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Morning BriefingPolitische Moral lohnt sich an den Märkten

Hans-Jürgen Jakobs 23.05.2022 - 06:20 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Realpolitik besagt, dass Ethik im politischen Konfliktfall keine große Rolle spielt. Moral ist dann das, was man sich leider gerade nicht leisten kann. Eine ganz andere Rechnung macht der Yale-Professor Jeffrey Sonnenfeld im Handelsblatt-Gespräch auf: „Aktionäre von Unternehmen, die Russland verlassen, haben einen Vorteil.“

Der Marktwert solcher Firmen sei spürbar angestiegen und habe den Wertverlust durch Abschreibungen und Umsatzeinbußen klar übertroffen, erklärt der US-Ökonom seine eigene Analyse von 600 börsennotierten Gesellschaften. Die meisten CEOs hätten erkannt, „dass sie eine Verantwortung tragen, die über die kurzfristige Steigerung des Shareholder-Value hinausgeht“.

Hart kritisiert Sonnenfeld den redefreudigen Volkswagen-Chef Herbert Diess, der sich kürzlich für eine Vertragslösung mit dem russischen Diktator Wladimir Putin aussprach: „Gerade Herr Diess sollte wissen, wie wichtig die Reputation eines Unternehmens ist.“

Senegal, Niger und Südafrika sind die Stationen der ersten Afrikareise von Olaf Scholz (SPD). Der Bundeskanzler ist auf Goodwill-Tour auf einem Kontinent, der auch von Russland profitiert und nicht an Maßnahmen gegen Präsident Putin und sein System denkt. Dessen Söldnerbrigade „Wagner“ mischt zum Beispiel Mali auf und war in der Demokratischen Republik Kongo aktiv. Scholz sucht im geoökonomischen Krieg dieser Tage Verbündete und hat nun die Demokratien Senegal und Südafrika – die sich vor der UN in Sachen Russland enthielten – zum G7-Gipfel im bayerischen Elmau geladen. Im Senegal soll Deutschland bei der Gasförderung helfen.

Vielleicht redet der deutsche Regierungschef mit seinen Gastgebern auch über eine These, die der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, im „Tagesspiegel“ verbreitet. Danach wolle Putin gezielt Hungerkrisen im Nahen Osten und in Afrika auslösen – damit sich mehr Hungernde auf den Weg nach Europa machen. Provozierte Flüchtlingskrisen seien, so der „Kremlinologe“, Teil der neuen „hybriden Kriegsführung“ Putins mit dem Ziel einer Destabilisierung. Wir lesen nach bei Mark Twain: „Mut ist Widerstand gegen die Angst, Sieg über die Angst, aber nicht Abwesenheit von Angst.“

Foto: Reuters

Der Name der Ölpipeline von Osten nach Schwedt – „Druschba“ wie Freundschaft – ist so verlogen wie die deutsch-russische Politik der vergangenen Jahre. Die dort angesiedelte Raffinerie war bislang im Besitz des russischen Staatskonzerns Rosneft, dessen Aufsichtsratsvorsitz der in besseren Zeiten als Bundeskanzler bekannt gewordene Gerhard Schröder (SPD) nun räumt.

Um PCK Schwedt ist ein Bieterwettkampf zwischen der Alcmene-Gruppe, hinter der das estnische Unternehmen Liwathon steht, und der Leipziger Biokraftstoff-Firma Verbio AG entbrannt. Das schildert unsere Titelgeschichte. Nach einem Gesetz kann die Bundesregierung kritische Infrastruktur wie die Schwedter Raffinerie aber auch unter staatliche Treuhänderschaft stellen. Immerhin stammen 95 Prozent des in Berlin/Brandenburg verbrauchten Benzins, Heizöls und Diesels von hier. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat also zwei Optionen mehr.

Foto: dpa

Es gibt gut drei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl tatsächlich wieder zur kniffligsten aller Rätselfragen eine Umfrage. Es geht um das kleine Auswahlproblem, wer denn wohl der beste Kanzlerkandidat der Union sei. Rätselhafterweise kürten die Befragten ausgerechnet jenen Politiker zum Besten, dem in Bayern momentan die Bierzelte weglaufen: Verwandlungskünstler Markus Söder, der gerade im Dress der deutschen Fußballnationalelf von 1954 einen „Bayerischen Filmpreis“ an Regisseur Sönke Wortmann verliehen hat.

