Morning Briefing: USA erhöhen Zinsen: Die Zeit der Falken
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Das geldpolitische Stakkato des Fed-Chefs Jerome Powell erinnert an die demonstrativen Zinsschläge unter Paul Volcker vor 40 Jahren im Kampf gegen Stagflation. Nach der Aktion erklärte Powell, der Arbeitsmarkt sei „extrem eng“ und „aus dem Gleichgewicht geraten“. Und: „Je länger die Inflation hoch bleibt, desto größer ist die Gefahr, dass sie sich verselbstständigt.“
Kein Zweifel: In Washington ist die Zeit der Falken ausgebrochen, der Hardliner.
Auch in Frankfurt, am Platz der Europäischen Zentralbank (EZB), entdeckt diese jetzt den Wert feuerfester Geldwertstabilität – obwohl sie gegen explodierende Energiekosten doch ziemlich machtlos ist. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hielt in der Metropole am Main nun sogar die „Karl-Otto Pöhl Lecture“ zu Ehren des früheren Bundesbankpräsidenten, der bei Ausgabenwünschen der Regierung sehr knarzig werden konnte.
Die französische Juristin argumentiert wie Kollege Powell und deutet weitere Zinserhöhungen an, wenn sich Inflationserwartungen verfestigten. Die EZB habe es mit zwei Schocks (Pandemie, Putin) zu tun. Diese hätten das Angebot beschränkt, aber auch die Nachfrage verschoben – so sei es zur umfangreichen, lang wirkenden Reaktion der Inflation gekommen. Hier zitieren wir Altmeister Pöhl am besten einmal selbst: „Inflation ist wie Zahnpasta. Ist sie einmal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein.“
Die russische Fluggesellschaft Aeroflot betonte zunächst, dass sie den Ticketverkauf nicht einschränke.
Foto: IMAGO/Marc SchülerDie „Teilmobilmachung“, die Staatspräsident Wladimir Putin in einer Droh- und Rohrede verfügt hat, wird in seinem Russland ganz unterschiedlich verstanden. Während der Zwangsstaat dies als In-Marsch-Setzen von 300.000 Reservisten an die Kriegsfront gegen die Ukraine versteht, interpretieren viele junge Leute es als Signal, dass es Zeit sei für eine letzte Zigarette: Sie machten rasch mobil in der Belagerung der Grenze, um mit dem Auto noch ins Ausland zu gelangen. Auch stieg die Nachfrage nach One-Way-Flugtickets stark an.
In mehr als 35 Städten schließlich gingen Russen gegen den Krieg auf die Straße, es gab rund 1300 Festnahmen. Oppositionsheld Alexej Nawalny meldet sich aus dem Gefängnis: „Es ist klar, dass dieser kriminelle Krieg schlimmer wird, intensiver, und Putin versucht, so viele wie nur irgend möglich hineinzuziehen.“
Vor der UN-Vollversammlung in New York verlangte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski per Videobotschaft Strafe gegen Russland wegen begangener Kriegsverbrechen: „Russland sollte für diesen Krieg mit seinem Vermögen bezahlen.“ US-Präsident Joe Biden wiederum warf Moskau vor, das Existenzrecht der Ukraine als Staat auslöschen zu wollen: „Was auch immer Sie sind, wo auch immer Sie leben, was auch immer Sie glauben, das sollte Ihnen das Blut in den Adern gefrieren lassen.“
Bidens Rede ließ den Fluss des Blutes in den Kapillaren der chinesischen Vertreter zwar unverändert. Doch auch sie sind von allein darauf gekommen, dass sich Putin ausmanövriert hat. Darauf deutet hin, dass der Sprecher des Außenministeriums einen Waffenstillstand fordert und eine schnelle Lösung, die den „legitimen Sicherheitsbedenken aller Parteien“ Rechnung trage.
Optimisten spielen aus Stings Album von 1985, dem ersten Gorbatschow-Jahr, den Titel „Russians“: „We share the same biology, regardless of ideology / Believe me when I say to you / I hope the Russians love their children too.“
In der unendlichen Geschichte der Gasumlage will Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sie nun doch am 1. Oktober einführen – obwohl er selbst verfassungsrechtliche Zweifel daran geäußert hat. Sehr schnell müssten in diesem Fall Gerichte prüfen, ob der bald verstaatlichte Gasversorger Uniper, der von der Schröpfmaßnahme hauptsächlich profitiert, hier über Gebühr mit Bürgergeld bedient wird.
