Prüfers Kolumne: Sparen gibt uns die Illusion, das Chaos des Lebens zu kontrollieren
Man kann tatsächlich noch ein Sparbuch bei der Sparkasse anlegen. Das Bild, das auf der entsprechenden Themenseite des Finanzinstituts abgebildet ist, zeigt eine Frau, deren Bauchansatz erkennen lässt, dass sie hochschwanger ist. In der einen Hand hält sie ein Sparschwein, in der anderen eine Münze, die sie mit bedachter Geste in den Schlitz steckt. Wahrscheinlich will sie wegen der bevorstehenden Geburt Rücklagen bilden und fängt nun mit dem Sparschwein an.
Die Sparkasse bewirbt die Anlage als „den beliebten Klassiker beim Sparen“, was man kaum als Bewerben bezeichnen kann. „Klassiker“ heißt ja so viel wie „von vorgestern“. Wenn die werdende Mutter ihr finanzielles Schicksal ernst nehmen würde, dann würde sie anständig in ETFs investieren. Denn die Kaufkraft der zwei Euro wird sich pulverisiert haben, noch bevor das Kind einen Kita-Platz hat.
Aber trotzdem sparen die Menschen in Deutschland unverdrossen weiter. Die Deutschen haben eine Sparquote von mehr als zehn Prozent und sind damit internationale Spitzenreiter. Laut einer Yougov-Umfrage im Auftrag der Postbank legen satte 80 Prozent der Bundesbürger regelmäßig Geld beiseite. Aber warum?
An den Renditen kann es kaum liegen. Die sind bei Sparanlagen so gering, dass sogar Lottospielen der verlässlichere Gewinnbringer ist. Laut Yougov fühlt sich jeder dritte Sparer (37 Prozent) schlicht gut dabei, Rücklagen zu bilden. Man könnte also sagen, die Deutschen betreiben emotionale Wellness – in Form eines Sparbuchs.
Offenbar ist es etwas, an das man gern denkt: „Ich habe ja dieses Sparvermögen, das mir alles Mögliche erlauben würde, wenn ich es denn antasten würde – was man aber nicht macht.“ So hat Dagobert Duck einmal auf die Frage seines Neffen Donald, warum er sich für sein Geld nicht mal etwas Schönes leistet, geantwortet: „Dann habe ich es ja nicht mehr.“
Sparen ist für viele ein Selbstzweck
Die Deutschen geben zwar an, auf alles Mögliche zu sparen: Laut Umfrage sind das ein Eigenheim, ein neuer Fernseher oder die Vorsorge für Notfälle. Aber für die meisten ist es einfach ein Selbstzweck, ein Hobby. Ich verstehe das gut. Sparen gibt uns die Illusion, das Chaos des Lebens zu kontrollieren. In einer Welt, in der Heizkosten explodieren und Streamingdienste ungeniert die Preise erhöhen, ist ein stetig wachsendes Konto wie ein stiller Aufstand gegen die Unberechenbarkeit.
Es sagt: Die Welt da draußen mag verrückt sein, aber man selbst hat ja Rücklagen. Natürlich hätte man diese Rücklagen nicht mehr, wenn man tatsächlich etwas kaufen würde. Dann hätte man eine Wohnung, die wieder Kosten verursacht, oder einen Fernseher, der ja auch kein anderes Fernsehen ausspuckt als der Fernseher davor. Allein das Geld, das man nicht ausgegeben hat, hat einen Reiz. Das Leben, das man sich leisten könnte, wenn man es denn wollte.
In diesem Sinne ist Sparen etwas sehr Elegantes, viel feinsinniger als Konsumieren oder gar Investieren. Man muss es sich halt leisten können, so ein teures Hobby.