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Halbleiter-Produktion

Immer mehr europäische Chiphersteller werden nach Asien oder in dei USA verkauft.

(Foto: Bosch)

Pro und Contra Ausverkauf von Europas Chipbranche: Sollte der Staat einschreiten?

Dialog Semiconductor, Siltronic, ARM: Europas Halbleiter-Firmen werden aufgekauft. Der Staat könnte die Fusionen blockieren und sich in die Branche einmischen. Sollte er? Zwei Meinungen.
09.02.2021 - 17:53 Uhr Kommentieren

Pro: Kein blindes Vertrauen in den Markt bei Schlüsseltechnologien

Von Martin Buchenau

Wir haben es bei Solarmodulen erlebt, bei den Batteriezellen noch einmal, und als Nächstes werden wir es zum wiederholten Male bei Halbleitern sehen: Der hierzulande gepflegte Ordoliberalismus geht davon aus, dass der Markt die beste Informationsquelle ist und der Staat nur einen Ordnungsrahmen vorgibt. Der Markt entscheidet, welches Unternehmen und welche Technologie überlebt oder wer wen übernimmt.

Das stimmt in der reinen Lehre und sicher auch im Allgemeinen. Aber eben nicht im besonderen Fall von Schlüsseltechnologien.

Ein Staat hat durchaus die Aufgabe, im Austausch mit der Wirtschaft strategisch wichtige Technologien und Unternehmen erst zu definieren und dann auch zu fördern. Und im Ernstfall muss er auch bei einem drohenden Verkauf einschreiten. Das darf nicht nur für Rüstungsunternehmen gelten. Denn es geht auch in der zivilen Wirtschaft um Vorherrschaft in der Welt.

Das gilt besonders in Zeiten technologischer Umbrüche. Anders als in der Theorie gibt es da nur bestimmte Zeitfenster, in denen man agieren muss. Sonst wird eine heute noch blühende Wirtschaft ihrer Zukunft beraubt.

Wenn die Kontrahenten wie bei Solarzellen und Batterien hochsubventioniert von ihren Staaten auf den Markt treten und Europa sich dem mit Verweis auf freie Märkte ergibt, dann zeigt das, wo Naivität hinführt. Bei Chiptechnologie ist Europa schwer ins Hintertreffen geraten. Es ist klar, dass der Vorsprung der Chipriesen wie Intel oder Samsung nicht mehr aufgeholt werden kann.

Aber Europa darf nicht noch mehr verlieren, sondern muss wenigstens etwas Boden gutmachen. Es geht nicht nur darum, Übernahmen wie die des Wafer-Produzenten Siltronic oder des Chipdesigners Dialog Semiconductor zu verhindern. Vielmehr darf ein rohstoffarmes Land wie Deutschland nicht seine besten Köpfe in der Chiptechnologie einschließlich Software und Künstlicher Intelligenz auch noch ans Ausland verlieren.

Denn die besten Leute gehen dorthin, wo sie sich am freiesten entfalten können. Bei Chiptechnologie heißt das Forschung, die an moderne Produktion angebunden ist. Gibt es diese Produktion hierzulande immer weniger, dann wandern noch mehr helle Köpfe ab. In der Chiptechnologie sind Staatsgelder wie 300 Millionen für das neue Chipwerk von Bosch in Dresden zukunftsfähiger angelegt als die Rettungsgelder bei Commerzbank, Karstadt/Kaufhof oder Tui.

Autoindustrie und Maschinenbau sind unsere Domänen – aber wie lange noch, wenn die Autos der Zukunft Computer auf Rädern werden? Deutschland muss vereint mit Europa hier genauso klar vorgehen wie die USA oder China, wenn ein großer Ausverkauf vermieden werden soll.

Man muss es nur umdrehen: Beispiele gibt es genug, dass Übernahmen in den USA nicht genehmigt wurden – von China ganz zu schweigen. Es ist nicht von vornherein Teufelszeug, wenn der Staat an neuralgischen Stellen im Einzelfall und mit guter Begründung interveniert. Wenn Airbus nicht gegründet worden wäre, gäbe es heute keine europäische Luftfahrtindustrie.

Chiptechnologie einschließlich Software und Künstlicher Intelligenz sind das Rohöl unserer Zeit. Und genauso wie beim Öl hat es Auswirkungen auf die weltweite Geopolitik. Nicht wegen der Historie, sondern wegen der größten Chipfabriken der Welt würde China sich lieber heute als morgen Taiwan einverleiben. Blindes Vertrauen ist nie gut – selbst wenn es in den Markt ist.

Quelle: Kostas Koufogiorgos

(Foto: Kostas Koufogiorgos)


Contra: Blockaden sind falsch, die Wirtschaft ist am Zug

Von Stephan Scheuer

Es ist einfach, nach dem Staat zu rufen. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie werden freigiebig Milliardensummen für Branchen zugeteilt, die besonders laut rufen. Die Chipindustrie hat plötzlich eine große Bedeutung erlangt. Es stimmt, dass Europa in dieser wichtigen Technologie zurückgefallen ist. Die Verantwortung, das zu ändern, liegt jedoch in erster Linie bei den Unternehmen, nicht bei der Politik.

Ob Autobauer, Netzausrüster oder Maschinenbauer: Sie alle sind auf Chips angewiesen. Sie würden daher gut daran tun, die dafür nötigen Produzenten zu stärken. Deutsche Autobauer wie Volkswagen, Daimler und BMW haben über Jahrzehnte genau auf die große Zahl ihrer Zulieferer geachtet. Doch beim traditionellen Fokus auf Verbrennungsmotoren haben sie die neue Bedeutung der Vernetzung der Fahrzeuge und der dafür nötigen Chips zu lange unterschätzt. Jetzt bekommen sie die Quittung.

Es wäre falsch, dafür jetzt den Staat verantwortlich zu machen. Es ist die Aufgabe der Unternehmen, langfristig zu planen. Und dazu gehört es auch, sich nicht zu stark von wenigen Zulieferern in Asien abhängig zu machen.

Europa ist bei der Chipindustrie noch nicht im globalen Vergleich abhängt. Mit Infineon ist ein Halbleiterhersteller im Leitindex Dax. Der niederländische Konzern NXP und die britische ARM setzen globale Maßstäbe für die Chipbranche. An diese Stärken muss Europa anknüpfen.

Immer wieder wird eingewendet, China investiere jetzt Milliarden in die heimische Halbleiterbranche. Dagegen könne Europa gar nicht ankommen. Dieser Blick ist falsch. Pekings Staatskapitalismus hat schon in Branchen wie der Solarindustrie oder der Industrieroboter zu gewaltigen Überkapazitäten bei geringer Qualität geführt. Mit entsprechend großer Skepsis sollten die Pläne für die Halbleiterbranche gesehen werden. Die Volksrepublik sollte hier kein Vorbild sein.

Taiwan hat eher vorgemacht, wie eine Chipindustrie von Weltrang entstehen kann. Schon in den 1980er-Jahren siedelten in den USA ausgebildete Ingenieure ein Cluster an Hightechfirmen auf der Insel an. Herausragend ist die Bedeutung von Morris Chang, der mit TSMC einen der weltbesten Halbleiterproduzenten aufbaute.

Natürlich bekam Taiwans Halbleiterindustrie auch Unterstützung vom Staat. Die treibende Kraft waren aber Unternehmen, die innovative Ideen vorantrieben und über Jahrzehnte den Ausbau der Branche begleiteten. Zudem wussten sie die globalen Aktienmärkte gut für die Finanzierung ihrer Pläne einzusetzen.

Daran sollten sich die Firmen in Europa ein Vorbild nehmen. Der Aufbau der Halbleiterindustrie wird viele Jahre brauchen. Er muss aber von innovativen Firmen getrieben sein. Jetzt als Staat einzelne Fusionen zu verbieten ist ein Abwehrkampf, der nur scheitern kann. Diese Strategie wäre der falsche Weg.

Mehr: Dialog, Siltronic, Arm: Der Ausverkauf der europäischen Chipindustrie geht weiter.

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