Als die CDU-CSU-Fraktion den Minister kurzfristig in Sachen Gasumlage aus dem Haushaltsausschuss heraus in den Bundestag zitierte, setzte Habeck zu einer Wutrede an, die wie eine Befreiung von erlebtem Frust wirkte. Er warf der Union vor, dass der Forderung, die Gasumlage „müsse weg“, keine eigene Idee folge. Genervt rief Handballfan Habeck ins Rund: „Sind wir denn hier im Fußballstadion, oder was? Das ist doch keine Politik. Was kommt denn stattdessen?“
Es gehe um 35 Milliarden Euro, um die Zukunft der Gashändler und die Energieversorgung sicherzustellen – die Union habe nicht gesagt, woher das Geld kommen solle. Das Fußballstadion-Video macht im Netz die Runde, doch zum Lachen ist den von Gaspreisen und Umlage geplagten Firmen und Haushalten nicht zumute.
Der nun bestätigte Wirecard-Prozess in Kürze: 474 Seiten Anklageschrift, 700 Aktenbände, 42 Terabyte Daten, 340 relevante Firmen, 450 Personen, mehr als 1100 Bankverbindungen. Es ist ein Rechtsverfahren der Superlative, weil auch der vermutete gewerbsmäßige Bandenbetrug des bankrottgegangenen Dax-Konzerns den Gesetzen des Superlativs genügt. In der Bilanz waren 1,9 Milliarden Euro bloße Erfindung.
Wahrscheinlich Anfang 2023 muss der langjährige CEO Markus Braun vor Gericht erscheinen nebst Ex-Vizevorstand Stephan von Erffa sowie Oliver Bellenhaus, einst Statthalter in Dubai, der hier eine Doppelrolle als Angeklagter und Kronzeuge hat. Eine Sprecherin Brauns weist alle Vorwürfe zurück und bringt „schwere Aufklärungs- und Ermittlungsmängel“ ins Spiel. Auf die Anklagebank gehöre auf jeden Fall Asienvorstand Jan Marsalek, mutmaßliches Mastermind des Fintech-Rififi – doch der Mann ist im dunklen Reich des Wladimir Putin flüchtig.
Ein paar interessante Petitessen ergeben sich aus der Anklageschrift:
- Eine vom Wirecard-Aufsichtsrat am 21. April 2020 mit harten Offenbarungen vorformulierte Aussage für eine Ad-hoc-Mitteilung über eine Sonderprüfung von KPMG wandelte der Vorstand zum Ärger der Kontrolleure in eine tendenziell entlastende Botschaft um. Der Kurs der Aktie – eigentlich ein Ramschpapier – stieg noch mal eindrucksvoll auf 140 Euro.
- E-Mail-Verkehr entlarvt, dass CEO Braun die Chefjuristin Andrea Görres geradezu gegen deren Willen drängte, zu einer im November 2019 zugegangenen Zivilklage aus den USA die Fake-Information zu verbreiten, sie sei „nicht rechtsgültig zugestellt“ worden.
- Ein Zeuge berichtet von Terminen mit CEO Braun, bei denen die „Zahlen massiert“ worden seien. Und Chefbuchhalter von Erffa beschreibt, wie Braun ihm regelmäßig zur Aufnahme in die Jahresabschlüsse noch Last-Minute-Geschäftsdeals mitgeteilt habe – die angeblichen Umsätze entstammten dem Reich des flüchtigen Marsalek.
- Nachdem die „Financial Times“ über eine aufgeblähte Kundenliste in Dubai und Dublin berichtet hatte, soll der Wirecard-Chef zu verstehen gegeben haben, dass es „diese Liste nicht geben durfte“.
Wenn das alles stimmt, sind die vereinigten Hochstapler der Literatur – von Felix Krull über Eugène de Rastignac bis zu Julien Sorel – im Vergleich harmlos wie eine Gruppe von Vorstadtganoven.
Und dann ist da noch die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James, die „große Neuigkeiten“ hatte: Sie kündigt an, den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der ins Weiße Haus zurück will, wegen Finanzbetrügereien zivilrechtlich anzuklagen. Der Immobilienunternehmer hätte im Verbund mit seinen Kindern Donald Junior, Ivanka und Eric sowie der Familienholding Trump Organization zwischen 2011 und 2021 „atemberaubenden Betrug“ begangen.
Die Vorwürfe füllen mehr als 200 Seiten. So soll die Trump Organization in ihren Jahresberichten einzelne Immobilienwerte künstlich hoch- oder niedriggerechnet haben. Wollte man günstige Kredite, waren die Werte hoch (Sie brauchten Sicherheiten). Sollten dagegen Steuern gespart werden, wurden Immobilien niedrig taxiert. So jonglierte sie mit einem Milliardenwert wie mit Bällen, Ringen und Keulen gleichzeitig.
Generalstaatsanwältin James fordert von den Trumps 250 Millionen Dollar zurück und verlangt, dass sie in New York nie wieder ein Unternehmen leiten sowie innerhalb von fünf Jahren keine Immobilien erwerben sollen. Donald Trump keilt am heftigsten zurück: Die schwarze Staatsanwältin sei eine „Rassistin“ und „Betrügerin“.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag mit freundlichen Menschen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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Der langjährige Wirecard-Vorstandschef sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft.
Foto: dpa