Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Die kapitale Revolte der Kleinen

05.02.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

in der US-Literatur ist „Portnoy“ ein großer Name. Meister-Erzähler Philip Roth nannte 1969 den Titelhelden seines Romans „Portnoys Beschwerden“ so, die Geschichte eines Mannes zwischen Scham und Trieb. Im aktuellen Krieg der Zocker an der Wall Street ist „Portnoy“, wie sich Keith Gill nennt, mit 2,3 Millionen Followern auf Twitter der Anführer einer Amateur-Armee von Daytradern.

Die könnten nun, dank Plattformen wie Reddit und Nulltarifbrokern wie Robinhood, endlich das tun, „was Banken schon seit Jahren machen“, sagt er. In Portnoys Welt zwischen Gerechtigkeitsmoral und Erwerbstrieb zocken Leute wie der arbeitslose Koch Pablo Batista aus der Bronx. Er machte mit Wetten gegen die auf Kursverfall setzenden „Leerverkäufer“ der Hedgefonds innerhalb von elf Monaten aus 4000 rund 67.000 Dollar. Zum Beispiel mit der Aktie Gamestop – die jetzt im freien Fall ist.

Was sich hier abspielt, ist die Absage an die vielbeschworene Rationalität der Märkte, ist hochriskante Spekulation durch Manipulation. Ist aber auch Aufstand der durch den Lockdown Gestrandeten gegen die im Lockdown Gewinnenden. Ein Klassenkampf mit Depot, oder: „Occupy Wall Street 2021“. In unserem großen Wochenendreport schreibt Astrid Dörner vom „Mix aus Langeweile, Spieltrieb, Frust und bitterer Not“.

Die Folgen sind gravierend: Es gab Handelsbeschränkungen, Leerverkäufer ziehen sich zurück, Hedgefonds unterwandern Reddit-Trader. Und US-Finanzministerin Janet Yellen rief ein Krisentreffen der Finanzregulierer ein. Schon zieht Ökonomie-Professor Paul Krugman einen gewagten Vergleich zwischen den Portnoy-Daytradern und den QAnon-Verschwörern, die beim Sturm auf das Kapitol dabei waren. Beide Male sei es gegen die etablierten Institutionen gegangen: „Eigentlich glaubt man ja, dass der Kleinanleger die Beute ist und die Hedgefonds sind die Raubtiere. In diesem Fall war es andersherum.“

Quelle: Dominik Butzmann für Handelsblatt
Christian Bertermann, der CEO von Auto1 hat das Unternehmen 2012 mitgegründet und als alleiniger Geschäftsführer an die Börse geführt.
(Foto: Dominik Butzmann für Handelsblatt)

Auto1 ist so etwas wie der Shootingstar der deutschen Börse. Die Rohdaten des gestrigen IPOs lösen breite Euphorie aus: Kursanstieg 45 Prozent, eine Milliarde Euro erlöst. Es sei „noch besser gelaufen, als wir erwartet haben“, erklärt CEO Christian Bertermann im Handelsblatt-Gespräch. Im Einzelnen sagt der Chef des Online-Gebrauchtwarenhändlers über…

  • den neuen Reichtum: „750 Millionen Euro dienen uns als finanzielles Polster oder gehen direkt ins operative Geschäft. Insbesondere verwenden wir das Geld für den weiteren Ausbau unserer Endkunden-Marke Autohero und den Aufbau unserer Flotte gläserner Trucks.“
  • die nächste Aufgabe: „Wir müssen die Leute davon überzeugen, dass sie ein Auto online kaufen können und dass man unserer Marke vertrauen kann.“
  • virtuelle Mitarbeiteraktien: „Diese Programme waren für uns ein guter Weg. Das größte Problem aus Sicht der deutschen Start-up-Szene ist, dass unsere Mitarbeiter ihre Gewinne aus diesen Programmen ganz normal als Einkommen versteuern müssen. In anderen Ländern fallen dafür aber nur Kapitalertragssteuern an.“

Unterm Strich: Dieser „Autohero“ ist eine sympathische Begleiterscheinung des Super-Börsenbooms, für den die Notenbanken mit ihrer Geldschwemme sorgen.

