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Morning Briefing Plus – Die WocheDie Innovationslücke – Der Rückblick des Chefredakteurs

Zwischen den USA und Deutschland klafft eine Innovationslücke. Und dank der zerstrittenen „Fortschrittskoalition“ wird die wohl immer größer. Was uns die Woche noch beschäftigt hat.Sebastian Matthes 06.05.2023 - 08:00 Uhr
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Foto: Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem gemeinsamen Blick auf die Nachrichten, die am Ende dieser Woche noch immer wichtig sind. Und damit kommen wir zu ein paar Zahlen, die mich nachdenklich gemacht haben, weil sie eine problematische Machtverschiebung zeigen. Und nein, es geht nicht um Geopolitik – China, die USA, Sie wissen schon –, sondern um ein anderes, für unseren Wohlstand mindestens ebenso wichtiges Thema: um Innovationen.

Auch hier verschieben sich nämlich die Machtblöcke. Wie kritisch die Lage ist, lässt sich an diesen Zahlen ablesen:

  1. In keinem Land der Welt haben Unternehmen 2022 ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) so sehr gesteigert wie in den USA, schreibt mein Kollege Ulf Sommer.
  2. Während US-Konzerne ihre F&E-Ausgaben 2022 um 16 Prozent erhöht haben, stiegen sie in Deutschland nur um elf Prozent.
  3. Allein die fünf forschungsintensivsten Konzerne der Welt – das sind Amazon, Alphabet, Meta, Apple und Microsoft – haben im abgelaufenen Geschäftsjahr zusammen 189 Milliarden Euro in ihre F&E-Budgets gesteckt.

Nur um die Dimension klarzumachen: Das ist dreimal so viel wie die 29 forschungsintensivsten deutschen Firmen zusammen. Und die US-Unternehmen stoßen mit ihren Forschungsbudgets immer öfter in Felder vor, in denen eigentlich die Europäer stark waren: Die Mobilität ist so ein Beispiel oder die Automatisierung von Geschäftsprozessen.

Vor 20 Jahren habe ich als junger Reporter angefangen, über die Technologiewelt zu schreiben. 2004 habe ich den Börsengang von Google gecovert, 2006 den Aufstieg der deutschen Start-up-Szene – und schließlich den Niedergang von Firmen wie Nokia.

Und seit 20 Jahren habe ich unzählige Male kommentiert, wie Politiker und Verbandsvertreter immer wieder die Innovationskraft der europäischen Firmen, ihren Erfindergeist und den Forschungseifer beschworen haben. Aussagen, die oft nicht viel haltbarer waren als Seifenblasen.

Tatsächlich sind wir seit 20 Jahren Zeuge eines Innovationsrennens, bei dem Europa nicht nur an Geschwindigkeit, sondern auch an Boden verliert. Vor lauter Selbstzufriedenheit ist es nur lange niemandem aufgefallen.

All das ist allerdings kein Schicksal. Innovationen, das ist kein Geheimnis, entstehen überall dort, wo kluge Köpfe, Geld und neue Ideen zusammenkommen. Und hier kommen wir zum Kern des Problems: Das deutsche Bildungssystem ist in einem beklagenswerten Zustand.

Die Kapitalmärkte sind so schwach, dass Firmen wie Biontech lieber in den USA an die Börse gehen. Zudem werden die Unternehmen durch hohe Steuern, Bürokratiekosten und Energiepreise so sehr belastet, dass ihnen immer weniger Spielraum für Innovationen und Forschung bleibt, anders etwa als ihren Wettbewerbern in den USA.

All das ließe sich ändern. Man muss es nur wollen. Ein Anfang wäre es, das Problem zu erkennen. Doch dazu ist die zerstrittene „Fortschrittskoalition“ derzeit nicht in der Lage.

Die Koalition aus FDP, Grüne und SPD im Gruppenbild.

Foto: imago images/Emmanuele Contini

Deshalb werden wir uns beim Handelsblatt in den nächsten Monaten intensiv mit den wichtigsten Innovationshotspots dieser Welt beschäftigen, mit den besten Innovationsstrategien – und auch mit der Frage, welche Rolle die Politik bei alldem spielen kann.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Manchmal braucht eine Debatte erst einen Kampfbegriff, um so richtig in Gang zu kommen. „Gierflation“ ist so einer, hinter dem nämlich der Vorwurf steckt, dass ein Grund für die Inflation auch die Konzerne seien, die ihre Gewinne gierig immer weiter nach oben schrauben. Kein Wunder, dass sich viele hinter dem Vorwurf versammeln können. Spitzenpolitiker, Ökonomen, Medien. Das kennen sie alle aus dem „Tatort“, wo Unternehmer ohnehin immer die Bösen sind. Jedenfalls hat mein Kollege Christoph Schlautmann die laute Debatte zum Anlass genommen, die Vorwürfe mit Zahlen zu belegen. Und siehe da: Die „Gierflation“ gibt es so gar nicht. Das hindert SPD-Chefin Saskia Esken freilich nicht daran, eine staatliche Einheit zu fordern, die Unternehmensgewinne beobachtet. Spanien hat eine solche Beobachtungsstelle übrigens schon eingerichtet.

