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Morning Briefing Die bösen Märchen von Wirecard

30.06.2020 - 06:00 Uhr 1 Kommentar

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Tage, da ähnelt dieser Weckdienst einer Ausgabe des Polizeireports. Bemerkenswerte Kriminalfälle an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft spielen sich aktuell auf allen drei Ebenen ab: global, europäisch, regional. Und nur wenig Hoffnung macht dabei ein Bonmot von Charles Dickens: „Ohne schlechte Menschen gäbe es keine guten Anwälte.“

Fangen wir also groß an, bei dem Noch-Dax-Konzern Wirecard, dem Rekordhalter in der Disziplin Insolvenzvolumen. Dort spielt der langjährige Vorstand und Organisationschef Jan Marsalek – per Haftbefehl gesucht – das Richard-Kimble-Versteckspiel mit den Ermittlern: Ich stelle mich, ich stelle mich nicht... Der 40-jährige Österreicher verschwand im Inselreich der Philippinen, derweil der Wirecard-Bilanzprüfer EY seine Pflichten nachholt und entdeckt, welches Lügengebilde unter Marsaleks Ägide in Asien aufgezogen wurde. Nun erweist sich, dass ein Treuhänder in Singapur (es geht um eine Milliarde Euro) gar kein Treuhänder war. EY zieht womöglich das Testat für die Bilanz im Jahre 2018 zurück: Es bestehe der „begründete Verdacht“, zitieren WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“, „dass die uns erteilten Auskünfte zu den Kontoständen zum 31. Dezember 2018 falsch waren“.

Quelle: AFP
François Fillon, erhält fünf Jahre Haft, drei auf Bewährung.
(Foto: AFP)

Man reibt sich verwundert die Augen, als könne dies gegen den Wahn der Welt helfen. Und registriert auf einmal, dass im Frankreich der sonst so zusammengeschweißten, quasi immunen Eliten tatsächlich ein ehemaliger Regierungschef künftig „schwedische Gardinen“ als Deko-Element der Inneneinrichtung akzeptieren muss. Fünf Jahre Haft, davon drei auf Bewährung, setzte es für den 66-jährigen François Fillon, wegen Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope, die als parlamentarische Mitarbeiterin ohne Gegenleistung gewirkt hatte. Beide müssen jeweils eine Geldstrafe von 375.000 Euro entrichten. „Nachher ist sogar ein Narr klug“, schrieb Homer, Schöpfer der antiken Penelope.

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    Zu „Aktenzeichen XY gelöst“ zählt schließlich einer der populären Regionalkrimis, der in diesem Fall meine Heimatstadt Wiesbaden mit meiner Wohnstadt München verbindet. Sven Gerich, einst Wiesbadener OB und Hoffnungsmann der SPD, akzeptierte einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft München I in „deutlich fünftstelliger Höhe“ – und ist somit vorbestraft, weil er sich einladen und verwöhnen ließ. Gönner war der 81-jährige Münchener Gastronom Roland Kuffler, der Gerich und dessen Ehemann Kost und Logis in seiner Villa in St. Tropez und in seinem Luxushotel an der Isar gewährte. Das summierte sich von 2014 bis 2017 auf geldwerte Vorteile von mehr als 20.000 Euro. Dafür durfte die Kuffler-Gruppe die Gastronomie der Wiesbadener Spielbank und des Kongresszentrums übernehmen. Das Verfahren gegen Kuffler Senior wurde allerdings eingestellt, der Patron sei zu alt und zu krank, hieß es, als sei‘s ein Stück aus dem königlich-bayerischen Amtsgericht.

    Zu Beginn der Feriensaison halten es viele mit Martin Luther: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“. Aus Apulien wird so Mecklenburg-Vorpommern, aus den Pyrenäen der Bayerische Wald, aus Kreta Pellworm. 60 Prozent der Deutschen planen einen Heimaturlaub, heißt es in unserer Titelstory, vor Corona dachten nur rund 25 Prozent daran. Die Deutschland-Urlauber buchen dabei direkt, ohne Reisebüro. Insgesamt liegen die Buchungsanfragen bei Internetportalen wie Check24 oder Holidaycheck derzeit um 73 Prozent unter dem Vorjahr. Und noch eine Zahl: Die Pandemie hat den Reiseanbietern insgesamt Umsatzeinbußen von knapp elf Milliarden Euro eingebrockt. Viele touristische Eventkonzepte, die vor Kurzem noch sehr begehrt waren, haben ihre Attraktion verloren, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx – und spricht von „Corona-Verekelungen“.

