bekamen dann noch 32 Milliarden für eine Abschaltsoftware auf dem Prüfstand. Das hat sich rentiert. Das ist eine wirklich positive Seite für unsere amerikanischen Freunde. Das Tesla dadurch zusätzlich gepuscht wurde, ist auch sehr schön.

    • So einfach sehe ich das mal nicht; hier wurde durch Betrug viel Geld verbrannt, dass heute auch irgendwo fehlt! Auf diese Art und Weise wurde auch die Diesel-Technologie kaputt gemacht, von der ich nach wie vor auf Grund guter Erfahrungen überzeugt bin. Elektromobilität macht sicherlich auf kurze Entfernung und in den Innenstädten Sinn. Auf weiten Strecken gibt es die "Hilfs"-Krücken Hybrid, die hohe Gewichte durch die Gegend schleppen und dann doch viel herkömmlichen Treibstoff verbrauchen. Für viele Fahrzeugbesitzer macht es keinen Sinn, zwei Fahrzeug zu unterhalten, um auf Kurzstrecken elektrisch zu fahren, ansonsten auf weiteren Strecken dann fossil.

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