1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Handelsblatt Morning Briefing von Hans-Jürgen Jakobs

Morning BriefingDer Überfall auf die Weltwirtschaft

Hans-Jürgen Jakobs 11.03.2022 - 06:19 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

diese Zahlen kennt inzwischen jeder. Sie sind Kennziffern einer Abhängigkeit, und es lacht auch niemand mehr über den polternden Donald Trump. Der warf Deutschland vor, sich zum „Gefangenen“ Russlands gemacht zu haben. 55 Prozent des Erdgases, 45 Prozent der Steinkohle und 35 Prozent des Rohöls kommen aus einem Staat zu uns, in dem ein Nero-Verschnitt zusammen mit Oligarchen und KGB-Kumpel aus alten Tagen ein Kartell der Erpressung und Unterwerfung bildet. Die Auswirkungen des Überfalls auf die Weltwirtschaft werden vermutlich die Schockwellen nach dem Ölpreis-Wucher der OPEC von 1973 noch übertreffen, analysiert unser großer Wochenendreport.

Fast acht Prozent Inflation in den USA, fast sechs Prozent in der Euro-Zone und eine gedrosselte Produktion in Deutschland sind Beleg genug. Wir lernen, dass der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck fast täglich mit den verschreckten Managern von Eon, RWE und Uniper telefonieren lässt. Und auf diese Weise einfach mal so, für 1,5 Milliarden Euro, Erdgas gekauft hat. Rechnung bitte an das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Scharnhorststraße 34-37, Berlin.

Niemand lebt so sehr von russischer Energie wie wir. Folglich sperrt sich auch niemand in Europa so sehr gegen ein Total-Embargo von Gas, Öl und Kohle wie die Bundesrepublik. Das zeigt sich aktuell beim EU-Gipfel in Versailles. Die Sanktionen dienten dazu, Russland davon zu überzeugen, den Krieg schnell zu beenden, erklärte Kanzler Olaf Scholz, zugleich aber müssten die Auswirkungen für Europa „möglichst gering“ bleiben.

Bei einem Besuch im Kosovo assistierte Außenministerin Annalena Baerbock mit dem Vortrag, ein Einfuhrverbot bedeute, dass Deutschland in einigen Wochen keinen Strom und keine Wärme mehr hätte – das sei die Art Destabilisierung, die Putin wolle. Litauen, Lettland und Polen sehen das Verhältnis zum direkten Nachbarn Russland ganz anders. Der lettische Premier Krisjanis Karins zeigte sich in Versailles überzeugt, „dass wir die Entscheidung treffen sollten, Energie-Importe aus Russland zu stoppen, um Putin zum Verhandlungstisch zu bringen und den Krieg zu beenden.“

Fazit: Vielleicht sollten wir in der Causa Putin wenigstens diesmal auf die Osteuropäer hören.

Der Großvater von Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff stammte aus Kiew und lebte davon, Ziegenmilch außerhalb der Metropole zu verkaufen. Bei dem derzeitigen Kriegsthema wird Rogoff entsprechend emotional und findet dramatische Worte zu einer historischen Zäsur. Im Einzelnen sagt er im Handelsblatt-Gespräch über...

  • das Risiko hoher Schulden: „In Deutschland sehe ich das nicht. Dank der klugen Politik der vergangenen Jahre gibt es ausreichend fiskalischen Spielraum. Ganz anders ist die Lage in Ländern wie Frankreich und Italien. Nicht nur die eigene Verteidigungsfähigkeit, die Europa jetzt entschlossen aufbauen will, sondern auch die Energiesicherheit hat einen hohen Preis.“
  • die Ökonomie Russlands: „Dass der Westen die Devisenreserven der Zentralbank einfriert, wird Putins Leute geschockt haben. Ich rechne mit einer Inflation von 20 Prozent und einer schweren Rezession in Russland. Das werden die Menschen registrieren – ganz gleich, welcher Gehirnwäsche sie unterworfen sind.“
  • China: „Niemand glaubt, dass irgendjemand Peking stoppen kann, wenn das Land wirklich mit der Invasion Taiwans beginnt. Und niemand glaubt, dass es möglich ist, China so wie Russland von der Weltwirtschaft abzuschneiden. Aber immerhin: China sieht jetzt, dass es trotz militärischer Übermacht alles andere als einfach ist, ein Land zu erobern. Und es sieht, wie geschlossen der Westen agiert.“

Je länger man Rogoff liest, desto größer wird die Furcht, bald über die Annexion weitere Länder reden zu müssen.