Der in der Umfrage unterlegene Ministerpräsident Hendrik Wüst hat unterdessen in Nordrein-Westfalen Besseres zu tun. CDU und Grüne nehmen offiziell Sondierungsgespräche über eine mögliche Koalition auf. Die Gremien beider Parteien beschlossen, was eine Sache der Logik und der politischen Vernunft ist: Sie feierten in NRW Wahlerfolge, die die CSU in Bayern unter dem Kanzlerkandidatkandidaten Söder nicht mehr bietet. Am heutigen Montag trifft sich Wahlsieger Wüst mit SPD-Landeschef Thomas Kutschaty zum Arbeitsgespräch, bei dem Söders Träume nicht gedeutet werden.

Heute wird in den Zeitungen eine Frage gestellt, die am Wochenende auf Twitter und anderen sozialen Kanälen kursierte: Ob der Fußballgott wohl Kapitalist sei? Oder sogar ein Shortseller auf das zuletzt populäre Gut der „Fußball-Romantik“? Anlass für solche Erörterungen geben gleich zwei Ereignisse:

  • Am Wochenende holte der mit Red-Bull-Geld des österreichischen Unternehmers Dietrich Mateschitz aus niederen Spielklassen aufgebaute Klub RB Leipzig im DFB-Pokalfinale seinen ersten Titel. Leipzigs Trainer empfand „puren Hass“ der anderen, weil das Mateschitz-Unternehmen glücklich gegen den mit der Unschuld einer Studenten-WG ausgestatteten SC Freiburg gesiegt hatte. Dem Breisgau-Klub hatte offenbar fast die gesamte Republik – bis auf Ost-Regionen rund um Leipzig – die Daumen gedrückt.
  • Sich einen Pokal zu erkaufen, nämlich den der europäischen „Champions League“, davon schwärmt das Emirat von Katar in den Planungen für seinen hochdefizitären Klub Paris Saint-Germain. Und so verhinderten die Staatsfondsstrategen vom Golf mit dem motivatorischen Einsatz von 300 Millionen Euro Handgeld und 100 Millionen Jahressalär, dass sich Stürmerstar Kylian Mbappé nach Real Madrid verabschiedete. Stattdessen fliegen Trainer und Manager von PSG – und Mbappé bekommt mehr Einfluss. Offen bleibt die Frage, wie die katarische Prasserei zu den eigentlich strengen Finanzregeln („Financial Fairplay“) der Uefa passt.

Wer auf den Fußballkapitalismus schaut, sieht eine Wette laufen: Ob Großkapital nicht nur Tore, sondern gleich auch die schönsten und wichtigsten Pokale kaufen kann.

Und dann ist da noch der australische Politiker Anthony Albanese, Chef der Labor-Partei, der die Parlamentswahl dank seiner angekündigten klimapolitischen Kurskorrektur gewann. Er wolle das Land zu einer „Supermacht der erneuerbaren Energien“ machen, verkündete der Sozialdemokrat gleich nach dem Urnengang. Letztlich ist die liberal-konservative Regierung nach fast einem Jahrzehnt an ihren Pro-Kohle-Dogmen gescheitert. Selbst die Parteinahme der dominanten Zeitungen des Rupert Murdoch half nicht. Der abgewählte Premier Scott Morrison galt als „Bulldozer“, der zum Bedauern vieler weitgehend passiv blieb im Kampf gegen Buschbrände oder Überschwemmungen. Enormen Zulauf hatten in „Down Under“ auch die Grünen, die als Koalitionspartner in die neue Regierung drängen. Heute schon soll Albanese vereidigt werden – um dann am morgigen Dienstag in Tokio die Regierungschefs von Japan, Indien und den USA zu treffen. Von Seneca wissen wir: „Die Anfänge stehen in unserer Macht: Über den Ausgang urteilt das Schicksal.“

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche. Meine begann gestern Abend mit einem phänomenalen Jamie-Cullum-Konzert, irgendwo zwischen Rausch und Ekstase endend. Ein gutes Mittel gegen den Putin-Blues!

Es grüßt Sie herzlich

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Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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