Kommentar: Der IAA fehlt ein klares Profil
Das bunte Nebeneinander auf und abseits des Messegeländes wirkt reichlich beliebig.
Foto: BloombergDeutschlands Vorzeigeindustrie gibt sich geläutert. Statt der üblichen PS-Protzerei in Frankfurt wollen Volkswagen, Daimler und BMW dieser Tage in München ein Volksfest der Mobilität zelebrieren. Alle Fortbewegungsmittel sollen dabei in den Fokus gerückt werden – nicht nur die eigenen Pkws. Zu den 700 Ausstellern zählen folglich nicht nur Fahrzeughersteller und Zulieferer, sondern beispielsweise auch mehr als 70 Fahrradmarken.
An einigen der schönsten Plätze der bayerischen Landeshauptstadt will die Branche zudem mit Bürgern und NGOs kritisch in den Dialog treten. Dieser Ansatz ist löblich, aber mäßig glaubwürdig. Schließlich ist der Veranstalter der IAA immer noch der Verband der Automobilindustrie und nicht die Interessenvertretung aller Verkehrsträger.
Ohnehin wirkt das bunte Nebeneinander auf und abseits des Messegeländes reichlich beliebig. Wer sich für E-Scooter und Bikes interessiert, ist bei einer Autoshow, die die IAA nach wie vor ist, im Zweifel schlecht aufgehoben. Umgekehrt dürften sich gestandene Autofans nur mäßig für andere Produkte mit Rädern interessieren. Was der Veranstaltung fehlt, ist ein klares Profil.
Dennoch ist längst nicht alles schlecht, was sich die Macher ausgedacht haben. Die Messe punktuell auf das ganze Stadtgebiet auszudehnen ist jedenfalls einen Versuch wert. Auch die sogenannte „Blue Lane“, eine Art Umweltspur, auf der Besucher mehr als 250 Fahrzeuge selbst testen können, hat das Potenzial zu begeistern. Dennoch dürfte das Interesse an der IAA insgesamt infolge der Corona-Auflagen begrenzt sein.
Viele große Namen wie Toyota oder der Opel-Mutterkonzern Stellantis sparen sich die Reise nach München daher komplett. Wer dennoch Flagge zeigt, tut dies mit angezogener Handbremse. Die Stimmung unter den Ausstellern ist verhalten. Viele fürchten, dass die Proteste von Klimaaktivisten abermals drastisch ausfallen könnten.
Immerhin: Anders als 2019 in Frankfurt können alle Fahrzeughersteller dieses Jahr in München eine breite Palette an Elektroautos mit ernst zu nehmenden Reichweiten präsentieren – statt ein paar halbherziger Stromer. Das zeigt: Die Branche stellt sich dem nötigen Wandel.
Zwar ist auch die neue IAA keineswegs perfekt, aber die Industrie sollte die Chance erhalten, das Konzept weiter zu schärfen und 2023 noch mal auszutesten. Floppt die IAA nach der Pandemie, sollte sie freilich endgültig beendet werden.