2. Der Streit zwischen Robert Habeck und Christian Lindner geht in eine neue Runde. Diese Woche geschürt von einem Gastbeitrag des Bundesfinanzministers im Handelsblatt, der in kürzester Zeit von fast allen großen Medien aufgegriffen wurde. Lindner kritisiert darin Habecks Pläne für einen reduzierten Strompreis für die energieintensive Industrie. Zu teuer und zu ungerecht sei ein solcher Industriestrompreis. In seinem Beitrag schreibt Lindner auch den Satz:

Was wir jetzt statt immer neuer Subventionen brauchen, ist eine angebotsorientierte Wirtschafts- und Finanzpolitik, um wirtschaftliche Dynamik anzukurbeln und private Investitionen zu entfesseln.
Christian Lindner, Finanzminister FDP

Habeck lässt Lindner natürlich abtropfen – und kündigte gestern einen Industriestrompreis von sechs Cent an. Die Kosten bis 2030: 25 bis 30 Milliarden Euro. Alle anderen Fakten und die Reaktionen auf das Konzept finden Sie hier.

Ein ausgebrannter Panzer in Kiew.

Foto: Mareike Müller

3. Schon seit Wochen ist meine Kollegin Mareike Müller in Osteuropa unterwegs. Gerade ist sie in der ukrainischen Hauptstadt angekommen: „Nach einem langen Winter fühlt sich Kiew für ein paar Sekunden paradoxerweise völlig normal an“, berichtete sie gestern. „Zum ersten Mal in diesem Jahr sitze ich im T-Shirt in der Sonne, die Temperatur: über 20 Grad. Und in den Parks der Stadt duftet es nach Blumen, oft sogar nach frischem Kaffee, den es an jeder Ecke gibt.“

Mareike Müller in Irpin.

Foto: Mareike Müller

Was für ein Kontrast neben den vielen bewaffneten Soldaten und Panzersperren. Die Nächte musste Müller wegen der immer neuen Angriffe der Russen im Luftschutzkeller ihres Hotels verbringen. Dramatischer ist die Lage in der ohnehin schon schwer getroffenen Stadt Cherson, wo am Mittwoch über 20 Menschen durch russische Angriffe auf den Bahnhof, einen Supermarkt und eine Tankstelle ums Leben kamen. Ihren Report lesen Sie hier. Sie können die Reise meiner Kollegin auch bei Instagram oder Twitter verfolgen. Das lohnt sich schon deshalb, weil Mareike nicht nur eine gute Reporterin, sondern auch eine gute Fotografin ist.

Alte Autos

Foto: Mareike Müller

4. Schon oft haben wir uns in diesem Newsletter mit dem „Inflation Reduction Act“ (IRA) beschäftigt, dem milliardenschweren Investitionsprogramm der USA für den grünen Umbau der Wirtschaft. Fakt ist: Die Europäer haben längst ähnliche Programme, und sie geben ähnliche Summen aus, um die Industrie zu fördern. Nur sind die Amerikaner viel erfolgreicher:

  1. Bis Mitte des Jahrzehnts wollen Chipkonzerne über 122 Milliarden US-Dollar in neue US-Werke investieren. In der EU dagegen gerade einmal 32 Milliarden Dollar.
  2. Im Sommer vergangenen Jahres wurde der IRA beschlossen. Schon zwischen August und Dezember kündigten Unternehmen in den USA Investitionen mit einem Volumen von 16 Milliarden Dollar an. In Europa dauert all das nicht Monate – sondern Jahre.
  3. Durch die milliardenschweren Subventionsprogramme der USA entsteht wiederum ein gewaltiger Sog. Auch deutsche Unternehmen investieren dort Milliarden. Hier nur ein kleiner Ausschnitt: Bosch (1,5 Milliarden US-Dollar), BMW (1,7 Milliarden US-Dollar) und Volkswagen (zwei Milliarden US-Dollar).

Aber warum nur sind die Amerikaner so viel erfolgreicher mit ihrer Industriepolitik als die Europäer? Diese Frage beantwortet der große Handelsblatt-Report zum Wochenende.

Auch wenn Sie glauben, Sie hätten zu dem Thema schon alles gelesen: Ich verspreche Ihnen, diese Analyse wird Ihnen noch einmal eine neue Perspektive geben.

