Morning Briefing: Die Brüsseler Bazooka – Antwort auf Trumps Grönland-Drohungen?
Grönland-Krise: Holt Brüssel die Bazooka raus? / EZB-Spitze: Ein Kroate wahrt Berlins Chancen
Liebe Leserinnen und Leser,
bei der Suche der EU nach einer passenden Antwort auf Donald Trumps Grönland-Drohungen rückt ein Instrument in den Fokus, das in Brüssel gern als „Bazooka“ bezeichnet wird.
Historisch Bewanderte werden hier vielleicht aufhorchen, und nein: Ich meine damit nicht jene, die in ihrer Freizeit bei Weinbrand und Wagner-Klängen auf Wikipedia alles über Panzerabwehrwaffen des Zweiten Weltkriegs lesen.
Ich meine eher jene unter uns, die sich noch daran erinnern, wie der damalige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) 2012 erklärte, die EZB werde alles tun, was nötig sei („whatever it takes“), um den Euro zu retten. Bald hieß dieser Ansatz salopp „Bazooka“. Diesen Beinamen trägt seitdem so ziemlich alles in der Politik, von dem sich die Macher eine besondere Wirksamkeit versprechen.
Die handelspolitische Bazooka, die gegen Trump in Stellung gebracht werden könnte, ist das 2023 eingeführte und bislang noch nie genutzte Anti-Coercion-Instrument (ACI). Für Feinschmecker geht es hier zum englischsprachigen Originaltext der EU-Verordnung. Die EU kann sie als Gegenmittel gegen wirtschaftliche Nötigung durch andere Staaten einsetzen.
Der EU stünden durch das ACI zahlreiche Maßnahmen offen: Zölle, Ein- und Ausfuhrbeschränkungen für Waren und Dienstleistungen, Strafgebühren für US-Unternehmen oder Beschränkungen für den Zugang zum EU-Markt. Hauptvorteil gegenüber bloßen Vergeltungszöllen: Die EU könnte „asymmetrisch“ dort vergelten, wo es die US-Wirtschaft besonders trifft. Etwa mit Strafgebühren gegen Digitalkonzerne oder Dienstleister wie McDonald's und Starbucks.
Bei klassischen Zöllen sind die Europäer hingegen deutlich verwundbarer als die USA, weil die EU-Wirtschaft zu einem größeren Anteil von Exporten in die USA abhängt als umgekehrt.
Auf einem Sondergipfel am Donnerstag wollen die EU-Regierungschefs die Kommission beauftragen, eine ganze Palette an Gegenmaßnahmen vorzubereiten. Zunächst soll es nach Handelsblatt-Informationen darum gehen, ab dem 6. Februar Gegenzölle auf US-Waren in Höhe von 93 Milliarden Euro zu erheben. Die EU hatte die Liste bereits im vergangenen Jahr vorbereitet, dann aber für sechs Monate ausgesetzt. Ein hochrangiger EU-Diplomat sagte dem Handelsblatt:
Im nächsten Schritt könnte dann die „Bazooka“ kommen, auch darüber soll am Donnerstag beraten werden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte bereits am Sonntag den Einsatz des Instruments gefordert. Deutschland spricht sich ebenfalls dafür aus, dass die Kommission entsprechende Schritte zumindest vorbereitet.
Studie: USA zahlen Zollkosten selbst
Anders als von Trump immer wieder behauptet, tragen nicht andere Staaten den Großteil des Schadens durch die US-Strafzölle, sondern die Amerikaner selbst. „Die Zölle sind ein Eigentor“, sagt Julian Hinz, Forschungsdirektor am Kiel-Institut und Mitautor einer neuen Studie.
Deren Kernergebnis: Zwar stiegen die US-Zolleinnahmen 2025 um etwa 200 Milliarden US-Dollar, doch ausländische Exporteure trugen nur etwa vier Prozent der Zolllast, indem ihre Gewinne schrumpften. 96 Prozent hingegen wurden an US-Käufer weitergegeben, die höhere Preise für die Produkte zahlen oder auf teurere Produkte umsteigen mussten.