Quelle: AP
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Versäumnisse bei der Impfstoff-Beschaffung zugegeben.
(Foto: AP)

Zweieinhalb Monate dauerte es, bevor die EU nach den USA oder Großbritannien die ersten Impfstoffe bestellte. Gefühlte zweieinhalb Monate nach Beginn der Debatte über so viel Langsamkeit hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Versäumnisse zugegeben. Die Komplikationen bei der Produktion der Seren seien unterschätzt worden, sagt sie der „Süddeutschen Zeitung“: „Natürlich, ein Land kann ein Schnellboot sein. Und die EU ist mehr ein Tanker.“

Alle 27 Regierungen seien aber eng in die Verhandlungen mit der Pharmaindustrie eingebunden gewesen. Das Tempo des „Tankers“ EU hat zu heftigem Streit in der Großen Koalition geführt. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kritisierte von der Leyen persönlich, Berlin könne diesen „Sch…“ sich nicht wiederholen lassen. Was Kanzlerin Angela Merkel, in gesetzten Worten, zur Verteidigung ihrer Parteifreundin brachte. Je größer die Fehler, desto seltener die Loyalität.

Vor 25 Jahren waren die deutschen Staatsschulden noch ein Riesenproblem. 15 Prozent der Steuereinnahmen gingen für Zinszahlungen drauf, eine Bürde für die Politik. Heute aber sind die Zinsen niedrig und die Steuererlöse hoch, die entsprechende Quote liegt bei drei Prozent – und erlaubt, den staatlichen Kapitalstock durch Investitionen zu modernisieren, schreibt Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup.

Er plädiert dafür, die Schuldenbremse künftig an dieser Zins-Steuer-Quote zu orientieren. „Ein stets ausgeglichener Staatshaushalt ist kein Wert an sich“, erläutert er, die geltenden „starren Regeln“ belasteten die künftige Generation, da das Wachstumspotenzial der Volkswirtschaft nicht ausgeschöpft werde: „Die Zeit für eine Reform ist gekommen.“ Der Professor liefert die Theorie zum Vorstoß des Merkel-Ministers Helge Braun, die alte Schuldenbremse ein paar Jahre auszusetzen.

Mein Kulturtipp fürs Wochenende: eine Serie für die Couch auf Arte. „In Therapie“ ist die französische Version des israelischen Originals „BeTipul“ über Lust und Leiden in der Praxis eines Psychotherapeuten. Der heißt bei Arte Dr. Philippe Dayan, wird vom famosen Frédéric Pierrot gespielt und reflektiert die polit-soziale Stimmung in Paris im Jahr 2015 nach dem Anschlag im Musikclub Bataclan. Donnerstags bringt der Sender jeweils fünf der 35 Folgen im linearen Fernsehen, in der Mediathek ist schon jetzt das gesamte Oeuvre zu sehen. Die Sprache ist hier der Star, wofür die Macher des Kinohits „Ziemlich beste Freunde“ bravourös sorgen.

Und noch ein Tipp: Drei Tage lang diskutierten „Handelsblatt“, „Die Zeit“, „Tagesspiegel“ und „Wirtschaftswoche“ mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über europäische Perspektiven. So warb der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis für ein EU-weites elektronisches Impfzertifikat, was von Spaniens Wirtschaftsministerin Nadia Calviño unterstützt wurde. Auf der Konferenz traten zum Beispiel auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, die Minister Peter Altmaier und Heiko Maas oder Weltumsegler Boris Herrmann auf.

Quelle: dpa
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hält ein Gutachten zu Hunderten sexuellen Missbrauchsfällen unter Verschluss.

Und dann ist da noch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, in dessen Bistum Priestern in hunderten Fällen sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Weil er das Gutachten einer Münchener Kanzlei unter Verschluss hält, wird er nun von Georg Bätzing kritisiert, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz: „Die Krise, die entstanden ist, weil das Gutachten jetzt nicht öffentlich ist, die ist nach meiner Ansicht nicht gut gemanagt worden.“

Es müsse alles aufgedeckt werden, so Bätzing: „Dabei kann auch ein Rücktritt kein Tabu sein.“ Diese offene Einladung zum endgültigen „Amen“ will Woelki mit Verweis auf ein neues, kommendes Gutachten nicht annehmen. Nach Bätzings Rüffel könnte er an Ralph Waldo Emerson denken: „Was wir am nötigsten brauchen, ist ein Mensch, der uns zwingt, das zu tun, was wir können.“

Ich wünsche Ihnen ein entspannendes Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Morning Briefing: Alexa
Startseite
0 Kommentare zu "Morning Briefing : Die kapitale Revolte der Kleinen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%