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Kommentar Der Machtkampf bei VW wirft ein schlechtes Licht auf die deutsche Industrie

Die Autoikone aus Wolfsburg gilt weltweit als Vorzeigeunternehmen für Deutschland. Vorstand und Aufsichtsrat sollten dieser Rolle endlich gerecht werden.
03.12.2020 - 04:02 Uhr Kommentieren
Die Zentrale des VW-Hochhauses ragt nicht nur über Wolfsburg. VW steht für Industriekultur in ganz Deutschland. Quelle: imago/photothek
VW-Hochhaus in Wolfsburg

Die Zentrale des VW-Hochhauses ragt nicht nur über Wolfsburg. VW steht für Industriekultur in ganz Deutschland.

(Foto: imago/photothek)

Es ist ein großes Glück für den größten deutschen Industriekonzern, dass sich die Welt gerade um Corona dreht. Und nicht um Befindlichkeiten in Wolfsburg. Denn zu viel Aufmerksamkeit für Volkswagen hieße auch, große Fragezeichen hinter die Führung deutscher Unternehmen generell zu setzen. Volkswagen steht auf der Welt für mehr als nur die Produktion von Automobilen. VW wird als das deutsche Unternehmen schlechthin gesehen.

Eine Führungskrise erschüttert den Konzern nicht zum ersten Mal. Gut sind noch die Dramen um die Ex-Chefs Martin Winterkorn und den Patriarchen Ferdinand Piëch in Erinnerung. In diesen Tagen versucht CEO Herbert Diess, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und stößt dabei auf heftige Gegenwehr. Vor allem beim mächtigen Betriebsrat. Aber auch im Aufsichtsrat scheinen sich die Vertreter der Kapitalseite nicht so ganz einig zu sein, wie sie auf den neuerlichen Kampf um die Macht reagieren sollen.

In der Nacht zu Mittwoch tagte das Aufsichtspräsidium, doch der Krisenrat konnte sich zu nichts durchringen. Schon gar nicht den Konflikt lösen. Der schwelt weiter. Und er bringt das Unternehmen einmal mehr in Gefahr. Schließlich geht es hier nicht um irgendeinen Streit, es geht um die Zukunft des Konzerns.

Diess will die Wagenburg VW in Bewegung setzen, was angesichts des dramatischen Umbruchs in der globalen Autoindustrie so falsch nicht sein kann. Aber große Teile der Belegschaft und der Eigentümer können oder wollen ihm nicht folgen. Ohne sie, auch das muss ein angestellter Manager wissen, geht allerdings nichts. Diess kann den Wagen nicht allein ziehen.

Und es geht eben nicht um irgendein Unternehmen am Rande dieser Republik. Es geht um VW, den größten Konzern der größten Wirtschaftsnation in Europa. Uns Deutschen mag das manchmal nicht so ganz bewusst sein, aber der Automobilkonzern aus Wolfsburg gilt in der Welt immer noch als das Symbol der deutschen Industrie.

Nicht ohne Grund entlud sich der Groll über den Dieselbetrug vor allem an Volkswagen. Und deshalb ist es auch für den Ruf der gesamten Wirtschaft nicht gleichgültig, dass in Wolfsburg einmal mehr sämtliche Regeln einer guten Unternehmensführung und auch -kontrolle missachtet werden.

Erster Fehler: Mitbestimmung wird falsch interpretiert

Vertreter der Arbeitnehmer sehen sich in Wolfsburg gern als Mitglieder des Managements, das aber sind sie nicht. Betriebsräte und Gewerkschafter sollten sich auf ihren eigentlichen Auftrag besinnen, nämlich, die Interessen Hunderttausender Mitarbeiter zu wahren.

Das Wolfsburger Phänomen ist hierzulande nicht unbekannt. Mitbestimmung wird zuweilen falsch interpretiert. In der Montanindustrie war das immer besonders ausgeprägt, weil den Arbeitnehmern bei Stahl und Kohle noch weiter gehende Rechte eingeräumt wurden.

Das hat sich weitgehend erledigt, weniger durch tiefe Einsicht als durch das Wegsterben der Industrie. Thyssen-Krupp zählt zu den letzten herausragenden Vertretern dieser Gattung. Dort haben sich die Arbeitnehmervertreter allerdings längst der Macht des Faktischen beugen müssen. Sie sind froh, wenn der Ruhrkonzern überlebt.

Zweiter Fehler: Der Staat hat zu viel Einfluss

Der Staat redet bei Volkswagen ganz selbstverständlich mit, obwohl das Land keineswegs Großaktionär ist. Trotzdem führt an der Staatskanzlei in Hannover kein Weg vorbei, wenn zentrale Entscheidungen anstehen.

Auch andere große Konzerne mussten sich mit Avancen der Politik herumschlagen. Der Stromkonzern RWE mit den Kommunen, die ehemaligen Bundesbehörden Post und Telekom mit dem Bund. Diese Unternehmen haben sich in den letzten Jahren weitgehend emanzipiert, was sich zumindest bei Post und Telekom deutlich an den Erfolgsbilanzen der Unternehmen ablesen lässt.

Dritter Fehler: Freie Aktionäre haben wenig zu melden

Professionelle, das heißt kompetente und unabhängige, Unternehmenskontrolle ist nicht unbedingt das Aushängeschild in Wolfsburg. Zu viele Interessenten reden mit, vom Clan der Piëchs und Porsches bis zu den Ölmagnaten aus Katar.

Freie Aktionäre haben in Wolfsburg ohnehin wenig zu melden. VW ist zwar eine Aktiengesellschaft, wird aber im Grunde beherrscht wie ein Familienunternehmen. Wer hier investiert, ist unkontrollierbaren Mächten ausgeliefert. Volkswagen ist zwar made in Germany, aber nun wirklich keine Werbung für Investments in Germany.

Imageschaden für die deutsche Industrie

Es mag den Topmanagern in Wolfsburg, von Konzernführer Diess bis zu Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, nicht gefallen, aber ihr Unternehmen steht unter besonderer Beobachtung. Und sie sollten dieser herausragenden Rolle endlich einmal gerecht werden. Nicht nur als Technologieführer auf dem Weg in die Elektromobilität, sondern auch als Vorbilder für gutes Management.

Das würden ihnen die Vorstands- und Aufsichtsratskollegen anderer Konzerne nicht nur danken, weil es dem Image der gesamten Wirtschaft guttäte. Es könnte auch einen gewaltigen Schub bei VW selbst auslösen. Nicht auszudenken, was eine geordnete Führung für den ohnehin rentablen VW-Konzern bedeuten würde. Dieser Gewinn lässt sich heute nicht erahnen.

Mehr: Machtprobe bei VW vertagt: Die Causa Diess schwelt weiter.

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