Kroate neuer EZB-Vize
Boris Vujcic wird Vizepräsident der Europäischen Zentralbank. Die Euro-Finanzminister einigten sich am Abend auf den Notenbankchef Kroatiens als Nachfolger des Spaniers Luis de Guindos, dessen Amtszeit im Mai endet. Die Zustimmung der Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel im März dürfte Formsache sein.
Eine Entscheidung, die überraschend kommt. Zum einen galt der Finne Olli Rehn als Favorit unter den sechs Bewerbern. Zum anderen zieht erstmals ein Vertreter eines osteuropäischen Landes in den Vorstand der Notenbank mit Sitz in Frankfurt ein. Kroatien hat selbst erst 2023 den Euro eingeführt.
Notenbankkreisen zufolge wahrt Deutschland mit der Entscheidung für Vujcic seine Chancen, 2027 erstmals die EZB-Spitze zu besetzen. Sie wären verschwindend gering gewesen, hätte Rehn sich durchgesetzt, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Denn zwei Vertreter aus dem stabilitätsorientierten Norden Europas gelten in der Eurozone als kaum vermittelbar.
Welche Fonds 2025 am besten liefen
Fonds für Edelmetallaktien, die in der Regel in Gold- oder Silberproduzenten investieren, kamen 2025 auf eine durchschnittliche Rendite von 132 Prozent. Keine andere bei Anlegerinnen und Anlegern beliebte Fondsstrategie schaffte in Deutschland in diesem Zeitraum einen höheren Wertzuwachs. Das ist das Ergebnis einer Auswertung des Analysehauses Scope Fund Analysis für das Handelsblatt. Zum Vergleich: Der Goldpreis stieg im vergangenen Jahr – in Euro gerechnet – um 45 Prozent. Silber verteuerte sich um etwa 119 Prozent.
Aber auch Anlegerinnen und Anleger, die eine deutlich weniger spekulative Geldanlage bevorzugen, wurden belohnt: Fonds, die auf Aktien aus der Eurozone oder speziell aus Deutschland setzten, waren nicht nur 2025 lukrativ, sondern auch auf Fünf-Jahres-Sicht, wie unsere Grafik zeigt.
Übrigens: Am schlechtesten unter allen untersuchten Fondskategorien performten 2025 Aktien aus dem arabischen Raum mit minus 7,3 Prozent.
Modeschöpfer Valentino gestorben
Der italienische Modeschöpfer Valentino ist tot. Er sei in seiner römischen Residenz „umgeben von seinen Angehörigen“ gestorben, heißt es in einer Mitteilung seiner Stiftung. Über Jahrzehnte gehörte Valentino Garavani, der meist nur unter seinem Vornamen bekannt war, zu den berühmtesten Modeschöpfern der Welt. Mit seinem eleganten und elitären Stil begeisterte er vor allem zahlreiche Hollywood-Stars.
Was Ihnen alles erspart geblieben ist
Sie finden, das war mal wieder ein bisschen viel Trump in diesem Morning Briefing? Ach, dabei habe ich Ihnen doch so viel erspart! Kein Wort über Trumps Schreiben an den norwegischen Premierminister, in dem Trump die geplanten Strafzölle gegen Norwegen so begründet:
„Unter der Berücksichtigung, dass Ihr Land entschieden hat, mir nicht den Friedensnobelpreis dafür zu geben, dass ich mindestens acht Kriege beendet habe, fühle ich mich nicht mehr dazu verpflichtet, einzig an Frieden zu denken, auch wenn das immer im Vordergrund stehen wird...“
Ebenfalls nichts habe ich geschrieben über die Gegen-Uno namens „Friedensrat“, zu der Trump am Wochenende insgesamt rund 60 Staats- und Regierungschefs eingeladen hat. Vorsitzender des Rates: Trump, und zwar offenbar als Privatperson, nicht in seiner Rolle als US-Präsident. Aufnahmegebühr: eine Milliarde Dollar. Verwendungszweck: komplett unklar. Versucht da womöglich jemand, das Geld für den Grönland-Kauf auf eigene Faust zusammenzukratzen?
Ich wünsche Ihnen einen transparenten Dienstag.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens