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Morning Briefing PlusAbwesenheitsnotiz

Der Handelsdeal zwischen der EU und Trump sorgt in Brüssel für Ferienfrust. Und in Berlin zanken sich Klingbeil und Merz über Steuererhöhungen. Über eine Sommerpause voller Sorgen.Sebastian Matthes 02.08.2025 - 08:23 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Tage – diesmal verbunden mit einem kurzen Abschied: in den Sommerurlaub.

Was waren das für verrückte Monate! Beim Weltwirtschaftsforum in Davos blickte die globale Finanzelite noch mit einer Mischung aus Mitleid und Ratlosigkeit auf Deutschland – und mit fast schon übermütigem Optimismus auf die USA.

Donald Trump erlebte seine politische Prom-Night, und wenig später brach das Chaos los: Zollstreit, Turbulenzen an den Finanzmärkten, die transatlantischen Beziehungen gerieten ins Wanken. Und auf einmal blickten Investoren wieder hoffnungsvoll auf Europa: Ja, bisschen lame, dieser alte Kontinent, aber in seinem Mittelmaß so schön verlässlich.

Ich weiß auch nicht, warum mir das gerade einfällt – aber eine neue Bundesregierung haben wir in dieser Zeit auch noch bekommen, die tatsächlich so etwas wie einen Stimmungsumschwung geschafft hat.

Meinen Rechner fahre ich dennoch mit einem mulmigen Gefühl herunter. Denn es stehen Monate bevor, die womöglich über die kommenden Jahrzehnte entscheiden.

Finanzminister Lars Klingbeil (links) und Kanzler Friedrich Merz: Hat die Bundesregierung die Kraft für die großen Reformen? Foto: Niklas Treppner/dpa

Gelingt es dieser Bundesregierung, die größten Sozialreformen seit Jahrzehnten anzuschieben? Das Rentensystem nachhaltig umzubauen? Das Wirtschaftsmodell Deutschlands für eine Welt weiterzuentwickeln, in der wir unsere Autos, Maschinen und Chemieprodukte nicht mehr problemlos in alle Welt verkaufen können? Oder verspielen wir unsere Chance – womöglich die letzte, die wir im Kreis der Top-3-Wirtschaftsnationen bekommen?

Es stimmt zwar: Schwarz-Rot hatte inhaltlich einen guten Start. Die Stimmung begann sich zu drehen. Ein paar erste Projekte wurden angeschoben. Die Stimmung hat sich verbessert.

Gleichzeitig hat sich an den fundamentalen Daten nichts geändert. Die Wirtschaft wächst auch nach zwei Jahren Rezession immer noch nicht, die Sozialabgaben steigen immer weiter, und das Haushaltsloch bis 2029 liegt mittlerweile bei 172 Milliarden Euro (wo ist eigentlich das ganze Geld geblieben?).

Wer dieser Tage mit Unternehmern spricht, hört: „Es ist zwar viel von Aufbruch die Rede, aber in den Zahlen sehe ich den Optimismus noch nicht.“

Sieht so Optimismus aus? Hochrangige Wirtschaftsvertreter im Kanzleramt. Foto: REUTERS

Es liegen schicksalhafte Monate vor uns. Gelingt der Bundesregierung nach der Sommerpause ein echter Reformimpuls, kann Friedrich Merz als großer Kanzler in die Geschichte eingehen.

Gelingt er nicht, dürfte die Sache gelaufen sein. Wenige Monate später beginnt ein regelrechter Landtagswahl-Marathon, in dem sich die beiden Regierungspartner profilieren müssen. Union wie SPD bleiben in Umfragen derzeit weit hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück.

Da öffnen Wahlkampfphasen nicht das Fenster für mutige Entscheidungen, sie schließen es. Je mehr Christdemokraten wie Sozialdemokraten unter Druck stehen, desto mehr werden sie über die verkorkste Richterwahl diskutieren statt über die dringend notwendige Rentenreform.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Der Streit beginnt schon: Im Koalitionsvertrag hatten SPD und Union noch Steuersenkungen versprochen. Jetzt denkt Finanzminister Lars Klingbeil laut über Steuererhöhungen nach, um das riesige Haushaltsloch von 172 Milliarden Euro zu stopfen. Doch die Gedankenspiele von Klingbeil, große Erbschaften und Vermögen stärker zu besteuern, bergen vor allem eines: politischen Sprengstoff. Die CDU wiegelt bereits ab, Klingbeils Vorschlag sei „keine sinnvolle Option“. Unsere Berliner Chefreporter Martin Greive und Jan Hildebrand haben aufgeschrieben, warum der Streit gerade erst beginnt. Und welche Rolle das Bundesverfassungsgericht spielen könnte.

