Kommentar: Intels Fehler in der Vergangenheit rächen sich – der technologische Wandel ist alternativlos
Die Fehler seiner Vorgänger versucht der neue Intel-Chef mit einer Technologieoffensive wettzumachen.
Foto: via REUTERSDie Chefs von Intel reden gern über das Moore’sche Gesetz, also über die Prophezeiung ihres Mitgründers Gordon Moore, wonach sich die Anzahl der Transistoren auf einem Chip alle zwei Jahre verdoppelt. So tat es Anfang dieser Woche auch Pat Gelsinger, der den umsatzstärksten Halbleiterhersteller der Welt seit Mitte Februar führt.
„Wir werden das Moore’sche Gesetz unermüdlich weiterverfolgen“, betonte der CEO, als er seine Pläne für die technologische Aufholjagd der nächsten Jahre vorstellte. Dabei weiß der 60-Jährige ganz genau, dass Intel seine Position als Innovationsführer längst verloren hat. Seit Jahren liegen der Taiwaner Auftragsfertiger TSMC und Samsung aus Südkorea in der Halbleiterbranche technologisch vorn.
Mit mehreren kleinen, aber radikalen Schritten will Gelsinger den US-Konzern wieder zu der Institution machen, die Intel über Jahrzehnte war. Strategisch ist das vollkommen richtig. Das Vorhaben wird aber auch viele Milliarden Dollar kosten, sich mindestens über ein halbes Jahrzehnt ziehen – und es kann durchaus auch scheitern.
In der Fertigung lässt Gelsinger keinen Stein auf dem anderen: neue Chip-Architekturen, neue Verfahren, neue Maschinen. Das ist hochrisikoreich, weil die Abläufe mit mehreren Hundert Produktionsschritten sehr komplex sind.
Renditestreben verhinderte den Wandel bei Intel
Angesichts der Versäumnisse seiner Vorgänger bleibt Gelsinger aber gar nichts anderes übrig. Um die üppigen Margen nicht zu gefährden, haben die ehemaligen Chefs wesentliche technologische Entwicklungen ignoriert.
Zum Beispiel den Wandel hin zu den EUV-Maschinen (extrem violettes Licht) des niederländischen Equipmentherstellers ASML. Die Apparate kosten 200 Millionen Dollar pro Stück. Sie erlauben es aber, die höchstintegrierten Halbleiter der Welt herzustellen. TSMC und Samsung haben das früh erkannt – und sind Intel daher weit voraus.
Eins hilft Gelsinger aber: Intel ist kein Sanierungsfall. Der Konzern aus dem Silicon Valley verdient nach wie vor viel Geld. Im zweiten Quartal erzielte das Unternehmen einen Gewinn von fünf Milliarden Dollar. Es fehlt also nicht an den nötigen Mitteln für den Neustart.
In der Vergangenheit waren es meist Managementfehler, die Intel bei wegweisenden Technologieprojekten scheitern ließen. Nun steht mit Pat Gelsinger ein enorm erfahrener Ingenieur an der Spitze.
Ein Mann, der die technischen Details der Chips ebenso durchdringt wie die Dynamiken eines weltweit tätigen Konzerns mit 110.000 Beschäftigten. Wenn er es nicht schafft, bei Intel in die Fußstapfen von Gordon Moore zu treten, dann schafft es wohl niemand.