    Nicht ganz billig ist die Hilfe, die der US-Biotech-Konzern Gilead Sciences in der Corona-Pandemie gewährt. Danach kostet eine Fünf-Tage-Behandlung mit dem Wirkstoff Remdesivir in den USA 2340 Dollar pro Patient. Private Krankenversicherungen zahlen ein Drittel mehr, für arme Länder gebe es generische Versionen zu einem niedrigeren Preis, wirbt CEO Daniel O‘Day. Eine Studie zeigt, dass Remdesivir die Zeit bis zur Genesung von 15 auf 11 Tage reduzieren kann. Eine Konsumentengruppe war weniger begeistert und nannte den hohen Preis einen „Skandal“, der Steuerzahler habe ja in die Entwicklung des Medikaments investiert.

    Der Markt, nicht irgendein Regulator, schadet Facebook am meisten. Da Mark Zuckerbergs Gewinnmaschine in ethischen Fragen vor allem auf publizierte Nacktbilder reagiert, ansonsten aber nach dem „Vom-Winde-verweht“-Prinzip agiert, haben sich jetzt mehr als 100 Unternehmen verständigt. Sie wollen künftig weder bei Facebook noch bei anderen sozialen Netzwerken Werbung schalten. Ein empfindlicher Schlag, da Zuckerberg ganz auf Werbe-Erlöse setzt. Zur Phalanx der Verweigerer, die sich an Rassismus und Hetze stören, gehören Unilever, Coca Cola, Pepsi, Starbucks und Levi‘s. Vielleicht sollten sie dem Algorithmus, der ihre Werbung online platziert, eine Extradosis Moral dazu programmieren.

    Quelle: dpa
    Wegen der Leiharbeiter- und Covid-Affäre erhöht sich auch beim FC Schlake 04 der Druck auf Clemens Tönnies.

    Und dann ist da noch der FC Schalke 04, Traditionsklub aus dem Revier, der eifrig gegen die drohende Insolvenz kämpft, etwa mit seiner Spielergehaltsobergrenze von 2,5 Millionen Euro jährlich. Ein Pressetermin wurde von Montag (gestern) auf Mittwoch (morgen) verlegt, offenbar, weil es Wichtiges zu verkünden gilt. Heute tagt dazu der Aufsichtsrat, wo es eine gewisse Rudelbildung gegen den Vorsitzenden des Kontrollorgans, Clemens Tönnies, gibt. Nach der gelben Karte wegen angeblichen Rassismus' soll er die rote Karte wegen der Leiharbeiter- und Covid-Affäre zuhause in Rheda-Wiedenbrück bekommen. Er passe nicht zum Leitbild des Fußballklubs. Ein Abschied von Tönnies würde es vermutlich erleichtern, eine Landesbürgschaft von Nordrhein-Westfalen über 30 bis 40 Millionen Euro zu erhalten. Der wirtschaftlich marode Verein braucht die öffentliche Hilfe, um neue Kredite abzusichern. „Glückauf!“, sagt man im Revier zu Abstiegsfahrten, aber auch: „Tief in der Erde Schoß, erwartet uns ein ernstes Los.“

    Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Tag. Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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    1 Kommentar zu "Morning Briefing : Die bösen Märchen von Wirecard"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Der 40-jährige Österreicher verschwand im Inselreich der Philippinen.............
      +++
      das ist bis dato nicht bewiesen. bewiesen ist bis dato das er anfang juni in manila eingereisst ist und ein paar tage spaeter ausgereist ist. das er ende juni in cebu eingereist/ausgereist ist, ist einfach unmoeglich. es gab keinen flug von cebu nach china. einfach mal gewissenhafter ................ usw.

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