Morning Briefing: Opec: Ein Kartell entfesselt die Preise
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die Charmetour des US-Präsidenten Joe Biden ins Ölförderparadies Saudi-Arabien vor einigen Wochen hat nicht gefruchtet. Der Golfstaat beschloss nun mit dem unheilvollen Kartell der Petro-Exporteure namens „Opec plus“, die Förderung des begehrten Rohstoffs um bis zu zwei Millionen Barrel täglich zu drosseln.
Das entspricht zwei Prozent der globalen Ölnachfrage. In einer Lage stark steigender Energiepreise – bedingt durch Krieg und Sanktionen – wirkt der unfreundliche Akt wie ein Brandbeschleuniger.
Biden sieht bereits eine Art Verbrüderung der Kartellbrüder mit Russland. Kurz zuvor hatten die größten Industriestaaten („G7“) eine Preisgrenze für importiertes russisches Öl beschlossen.
Wie auch immer: Die völlige Politisierung der Märkte führt zum Ölpreis von mehr als 90 Dollar. Was nun? Wladimir Putin könnte einerseits seine Ölproduktion einschränken, die USA aber anderseits Lagerbestände ihrer strategischen Ölreserve freigeben.
Übrigens: „Krieg um Öl oder Frieden durch Sonne?“ hat Franz Alt einmal als wichtigste politische Frage des 21. Jahrhunderts bezeichnet.
Aus Sicht von Wladimir Putin muss aufgrund einiger Rückschläge eine militärische Wende im Ukrainekrieg unbedingt her. Hierfür mobilisiert der russische Machthaber nun Ramsan Kadyrow, den autoritären Machthaber der Teilrepublik Tschetschenien.
Er steigt zum Generaloberst auf. Das Dekret über seine Ernennung sei bereits veröffentlicht, er sei Putin „unglaublich dankbar“ für „die große Wertschätzung“, verbreitet Kadyrow auf Telegram.
Dabei hatte der „Bluthund“ vor kurzem noch die russische Militärführung kritisiert, deren Truppen derzeit im Südosten der Ukraine zurückgedrängt werden. Kadyrow wird künftig darauf zu achten haben, dass das okkupierte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja im russischen Besitz bleibt.
Am heutigen Donnerstag ist mal wieder Ausnahmetag bei der Lufthansa. Ein Streik bei der Billigtochter Eurowings Deutschland bringt alle Flugpläne durcheinander – sehr unwahrscheinlich, dass tatsächlich wie geplant jeder zweite Flug durchgeführt wird. So sind in Hamburg 72 der knapp 100 Abflüge und Ankünfte gestrichen.
Unsere Titelstory analysiert die Folgen des bereits dritten großen Ausstands im Kranich-Konzern. Piloten und Bodenpersonal der Kernmarke Lufthansa haben das auch schon hinter sich.
Die Arbeitnehmer stören sich an der Strategie des seit langer Zeit steuernden CEOs Carsten Spohr, nach dem Schema von Eurowings immer neue Töchter mit günstigeren Tarifverträgen zu gründen.
Zumal die Rechnung nicht immer aufgeht: Der 2021 gegründete Touristik-Ableger Eurowings Discover – Vorbild „Edelweiss“ der Lufthansa-Tochter Swiss – macht trotz Reiseboom Verluste. Frei nach Federico Fellini heißt die Devise: „Bescheidenheit ist eine große Tugend – besonders bei anderen Menschen.“
Lars Windhorst war der Start-up-Wunderknabe der Helmut-Kohl-Ära, 30 Jahre später ist er die gescheiterte „Supernova“ des deutschen Fußball-Kapitalismus.
Wenn man „Financial Times“ und „Spiegel“ liest, dann hat der schillernde Investor beim Berliner Bundesligisten Hertha BSC den früheren Präsidenten Werner Gegenbauer offenbar über eine Schmutzkampagne loswerden wollen, die die israelische Agentur Shibumi inszenieren sollte. Weil der Auftragnehmer offenbar kein Geld bekam, klagte er.
Nun bieten Windhorst, 45, und seine Tennor-Gruppe rund 64,7 Prozent der Anteile des Fußballklubs zum Rückkauf an – enttäuscht über angekündigte Shibumi-Untersuchungen durch Hertha. An den Vorwürfen sei nichts dran. Der amtierende Vereinspräsident Kay Bernstein aber habe „den Break mit Tennor“ als Ziel formuliert.
Eine weitere Zusammenarbeit zum Wohle von Hertha BSC sei ausgeschlossen, so Tennor, wirtschaftliche und sportliche Ziele seien nicht zu erreichen – „damit ist die wesentliche Grundlage unseres Engagements für Hertha BSC zerstört“.
Ökonomisch ist der Ausflug in die Welt des Sports ein Desaster. Immerhin 374 Millionen Euro hatte Windhorst in seinen Traum vom „Big City Club“ investiert. Der endet in Überlegungen des Präsidiums, den umtriebigen, ungeliebten Unternehmer auszuschließen.
Da die Stimmenmehrheit bei den Mitgliedern von Hertha liegt, dürfte der Tennor-Anteil nur schwer verkäuflich sein – selbst bei arabischen Staatsfonds, die den Fußball aus Prestigegründen entdeckt haben.
Mehr als 100 Tote hat es bereits im Iran bei den Widerständen gegen ein illiberales, frauenfeindliches Mullah-Regime gegeben. Eine Form des Protests kommt aus Frankreich: 50 prominente Frauen wie Juliette Binoche, Marion Cotillard oder Isabelle Huppert zeigen in einem Video, wie sie sich die Haare ein gutes Stück abschneiden – „für Freiheit“.
Mit Schrifttafeln thematisieren sie das Schicksal der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini, die Mitte September in Teheran festgenommen wurde, nachdem Sittenwächter kritisierten, Haarsträhnen würden aus Aminis Kopftuch ragen. Drei Tage später war die junge Frau tot. Unterlegt ist das französische Video mit der persischen Version des Partisanenlieds „Bella Ciao“ – es ist im Iran zur Hymne der Proteste geworden.
Und dann ist da noch der aus Funk, Fernsehen und den Räumen des FC Bayern München bekannte Starkoch Alfons Schuhbeck, 73, eine Art Münchener Maskottchen, der am gestrigen Mittwoch im Landgericht nicht mit weißem Kittel, sondern im dunklen Anzug zu sehen war.
Er muss sich wegen vermuteter Steuerhinterziehung von mehr als zwei Millionen Euro verantworten – nach der Insolvenz seiner Firmengruppe ein weiterer Schlag. Ein Ex-Mitarbeiter erzählte zu Prozessbeginn, wie er ein „Tool“ programmiert habe, mit dem Schuhbeck per USB-Stick und Computer Einkünfte reduzieren konnte. Das habe Bargeldentnahmen und Steuerreduzierungen im Restaurant „Orlando“ ermöglicht.
Schuhbecks Verteidiger werfen den Strafverfolgern Defizite in der Ermittlung vor, ihr Mandant sei Opfer, nicht Täter. Am nächsten Mittwoch und Freitag geht es weiter. „Wir müssen uns erst einmal von dem Wumms erholen“, resümierte die Richterin.
Zum bunten Leben des Gastronomen fällt einem der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller ein: „Wer heute einen Gedanken sät, erntet morgen die Tat, übermorgen die Gewohnheit, danach den Charakter und endlich sein Schicksal.“
Ich wünsche Ihnen einen kreativen Tag.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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