Morning Briefing: Die Augen nach oben - Bundeswehr plant Weltraum-Großoffensive
Koalitionsverhandlungen: Noch keine Einigung
Liebe Leserinnen und Leser,
seit fast vier Wochen verhandeln Spitzenpolitiker von CDU, CSU und SPD über einen Koalitionsvertrag. Gestern hieß es, man stünde kurz vor dem Abschluss. Doch nach rund 13 Stunden Beratung haben die Spitzen von Union und SPD kurz vor Mitternacht ihre Koalitionsverhandlungen ohne Einigung unterbrochen. Aus Verhandlungskreisen hieß es daraufhin, Ziel sei nun eine Einigung bis Mittwochmittag. Die Gespräche sollen um 9.30 Uhr in der CDU-Parteizentrale fortgesetzt werden.
Eigene Satellitenschwärme für die Bundeswehr
Die Augen nach oben: Die Bundeswehr will bis 2029 hunderte Satelliten ins All schießen. Sie plant bis dahin den Aufbau von mindestens einer eigenen Satellitenkonstellation. Dabei handelt es sich um mehrere hundert Einzelsatelliten, die gemeinsam eine Aufgabe erfüllen – etwa Kommunikation oder Erdbeobachtung.
Ein solches Projekt könnte bis zu zehn Milliarden Euro kosten, schätzen Experten. Das Vorhaben soll nach einer Regierungsbildung im neuen Bundeshaushalt verankert werden.
Etwas verklausuliert bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums meinen Kollegen Thomas Jahn und Frank Specht die Pläne:
Solche Satellitenschwärme werden immer wichtiger für die Verteidigung: Mit ihrer Hilfe können Informationen schneller übermittelt oder feindliche Stellungen nahezu in Echtzeit ausgespäht werden. Die Bundeswehr betreibt derzeit allerdings nur acht bis zehn eigene Satelliten im Weltraum. Bisher hat sie sich vor allem auf die Satellitensysteme der USA verlassen. Doch angesichts von Donald Trumps erratischem Kurs gegenüber der Nato erscheint das den Bundeswehr-Strategen mittlerweile als zu riskant.
Bei ihrem Vorhaben will die Bundeswehr nach Aussagen von drei Brancheninsidern vor allem auf heimische Firmen zurückgreifen. Beim Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) sieht man eine „riesige Chance, die deutsche und europäische Raumfahrt insgesamt anzukurbeln“.
Deutsche Raffinerien in Not
Hängt bald die nächste Industriebranche am staatlichen Fördertropf? In Deutschland geraten immer mehr Raffinerien in Not – und die Politik scheint schneller zur Stelle zu sein als einst Red Adair, wenn mal wieder irgendwo eine Ölquelle brannte.
Hintergrund: Eine schwer planbare Nachfrage, lange hinausgezögerte Investitionen, billige Dieselimporte und stetig steigende Klimaschutzkosten machen den deutschen Raffinerien das Leben schwer. Längst ist nicht mehr auszuschließen, dass einzelne Standorte ganz dichtmachen. Fachleute wie Christoph Michel, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), warnen vor den Folgen:
In Kreisen der alten Bundesregierung heißt es, zur Lösung der Probleme sei man „für alle Optionen offen“. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnet Raffinerien als „einen unverzichtbaren Bestandteil“ für den Erhalt industrieller Wertschöpfungsketten, „insbesondere an den bestehenden integrierten Chemiestandorten“.
Zeitz gibt bei Harley die Schlüssel ab
Harley-Davidson-Chef Jochen Zeitz will seinen Posten in diesem Jahr aufgeben. Der Verwaltungsrat des Unternehmens teilte gestern mit, man suche bereits seit Ende vergangenen Jahres nach einem Nachfolger für den 62-Jährigen.
Zeitz hatte in den vergangenen fünf Jahren versucht, die Motorrad-Ikone für jüngere Kunden attraktiver zu machen und das Unternehmen auf Produkte mit hoher Marge fokussiert. Im vergangenen Jahr bröckelte der Umsatz allerdings um rund 15 Prozent, und auch für das laufende Jahr erwartet Harley bestenfalls ein stagnierendes Geschäft.
Der in Mannheim geborene Zeitz war 1993 mit 30 Jahren bei Puma der jüngste Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens in Deutschland geworden. Er machte die Firma zum drittgrößten Sportartikelhersteller weltweit, ehe er 2011 abtrat.
Wie tief kann der Dax noch fallen?
Knapp 15 Prozent hat der Dax seit seinem Hoch von Anfang März verloren, davon zwölf Prozent in den letzten zehn Handelstagen. Auslöser sind die Einfuhrzölle, die US-Präsident Donald Trump Ende vergangener Woche verhängt hat.
Wie tief kann es dann beim deutschen Leitindex noch abwärts gehen? Oder signalisiert der gestrige Kurssprung um 2,5 Prozent bereits eine Trendwende?
Handelsblatt-Aktienguru Ulf Sommer ist dieser Frage anhand historischer Kursdaten und wichtiger Kennzahlen nachgegangen. Das ernüchternde Ergebnis: Der Dax ist auch zum jetzigen Kurs keineswegs unterbewertet.
Für das Negativszenario, dass Trump seine restriktive Handelspolitik fortsetzt, hält Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp in den nächsten Monaten Dax-Kurse zwischen 15.400 und 18.000 Punkten für wahrscheinlich. Gegenüber dem gestrigen Schlusskurs von 20.280 Punkten wäre das in der Spitze nochmals ein Rückgang um fast ein Viertel.
Weitere Verluste an US-Börsen
Anders als der Dax erlebten die US-Aktienmärkte gestern einen trüben Tag: Der Dow Jones Industrial Index büßte seine Gewinne aus dem frühen Handel ein und verlor zum Handelsschluss 0,84 Prozent. Der S&P 500 schloss 1,57 Prozent tiefer. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 1,95 Prozent.
Zölle treten heute in Kraft
Der wichtigste Grund für die Kursverluste: Das Weiße Haus hat einen Aufschub der neuen Zölle ausgeschlossen. Sie werden demnach heute um 6.01 deutscher Zeit (kurz nach Mitternacht in Washington) in Kraft. Das gilt laut einer Trump-Sprecherin auch für die Sonderzölle gegenüber China, die dann insgesamt 104 Prozent betragen würden. Den Vorschlag der EU zu einer Aufhebung aller gegenseitigen Zölle auf Industriegüter hat Trump inzwischen abgelehnt. Der 20-Prozent-Zoll auf alle EU-Importe tritt damit heute ebenfalls wie geplant in Kraft.
Über Deutschland findet Trump normalerweise nicht allzu viele freundliche Worte. Gestern jedoch gab es unerwartetes Lob: Trump unterzeichnete ein Dekret, um die Kohle als Energieträger zu fördern. Dabei verwies Trump auf die Bundesrepublik. Deutschland habe lange grüne Politik betrieben. Jetzt sei das Land wieder bei der Kohle, behauptet der Präsident:
Tatsächlich ging allerdings laut Bundesnetzagentur das letzte neue Kohlekraftwerk in Deutschland 2020 ans Netz. Der Kohleausstieg bis spätestens 2038 ist nach wie vor politisches Ziel. Aber vielleicht kennt Trump Details aus den Berliner Koalitionsverhandlungen, die wir noch nicht kennen?
Ich wünsche Ihnen einen gut informierten Mittwoch.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens