Kommentar: 2024 gehört dem globalen Süden

Narendra Modi ist seit Mai 2014 amtierender Premierminister Indiens. Foto: Bloomberg
Der globale Süden hat ein gutes Jahr hinter sich – zumindest als eines der populärsten Schlagwörter in der internationalen Politik. Umworben wurde die Region, der sämtliche Schwellen- und Entwicklungsländer zugerechnet werden, in Reden von allen Seiten: Dass der globale Süden eine wichtige Rolle spiele, sei gut und richtig, lobte Kanzler Olaf Scholz beim G20-Gipfel in Neu-Delhi. US-Präsident Joe Biden versprach bei seinem Besuch in Hanoi mehr Wachstumshilfe für den globalen Süden.
Chinas Präsident Xi Jinping erklärte wiederum beim BRICS-Gipfel in Johannesburg, sein Land atme als Teil des globalen Südens die gleiche Luft wie andere Schwellenländer – und stehe deshalb auch für eine gemeinsame Zukunft mit ihnen.
Hinter dem steigenden Interesse an den ärmeren, nicht westlichen Ländern, die der schwammige Begriff des „globalen Südens“ zusammenfasst, steckt die Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse – und auch die Erkenntnis der reichen und mächtigen Staaten, dass sie angesichts komplexer Herausforderungen auf neue Partnerschaften angewiesen sind.
Die Frage, wer sich im Werben um die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Afrikas und Südamerikas die meisten Freunde macht, hat deshalb auch 2024 erhebliche strategische Bedeutung. Während sich der Westen Alternativen zu den Wirtschaftsbeziehungen zu China wünscht und den wachsenden geopolitischen Einfluss der Volksrepublik ausbalancieren möchte, strebt die Regierung in Peking nach einer neuen internationalen Ordnung – und hofft dabei auf die Unterstützung jener Staaten im globalen Süden, die sich von den wohlhabenden Industrieländern übergangen und ausgebeutet fühlen.
Der antiwestlichen Rhetorik, die China dabei einsetzt, können Europa und Amerika nicht allein entgegentreten. Zu groß ist das Misstrauen in großen Teilen der Welt gegenüber den USA und ihren Verbündeten, die sich vielerorts den Ruf erarbeitet haben, internationale Regeln nur dann anzuwenden, wenn diese ihre eigenen Interessen widerspiegeln. Bessere Chancen hat der Westen, in dem er mit moderateren Staaten innerhalb des globalen Südens bei ihrem Wunsch nach größerem Einfluss zusammenarbeitet.
Eine Partnerschaft mit Indien bietet sich dabei an: Dessen Regierungschef Narendra Modi hat einen offenen Wettstreit mit China um die Führungsrolle im globalen Süden gestartet – und dazu 2023 gleich zwei virtuelle Gipfeltreffen mit mehr als 100 Teilnehmerstaaten ausgerichtet. Ab 2024 will Modi eine jährliche Konferenz über die Entwicklung des globalen Südens veranstalten. China lässt er dabei außen vor – als zweitgrößte Volkswirtschaft und ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat passt die Volksrepublik schließlich auch nicht wirklich in die Gruppe jener Länder, die in der Weltgemeinschaft zu wenig zu sagen haben.
Der globale Süden will mehr Verantwortung
Von China unterscheidet sich Indiens Ansatz aber nicht nur in der Frage, wer überhaupt zum globalen Süden gehört und wer nicht: Anders als der Regierung in Peking geht es Neu-Delhi nicht um einen Umsturz des aktuellen internationalen Systems, sondern lediglich um dessen Reform. Indien fordert mehr Mitspracherechte im Sicherheitsrat und in den internationalen Finanzorganisationen. Seine Botschaft sei, dass der globale Süden mehr Verantwortung übernehmen wolle, sagte Modi vor wenigen Wochen.
Amerika und Europa wären gut beraten, sich darauf einzulassen und Macht an Schwellenländer wie Indien abzugeben. Nur so haben sie eine Chance zu verhindern, dass Länder wie China, aber auch Russland, die Unzufriedenheit über den Status quo in Teilen der Welt für ihre eigenen machtpolitischen Interessen ausnutzen.
Dabei muss sich der Westen aber auch im Klaren darüber sein, dass Indien kein einfacher Partner ist – und es auch in wichtigen Fragen Meinungsunterschiede geben wird. Indiens umfangreicher Erwerb von russischem Öl ist nur ein Beispiel dafür. Eine vertiefte Zusammenarbeit mit dem Land in internationalen Organisationen bietet aber die Möglichkeit, auch solche Differenzen offen anzusprechen – nicht bevormundend wie lange Zeit üblich, sondern als Partner auf Augenhöhe.