Kommentar: Der Fall Brenntag ist ein Alarmsignal für deutsche Konzerne

Der Hedgefonds Primestone fordert eine Aufspaltung des Chemikalienhändlers.
Foto: IMAGO/imagebrokerEs ist nur auf den ersten Blick ein klarer Sieg: Auf der Hauptversammlung des Dax-Konzerns Brenntag haben sich die vom Unternehmen nominierten Kandidaten für den Aufsichtsrat durchgesetzt. Die Gegenkandidaten des Investors Primestone fanden am Donnerstag keine Mehrheit bei den Aktionären.
Der britische Hedgefonds mag damit gescheitert sein, den Aufsichtsrat für sich einzunehmen und so seiner Forderung nach einer schnellen Aufspaltung des weltgrößten Chemikalienhändlers Nachdruck zu verleihen. Die Bedrohung deutscher Firmen durch unbequeme angelsächsische Anteilseigner hingegen ist gewachsen.
Dazu muss man sich das Geschehen um Brenntag nur einmal genauer anschauen. Aktionäre mit Anteilen von ein oder zwei Prozent wurden früher belächelt, auch wenn sie lautstark agieren und Aufspaltungen fordern. Doch Primestone hat einen Weg beschritten, den deutsche Unternehmen nur als Alarmsignal verstehen können.
Große Macht der Stimmrechtsberater
Überrascht hat der Hedgefonds zum einen mit dem Verbündeten: Brenntag wurde eiskalt davon erwischt, dass sich die großen amerikanischen Aktionärsberater ISS und Glass Lewis auf die Seite des Aktivisten stellten und die Aufspaltungsforderungen unterstützten.
Die Macht der Stimmrechtsberater kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. Bei Brenntag sind fast 40 Prozent der Aktionäre ihrem Votum gefolgt. Normalerweise gelten bei Aufsichtsratswahlen auf deutschen Hauptversammlungen schon zehn bis zwanzig Prozent Gegenstimmen als Klatsche.
Kein Unternehmen kann sich mehr darauf verlassen, dass sich US-Stimmrechtsberater aus grundlegenden strategischen Fragen heraushalten, wie sie es vielleicht früher in Deutschland taten. Und so hat ein kleiner Investor plötzlich einen großen Hebel in der Hand, wenn er die gleichen Vorstellungen zur Steigerung des Unternehmenswerts hat wie die Berater.
Überrascht hat Primestone auch damit, gleich zwei eigene Gegenkandidaten für den Brenntag-Aufsichtsrat aufzustellen, die dort seine Interessen vertreten sollten. Ihr Einzug in das Gremium ist nur knapp gescheitert, obwohl sie auf der Hauptversammlung nicht einmal vorgestellt wurden.
Der Aufsichtsrat wird so zum potenziellen Einfallstor aktivistischer Investoren. Brenntag ist dem nur knapp entkommen. Bei Firmen, die keine „sanften“ deutschen Großinvestoren haben, sondern ganz überwiegend in amerikanisch-britischem Besitz sind, könnte es anders laufen. Und davon gibt es viele im Dax.
Kein Unternehmen will einen Aufsichtsrat haben, der ständig streitet
Sicher, ob Primestone mit seinem Verständnis von Corporate Governance bei Brenntag erfolgreich gewesen wäre, ist fraglich. Im amerikanischen Board-Modell, in dem Vorstand und Kontrolleure gemischt sind, können Investoren über einen Sitz die Strategie gut mitbestimmen. Im dualen deutschen Modell aber macht der Vorstand die Strategie, die der Aufsichtsrat nur kontrolliert.
Kein Unternehmen aber will einen Aufsichtsrat haben, der ständig streitet und am Ende nicht an einem Strang zieht. Jeder Vorstandschef, der nicht ein geschlossenes Gremium hinter sich weiß, hat es entweder sehr schwer oder sucht umgehend das Weite. Der Einfluss eines lautstarken Aktivisten kann somit auch im deutschen System groß sein.
Unternehmen bleibt nur ein Weg, um derartige Konstellationen zu vermeiden und die ungeliebten Aktivisten auf Distanz zu halten: Sie müssen mit einer guten Ergebnis- und Börsenperformance überzeugen und vor allem Handlungsfähigkeit beweisen.
Siemens beispielsweise ist dies mit einem individuellen und selbst eingeleiteten Weg zur Auftrennung gelungen. Anderen steht dies noch bevor. Brenntag, soviel ist absehbar, wird auch trotz der Niederlage von Primestone kein Einzelfall bleiben.