Das Biden-Programm setzt andere Wirtschaftsmächte unter Druck.

Foto: Handelsblatt

5.Aus den Schlagzeilen vieler Medien ist die Krise der Banken wieder verschwunden. Dabei schwelt sie gefährlich weiter. Nach dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank und der Signature Bank im März ging am Montag die First Republic Bank pleite und wurde an JP Morgan notverkauft. Doch statt Ruhe gab es neue Panik: Nach dem Deal sackten die Aktien von anderen US-Regionalbanken ab , darunter Western Alliance aus Phoenix und Pacwest aus Los Angeles. Investoren hätten sich nach der First-Republic-Pleite auf die „nächsten schwachen Glieder in der Kette eingeschossen“, sagt Bankenanalyst Ed Moya. Viele Regionalbanken kämpfen damit, dass Kunden Einlagen abziehen und bei Geldmarktfonds anlegen, die deutlich höhere Zinsen bieten. All das klingt weit weg. Aber wir wissen: Bankenkrisen können mitunter binnen Stunden ganz nah sein.

6.Auf diesen Podcast habe ich mich lange gefreut: Vor wenigen Tagen hatte ich Alexander Sixt, den Co-CEO des gleichnamigen Mobilitätsunternehmens, bei mir im Studio. Wir sprachen über den Wandel von Sixt, die Verantwortung, ein so erfolgreiches Familienunternehmen zu übernehmen, über sein Verhältnis zu seinem Co-CEO und Bruder Konstantin. Aber natürlich frage ich ihn auch nach dem umstrittenen Deal mit dem chinesischen Elektroautohersteller BYD und warum er eine Uhr auf dem Nachttisch hat, die ihm jeden Morgen zeigt, wie viele Tage er wahrscheinlich noch leben wird.

7. Erinnern Sie sich noch? Vor fünf Wochen forderte Elon Musk mit Tausenden anderen Tech-Experten sehr lautstark einen Entwicklungsstopp für Künstliche Intelligenz von einem halben Jahr. Sie sehen KI als ein „tiefgreifendes Risiko für die Gesellschaft und Menschheit“. Kurz darauf präsentierte er sein eigenes KI-Unternehmen X.AI. Hintergrund: Er braucht eine bessere KI, um den wackeligen Autopiloten in Tesla-Fahrzeugen in den Griff zu bekommen. Vielleicht war an Musks großem Aufschrei doch mehr Eigeninteresse als die Sorge um die Zukunft. Denn er hofft immer noch, dass ihm KI den Durchbruch beim autonomen Fahren bringen wird. Sein Problem: Die Kameras in den Tesla-Fahrzeugen produzieren unglaubliche Datenmengen. Die lässt sich nur mit einer besseren KI beherrschen. Ein großes Projekt. Vielleicht sollte sich Musk etwas mehr darum kümmern als um blaue Häkchen bei Twitter.

8. Es war der Beginn einer langen Freundschaft: Als Warren Buffett den US-Investor Charlie Munger 1959 zum Mittagessen traf, habe „es sofort geklickt“, erzählte Buffett 59 Jahre später. „Charlie hat über seine eigenen Witze gelacht, so wie ich das auch immer mache. Und ich wusste: So einen wie ihn treffe ich nie wieder.“ Heute sind sie die prominenten Köpfe des Konglomerats Berkshire Hathaway, dessen Aktie von 1964 bis 2022 eine Rendite von rund vier Millionen Prozent erzielte. Heute werden sie bei der Hauptversammlung in Omaha, dem „Woodstock für Kapitalisten“ – wie die Veranstaltung seit vielen Jahren genannt wird –, für ihre Erfolgsgeschichte gefeiert. Unsere US-Korrespondentin Astrid Dörner zeichnet sie nach.

Investoren Warren Buffet und Charlie Munger.

Foto: Handelsblatt

9. Seit Tagen campen die Fans der Windsors zwischen Buckingham Palace und Trafalgar Square in London, um bei der Krönungsprozession von König Charles III. in der ersten Reihe zu stehen. Mein Kollege Torsten Riecke hat dort zwar nicht übernachtet. Stattdessen beschreibt er in einem lesenswerten Report, wie König Charles III. die Monarchie retten will, ohne die Schatztruhe zu öffnen. Wie auch immer die Sache ausgeht, ein teures Hobby bleibt das Ganze. Allein die Krönungszeremonie soll irgendwas zwischen elf und 100 Millionen Euro kosten.

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King Charles III.

Foto: Handelsblatt

Ihnen allen ein schönes Wochenende und viel Spaß bei Ihren hoffentlich nicht ganz so teuren Hobbys.

Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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