2. Der Handelsdeal mit den USA war die wohl schwerste Demütigung in der Geschichte des vereinten Europas. Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen? Was ist in den Verhandlungen schief gelaufen? Warum sah sich die Kommission gezwungen, einem so ungleichen Abkommen zuzustimmen? Das Handelsblatt hat mit Spitzenbeamten und Diplomaten gesprochen, um die Verhandlungen zwischen EU und Trump-Regierung zu rekonstruieren.

Ursula von der Leyen: Die EU hat ihre Handelsmacht überschätzt Foto: AFP

3. Donald Trump feiert sich derweil als Architekt eines neuen Welthandels. Denn die US-Wirtschaft wächst, trotz Inflation und Zinsdruck. Wie kann das sein? Und warum warnen Ökonomen dennoch vor den Folgen von Trumps Politik? Lesen Sie hier die Analyse unserer US-Korrespondenten Astrid Dörner und Laurin Meyer.

4. Unsere Reporter Michael Verfürden und Sönke Iwersen sind gerade viel unterwegs. Ihr Buch über ihre großen Tesla-Recherchen ist gerade in Großbritannien herausgekommen. „Guardian“, der Ex-Chefredakteur der „Financial Times“, „BBC“: Sie alle berichten über die jahrelange Arbeit unseres Investigativteams. Nun hat das Team die nächste große Recherche veröffentlicht: Sie schildern in einem eindrücklichen Report, wie es in Teslas Werk in Grünheide wirklich zugeht. Dafür haben sie Satellitenbilder ausgewertet, Betriebsratsversammlungen rekonstruiert – und sie sind auf Hinweise gestoßen, dass Tesla an einem Prototyp für den lange angekündigten, aber nie gebauten „Volks-Tesla“ arbeitet. Die ganze Recherche lesen Sie hier.

Inside Grünheide: Wie es in Teslas deutscher Gigafactory wirklich zugeht. Foto: Samson

5. Ein Tech-Konzern aus China steigt bei Ceconomy ein, dem Mutterunternehmen von Media Markt und Saturn. Was Ceconomy sich von der Übernahme erwartet, lesen Sie hier. Doch was weiß man über Jingdong, so die Langform von JD? Welche strategischen Ziele verfolgt der chinesische Investor? Unsere China-Korrespondentin Sabine Gusbeth beobachtet den Konzern seit Jahren.

6. Sam Altman, der CEO von OpenAI, spricht schon länger über solche „Tiny-Unternehmen“, die Millionen erwirtschaften – ganz ohne Mitarbeiter. Dafür mit KI-Agenten. Alles übertrieben? Reines Marketing? Wir werden sehen ... Diese Woche jedenfalls sorgte ein Artikel unserer KI-Reporterin Luisa Bomke für Aufsehen, in dem sie über eine Unternehmensberatung schreibt, die 90 Prozent ihrer Mitarbeiter durch KI-Agenten ersetzt hat.

Christian Underwood: Menschliche Berater durch KI ersetzt. Foto: PR, Getty Images

7. Vielleicht erinnern Sie sich: Nach dem Wirecard-Skandal gerieten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) massiv unter Druck. Unser Investigativreporter René Bender hat nun einen Fall recherchiert, der das Vertrauen in EY erneut erschüttert. Ein Ex-Partner in den USA wirft der Firma vor, sie habe kriminelle Glücksspielkunden gedeckt. Was hinter den Vorwürfen steckt und warum sich auch Anwälte und Anleger aus dem Wirecard-Komplex dafür interessieren.

8. Trost bei Chatbots suchen? Das mag zunächst verrückt klingen. Tun aber immer mehr Menschen. ChatGPT ist Tag und Nacht erreichbar, es gibt keine langen Wartezeiten, und man kann seine Sorgen scheinbar anonym loswerden. Kann Künstliche Intelligenz aber wirklich eine professionelle Therapie ersetzen? Benjamin Ansari hat Studien gelesen, sich angeschaut, was Forscher sagen, und kommt zu durchaus überraschenden Ergebnissen.

Digitale Hilfe? Junge Menschen wenden sich bei psychologischen Fragen an KI. Foto: Getty images

9. Günstig in ETFs investieren, die regelmäßige Dividenden abwerfen? Andreas Neuhaus hat vier Fonds gefunden, die stark im Kurs zugelegt haben, und verlässlich ausschütten. Welche ETFs seit 2020 besonders überzeugt haben.

Herzlichst

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