Das Bild des gestrigen Abends kam via Instagram aus Moskau. Es zeigt Soyeon Schröder-Kim mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen vor einem Fenster. Im Hintergrund, angestrahlt: die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. Man kann das als Zufallsfund und innere Beschwörung deuten, ihr Mann Gerhard Schröder möge doch Erfolg haben mit seiner Friedensmission bei Wladimir Putin, dessen Truppen Kiew einkesseln und Mariupol zur Ruinenstadt bomben. Der Staatspräsident ist bekanntlich Freund und Finanzier des Altkanzlers, der sich zur Rente ein Zubrot als Verwaltungsrat in den De-facto-Staatsunternehmen Nord Stream, Rosneft und bald auch Gazprom verdient.

Schröder fliegt in Moskau so überraschend ein wie Mathias Rust mit seiner Cessna 172 P im Jahr 1987 auf dem Roten Platz. Mit Vermittlungsdiensten hatte der Sozialdemokrat bisher oft jenen Erfolg, den er in seiner Partei nun braucht. Die überlegt derzeit, ob man noch „Genosse“ und „Du“ zu ihm sagen darf.

Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Zusammenkunft“ von Natasha Brown – Debütroman über eine junge, schwarze Frau, Vorfahren aus Jamaika, die im Finanzwesen der Londoner City aufsteigt. Sie fordert absolute Leistung von sich, will glänzen im harten Wettbewerb, gleichzeitig aber nicht groß auffallen. Eine solche Konstellation muss zum Scheitern führen, der Leser ahnt es und wird mit erhöhtem Tempo der Schlüsselszene zugeführt. Die namenlos bleibende Ich-Erzählerin besucht da mit ihrem Freund dessen Familie auf einem feudalen Landsitz. Am Ende wird sie wieder nicht dazugehören. Unhappy Ending garantiert, trotzdem lesenswert.

Die Autorin hat übrigens selbst nach dem Mathematik-Studium in Cambridge in der Finanzszene gearbeitet und weiß von daher nur zu gut, dass sich Aufstiegsversprechen selten erfüllen.

Hannah Arendt hatte recht: „In dem Moment, in dem wir keine freie Presse mehr haben, kann alles passieren.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zitierte den Satz gestern in Mainz bei der Verabschiedung von ZDF-Intendant Thomas Bellut.

Es sei ja alles passiert, so das Staatsoberhaupt: Russland führe einen brutalen, menschenverachtenden Angriffskrieg gegen die Ukraine, und die russische Bevölkerung solle nichts davon erfahren. Menschen in der Ukraine erlitten Tod und Vertreibung, Eltern verlören ihre Kinder und umgekehrt, russische Soldaten stürben in großer Zahl – aber die russische Bevölkerung dürfe davon nichts hören, sehen oder lesen. Steinmeier: „Wer das Licht der Information aussperren muss, der braucht offenbar Finsternis für das, was er tut.“
Einen solchen aktuellen Bezug stellte gestern auch der neugegründete Medienverband der freien Presse her. Er ersetzt den 1949 gegründeten Verband Deutscher Zeitschriftenverleger.

Foto: dpa

Und dann ist da noch der Berliner Müll-Entrepreneur Eric Schweitzer, einst Präsident der Wirtschaftsvertretung DIHK, der eine Art unternehmerische Kapitulationserklärung abgibt. Seine Alba Group erklärt, sich womöglich ganz oder teilweise von der 93-Prozent-Beteiligung an der börsennotierten Kölner Alba SE zu trennen, einem Spezialisten fürs Recycling von Stahl und Metallschrott. Der Verkaufskandidat macht Verluste und hilft nicht beim einstigen Masterplan, der konkurrierenden Eigentümerfamilie Rethmann von Remondis Paroli zu bieten.
Nominell ist Alba SE an der Börse zwar fast eine halbe Milliarde Euro wert, aber das wird Schweitzer vermutlich nicht einspielen. Nach der Realteilung des gesamten Konzerns mit seinem Bruder Axel, einem jahrelangen Umsatzschwund und einer Mesalliance mit chinesischen Investoren bleibt Alba Group irgendetwas zwischen Sorgen- und Entsorgungsfall.

Wir verabschieden uns mit ein bisschen Nutzwert und Kurt Tucholsky: „Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.“

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Hans-Jürgen Jakobs

Verwandte Themen
Russland
Wladimir Putin
Deutschland
China
Europa
Frank-Walter Steinmeier

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt