Morning Briefing Plus: Das Problem mit den Meetings
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der Woche, in der sich viele über den Nato-Gipfel in Den Haag lustig gemacht haben. Mein Kollege Christian Rickens fühlte sich bei dem Programm an die „Choreographie eines Kindergeburtstags“ erinnert, bei dem man die Nerven der Kleinen nicht mit langen Reden allzu sehr strapazieren möchte.
Man kann auf diesen Nato-Gipfel aber auch anders blicken. Denn von diesem Gipfel könnten wir einiges für die Meeting-Kultur in Unternehmen lernen.
Ich habe vor einiger Zeit eine Studie des Chat-Tools Slack gelesen, die zu dem Ergebnis kam, dass mehr als 40 Prozent aller Meetings und Besprechungen unnötig sind. Sie könnten problemlos gestrichen werden.
Daran musste ich denken, als ich das Programm des Nato-Gipfels sah, der auf zweieinhalb Stunden gekürzt wurde, damit Donald Trump sich nicht langweilt und früher geht.
Ich wünsche mir, dass ich auch öfter behandelt werde wie Donald Trump. Die Slack-Studie zeigt, dass viele Menschen das Gefühl haben, stundenlang in Meetings zu sitzen, ohne zu wissen, warum eigentlich. Ich muss zugeben, mir erging es auch schon so.
Die erste Lehre des Nato-Gipfels ist doch, nicht bis spät in die Nacht über etwas zu verhandeln (die fünf Prozent Verteidigungsausgaben), auf das man sich ohnehin längst verständigt hat. Oder umgekehrt, endlos über etwas zu diskutieren, von dem man schon weiß, dass man sich ohnehin nicht darauf einigen kann (entschlossene Russland-Sanktionen). Kurze Meetings sind mitunter wirkungsvoller.
Die zweite Lehre lautet allerdings: Der Schlüssel für erfolgreiche kurze Meetings ist gute Vorbereitung. Bis ins Detail hat Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit allen Teilnehmern in Vorbereitung des Treffens gesprochen – und sie individuell an die Agenda herangeführt (wie Donald Trump via Social Media verbreitete). Und auch mit den Spaniern, die die fünf Prozent nicht aufbringen wollen, hat Rutte im Vorfeld einen Kompromiss gefunden.
Bei der EU läuft es genau andersherum. Hier diskutieren viel beschäftigte Staatenlenker stundenlang über irgendwelche Detailformulierungen. Und nachts um drei legt Viktor Orban gegen alles ein Veto ein.
Dann lieber Kindergeburtstag.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Es war eine Recherche, die für Aufsehen sorgte. Jakob Hanke Vela, Olga Scheer, Felix Holtermann und Julian Olk haben diese Woche über Gedankenspiele berichtet, wonach US-Tech-Konzerne ein Mitspracherecht bei der Digital-Regulierung in Europa bekommen könnten, um Donald Trump im Zollstreit milde zu stimmen. Das Entsetzen in der deutschen Digitalwirtschaft ist groß. Einige der bekanntesten Köpfe schrieben umgehend einen Brandbrief an Friedrich Merz.
2. Die SPD ist auf Sinnsuche. Am Freitag auf dem Parteitag wählte die Partei Bärbel Bas und Lars Klingbeil an die Spitze. Aber wer ist Bas eigentlich? Sie hat kein Abitur, ist inmitten der „Ruhrpott-Rauheit“ aufgewachsen und hat eine klassische Arbeiterbiografie. Doch auch ihre Heimat, der Duisburger Norden, schimmert mittlerweile blau. Wie wird sie die Berliner Politik prägen? Das Porträt einer Frau, die in den nächsten Jahren auch zu einer gefährlichen Konkurrentin für Co-Parteichef Lars Klingbeil werden kann.
3. Eben noch war der Pessimismus das vorherrschende Gefühl in der deutschen Wirtschaft. Dann kam die Zuversicht. Und die übersetzt sich nun in konkrete Taten. Während viele Konzerne noch zögern, stecken Familienunternehmen hunderte Millionen in neue Werke, Innovationen und Infrastruktur – was treibt sie an? Anja Müller, Florian Kolf, Bert Fröndhoff und Katrin Terpitz haben mit diesen Hoffnungsträgern gesprochen.
4. Die technologischen Ambitionen Saudi-Arabiens sind faszinierend. Das Land hat sich vorgenommen zu einer führenden KI-Macht zu werden und investiert dafür Milliarden. Helfen soll dabei ein Deutscher. Der Plan dahinter: eine neue Allzweck-KI. Unsere KI-Reporterin Luisa Bomke hat alle Details.
5. In der deutschen Start-up-Szene ist ein nie dagewesener Machtkampf entbrannt. Schauplatz ist Terra Quantum, eines der bekanntesten deutschen Quanten-Start-ups, das unter anderem Geschäfte mit internationalen Konzernen und der US-Airforce macht. Doch zwischen CEO Markus Pflitsch und seinen Investoren gibt es Zoff, wie Larissa Holzki und Sönke Iwersen diese Woche exklusiv berichteten. Es geht um Entlassungen, Millionensummen – und die Kontrolle über ein Unternehmen, das laut einem Gutachten Patente im Wert von 14 Milliarden Dollar hält.
6. Welche deutsche Universität bringt eigentlich die meisten Gründer hervor? Dieses Uni-Ranking der etwas anderen Art hat die Antwort. Warum das wichtig ist? Hier finden Sie alle Details.
7. Der Austausch mit unseren Leserinnen und Lesern ist für mich immer wieder ein Gewinn. So ging es neulich auch meinem Kollegen Andreas Neuhaus. Bei einem Handelsblatt-Live-Event hatte ein Abonnent eine sehr konkrete Frage an ihn: Welche günstigen ETFs bescheren regelmäßige, hohe Dividenden? Aus der Antwort ist einer der meistgelesenen Texte der Woche geworden.
8. Geldanlage in Krisenzeiten: Wer wissen will, wie Geldanlage in Zeiten von Kriegen, Rekordschulden und geopolitischen Machtkämpfen gelingt, dem empfehle ich unseren Freitagstitel. Andreas Neuhaus und Markus Hinterberger liefern konkrete Szenarien, Strategien, ETF-Vorschläge. Kurz: Musterdepots, mit denen Ihr Vermögen alle Eventualitäten übersteht. Denn wer sein Vermögen gegen neue Risiken absichern will, braucht mehr als Mut zur Aktie – gefragt ist ein klug gemischtes ETF-Depot mit Anleihen, Rohstoffen und Gold.
9. Ich gebe es zu, ich gehöre zu der wachsenden Gruppe Menschen, die fast vollständig auf Alkohol verzichten. Ich vertrage es einfach nicht mehr richtig. Weil es offenbar auch anderen so geht, geraten Winzer zunehmend in Schwierigkeiten. Bei vielen bricht der Absatz ein. Thorsten Firlus über die Crème de la Crème der Weinbranche – und die Strategien, die ihr nun bleiben.
Und damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
PS: Wenn Sie noch etwas Zeit für einen Podcast haben, dann empfehle ich Ihnen die aktuelle Folge von Handelsblatt Disrupt. Darin spreche ich mit dem Raumfahrtexperten Bulent Altan. Er war einer der ersten Mitarbeiter von Elon Musks SpaceX, später baute er den Satelliten-Internetdienst Starlink auf. Im Podcast berichtet er, wie es war, unter Elon Musk zu arbeiten, weshalb es in seinem Team auf einer Südseeinsel schließlich zu einem Aufstand gegen Musk kam. Und warum die spannendste Zeit der Raumfahrt noch vor uns liegt.