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Morning BriefingDie USA und die Angst vor dem Bevölkerungsschwund

Christian Rickens 16.10.2024 - 06:18 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Babyboomer: Die USA und die Angst vor dem Bevölkerungsschwund

16.10.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wer gelegentlich auf X unterwegs ist und Elon Musk nicht aktiv geblockt hat, wird diesem Trend kaum entkommen: Sofern der Besitzer des sozialen Netzwerks nicht gerade die eigenen Raketen, Robo-Taxis oder Donald Trump lobt, schreibt er bevorzugt über den „drohenden Kollaps der Weltbevölkerung“.

Angesichts der Tatsache, dass die Weltbevölkerung noch immer kräftig wächst, nur halt nicht mehr in den Industriestaaten, mag diese Obsession seltsam erscheinen. Doch nicht nur Musk hat die sinkenden Geburtenraten als Bedrohung ausgemacht.

Auch im US-Präsidentschaftswahlkampf spielt das Thema eine Rolle, häufig im Zusammenhang mit Abtreibungen und dem Streit um Migranten. Der Vizekandidat des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, J. D. Vance, echauffierte sich über „kinderlose Katzenbesitzerinnen“, und Trump forderte staatliche Zuschüsse für künstliche Befruchtung sowie „Babyprämien“.

Dabei wächst die US-Bevölkerung sogar noch, und die US-Bürger sind weniger überaltert als die Menschen in Europa oder Japan. Der Hauptgrund dafür sind die vergleichsweise hohen Einwanderungszahlen, wie unsere Grafik zeigt.

Vor allem im Silicon Valley geht es beim sogenannten „Selektiven Pronatalismus" nicht nur um die Zahl der Babys, sondern auch um ihre Güteklasse: Gesünder, intelligenter und schöner sollen sie sein, als Mutter Natur es im Alltagsbetrieb hinbekommt. Firmen wie Orchid aus San Francisco versprechen Eltern, aus mehr als 1200 genetischen Merkmalen den „perfekten“ Embryo auszuwählen.

Wie eine exklusive Auswertung des Analysehauses Pitchbook für das Handelsblatt belegt, stiegen die globalen Wagniskapitalinvestitionen im Fruchtbarkeitssektor 2023 auf ein Rekordhoch von 909 Millionen Dollar.

Verschieden Industrieverbände befürchten Benachteiligung für den Standort Deutschland. Foto: dpa

Gleich fünf deutsche Industrieverbände laufen Sturm gegen eine geplante europäische Batterieverordnung. Die soll regeln, wann eine E-Autobatterie als grün gilt – und wie sich der Strommix berechnet, der für ihre Herstellung eingesetzt werden darf. Der Bundesverband der Deutschen Industrie sowie die Branchenverbände für Auto, Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik haben deswegen in den vergangenen Wochen bei Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) interveniert. In einem gemeinsamen Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt, warnen die Verbände vor einer „weiteren Benachteiligung für in Deutschland produzierende Industriebetriebe“.

Hintergrund: Die EU will zur Berechnung den nationalen Strommix des jeweiligen Landes heranziehen. Dieser ist im Atomstaat Frankreich deutlich klimafreundlicher als im Kohle-Country Deutschland. Die von der deutschen Industrie häufig verwendeten Verträge, mit denen sie gezielt grünen Strom einkauft, sollen künftig nur noch anerkannt werden, wenn ein Wind- oder Solarpark direkt an die Produktion angeschlossen ist.

In der Ampelkoalition ist ein heftiger Streit ausgebrochen. Falls Sie sich nun fragen, was daran die Nachricht sein soll, haben Sie einerseits recht. Andererseits: FDP und SPD haben unisono für den Herbst das Ende der faulen Kompromisse in der Ampel ausgerufen. Daher lohnt es sich genauer nachzuschauen, ob da gerade die letzten Nieten aus den Sollbruchstellen der Koalition ploppen.

In der Ampelkoaltion ist erneut Streit ausgebrochen. Foto: Carsten Koall/dpa

Worum geht es konkret?

  • Am Montagabend hatte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) überraschend grünes Licht für die von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geplante Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung gegeben. Zuvor hatte sich gegen das Vorhaben in der FDP einiger Widerstand geregt.
  • Gestern dann erklärten die Grünen ihren Einspruch gegen ein Vorhaben von Lindner: Der will im sogenannten Steuerfortentwicklungsgesetz für die kommenden beiden Jahre Entlastungen bei der Einkommensteuer festschreiben, um die kalte Progression wettzumachen. Der Begriff beschreibt den Effekt, wenn eine Gehaltserhöhung lediglich die Inflation ausgleicht, ein Steuerzahler aber wegen seines höheren Gehalts trotzdem mehr Steuern zahlen muss. Hierzu hat die Grünen-Fraktion nun weiteren Beratungsbedarf angemeldet.
  • Wegen des Grünen-Einspruchs zog Lindners Finanzministerium auch seine Zustimmung zum Heil-Vorhaben erstmal wieder zurück. „Eine Anpassung der Beitragsbemessungsgrenzen ist für das Bundesfinanzministerium an die vollständige Beseitigung der kalten Progression gebunden“, heißt es aus dem Ministerium.

Fazit: Klingt nach etwas, das eine Regierungskoalition innerhalb eines Nachmittags lösen könnte, wenn sie vertrauensvoll zusammenarbeitet. Genau da scheint das Problem zu liegen.

Die SPD braucht womöglich gar keinen Koalitionsstreit mehr, um die eigene Regentschaft infrage zu stellen. In der Fraktionssitzung am Dienstag äußerten mehrere Sozialdemokraten Bedenken gegen das sogenannte Sicherheitspaket, wie das Handelsblatt aus Fraktionskreisen erfuhr. Daraufhin habe sich Kanzler Olaf Scholz in die Debatte eingeschaltet und mit Konsequenzen gedroht, sollten die geplanten Maßnahmen zum besseren Schutz vor Gewaltkriminalität bei der Parlamentsabstimmung keine eigene Ampel-Mehrheit bekommen.

Der „Spiegel“ und die „Rheinische Post“ berichten, Scholz habe dabei indirekt die Vertrauensfrage ins Spiel gebracht. „Sonst muss ich von meinen Möglichkeiten Gebrauch machen“, soll der Kanzler gesagt haben. „Er hat nicht mit der Vertrauensfrage gedroht“, sagte hingegen der designierte SPD-Generalsekretär Matthias Miersch am Abend in der ARD.

Ein echter Widerspruch muss das nicht sein – „Drohung“ ist schließlich ein sehr dehnbarer Begriff. Und der Kanzler ist legendär gut darin, seine Worte so zu wählen, dass er das, was hinterher alle verstanden haben, eigentlich gar nicht gesagt hat.

Lloyd Austin hat Israel dazu aufgefordert, die humanitäre Lage im Gazastreifen zu verbessern. Foto: REUTERS

Die US-Regierung hat Israel in einem Brief von US-Außenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin aufgefordert, die humanitäre Lage im Gazastreifen innerhalb von 30 Tagen spürbar zu verbessern. Andernfalls drohe ein Verstoß gegen US-Gesetze zur militärischen Unterstützung – was möglicherweise auch die amerikanische Militärhilfe für Israel gefährden könnte. Es gehe nicht „um irgendwelche Drohungen“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Matthew Miller, sondern um „Ergebnisse“ für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen.

Ex-Bayern-Coach Thomas Tuchel, 51, wird neuer Trainer der englischen Fußballnationalmannschaft. Das berichteten „Bild“ und englische Medien am Abend übereinstimmend. Laut „The Times“ soll Tuchel noch in dieser Woche offiziell vorgestellt werden.

Und noch jemand ist neu im Job: Eines der beiden wenige Wochen alten Panda-Babys im Berliner Zoo soll ab heute für eine Stunde pro Tag für die Besucherinnen und Besucher zu sehen sein. „Das sind die süßesten Hopser, die man sich vorstellen kann“, sagte Zoodirektor Andreas Knieriem. Laut ihm sollen die Bären demnächst neben ihren offiziellen chinesischen Namen „nette, knackige Namen mit Berliner Bezug“ erhalten.

Es soll Menschen geben, für die sich die Begriffe „süß“ und „nett“ einerseits sowie „knackig“ und „berlinerisch“ andererseits ausschließen. Aber zumindest dürfte es sich bei „Atzi“ und „Fratzi“, wie wir die kleinen Racker mal übergangsweise und hoffentlich hinreichend berlinerisch nennen wollen, nicht um angemalte Chow-Chow-Hunde handeln. Die soll vor einigen Monaten ein chinesischer Zoo seinem Publikum als angebliche Pandabären präsentiert haben.

Ich wünsche Ihnen einen Tag ohne Schwarz-Weiß-Denken.

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Herzliche Grüße,
Ihr

Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

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