Morning Briefing: Viel Sprengstoff beim Inflationsgipfel im Kanzleramt
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
dass schon wieder ein Halbjahr vorbei ist und die Abende der lauen Lüfte kommen, merkt man an der einsetzenden Welle der „Sommerinterviews“. ARD und ZDF begannen ihre sommerlichen Etüden am gestrigen Sonntag mit zwei Spitzen des Staates, die sich wegen der Gaskrise um das soziale Wohl des Volkes sorgen. Im Ersten benannte Bundeskanzler Olaf Scholz die steigenden Energiekosten als „sozialen Sprengstoff“: Viele könnten es nicht bewältigen, wenn die Heizkostenrechnung plötzlich um Hunderte Euro steige. Er selbst halte es aber nicht damit, nur noch kalt zu duschen.
Im Zweiten scharwenzelte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um die Entlastungsmaßnahmen der Regierung seines Parteifreundes herum, um irgendwie doch mehr zu fordern: „Die Pakete, die es bisher gegeben hat, waren gut, waren notwendig. Aber man wird die Situation weiter im Auge haben und Instrumente überlegen müssen, wie man insbesondere den Geringverdienern das Leben erleichtert.“ So ist der Ton gesetzt für die Wiederbelebung der „Konzertierten Aktion“, die man einst aus der Bonner Republik so gut kannte, mit Karl Schiller und Franz Josef Strauß, mit „Plisch und Plum“.
Totgesagte leben länger, aber haben sie auch etwas beizutragen? Heute werden im Kanzleramt Vertreter von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, der Wissenschaft und der Bundesbank mit Initiator Scholz über Aktionen gegen die „Putin-Inflation“ beraten. Vor allzu großen Erwartungen sei gewarnt – hier gilt schon als Erfolg, dass man miteinander redet, sozusagen ein Erstrundeneffekt. Denn das Schlimmste für die meisten in der Runde wären steigende Inflationserwartungen und der „Zweitrundeneffekt“ einer Lohnpreisspirale.
Die neue DGB-Chefin Yasmin Fahimi hat das Gespräch in „Bild am Sonntag“ mit dem Vorschlag eines Energiepreisdeckels für Arbeitslose, Rentner und Studierende belebt. Und sie regte an, die für 2023 geplante Erhöhung des CO2-Preises auszusetzen. Zur „Zeitenwende“ des neuen Kalten Kriegs gehört offenbar auch, der Klimapolitik ein Downgrade zu verpassen.
Erklärtes Ziel der Regierung ist es, Unternehmen wie den Gashändler Uniper zu schützen. Uniper ist eine in finnischem Besitz befindliche Firma, die einst zu jenem Eon-Konzern gehörte, der die deutsche Abhängigkeit vom russischen Erdgas maßgeblich gefördert hat. Scholz erinnert in Sachen Uniper an die großzügigen Coronahilfen des Staates für die Lufthansa, wo man ja auch eingeschritten sei.
Ein gutes Beispiel ist dies angesichts des Chaos an den Flughäfen und der Unfähigkeiten der Lufthansa nicht. CEO Carsten Spohr bekannte selbst, man habe es womöglich mit dem Sparen übertrieben – und muss sich am Mittwoch einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung stellen, wie wir erfahren haben. Wie kann auch ein Kontrolleur ruhig bleiben, wenn er erfährt, dass die verschreckten Kunden nun lieber Bahn buchen als sich in ein Flugzeug von Lufthansa – oder, noch schlimmer, Eurowings – zu setzen.
Immer mehr bewahrheitet sich, was Daniel Kassa Mbuambi, Chef der Kabinengewerkschaft UFO, analysierte: „Vor lauter Anstrengung zur Gesundschrumpfung hat Lufthansa ganz klar versäumt, die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen adäquat zu lizenzieren. Die fehlen jetzt.“ Sie fehlen genauso wie der fünfte Stern, der diese Airline einmal vor ihrem Missmanagement geziert hatte.
Wie aus einer versunkenen, glorreichen Zeit wirken da eigentlich recht aktuelle Zahlen zu den deutschen Vermögensverwaltern, die der Beratungskonzern McKinsey präsentiert. Danach verdienten die Asset-Management-Firmen hierzulande 2021 so viel Geld wie noch nie: sagenhafte 4,4 Milliarden Euro. 2020 war rund eine Milliarde weniger Gewinn angefallen.
Doch es war ein Jahr, in dem Wladimir Putin seine Truppen nur sortierte, nicht losschlagen ließ. Ein Jahr, in dem noch keine galoppierende Inflation die Zinswende brachte und damit ein Ende des „Deal-Fiebers“ sowie den Anfang einer Börsenbaisse. Denn auch das gehört zur neuen Realität: 2022 droht angesichts fallender Aktienmärkte ein Rückgang des Geschäfts der deutschen Vermögensverwalter von bis zu 25 Prozent. So gehen zum einen die Einnahmen aus Erfolgsgebühren zurück (es gibt ja kaum welche), andererseits expandieren die preiswerten, passiven Anlagen der ETF-Branche munter weiter.
Dänemark steht unter Schock, nachdem ein Mann am frühen Sonntagabend in einem Kopenhagener Einkaufszentrum drei Menschen mit einer Langwaffe getötet und zudem drei weitere schwer verletzt hat. In der Nähe des Tatorts nahm die Polizei einen 22-jährigen Dänen fest. Es soll kein politisches Motiv geben. Ein ausverkauftes Konzert des britischen Sängers Harry Styles, das in einer nahen Mehrzweckhalle stattfinden sollte, wurde abgesagt. Und die dänische Königsfamilie strich einen Empfang, der anlässlich der Tour de France geplant war, die diesmal auch durch das skandinavische Land fährt.
Nun ist die größte ökonomische Fehlspekulation in der Geschichte der katholischen Kirche offiziell. Die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls namens APSA teilt mit, eine Immobilie im Londoner Stadtteil Chelsea für 186 Millionen Pfund (rund 216 Millionen Euro) an das amerikanische Finanzhaus Bain Capital verkauft zu haben. Ursprünglich hieß es noch, die Amerikaner würden mehr als 230 Millionen Euro für das ehemalige Werkstattlager der Warenhauskette Harrods bezahlen. Offenbar aber waren Preisnachlässe fällig. Das Staatssekretariat des Vatikans hatte für das Gebäude zwischen 2014 und 2018 rund 350 Millionen Euro ausgegeben – somit muss der Vatikan 134 Millionen Euro abschreiben.
Wegen des Skandals läuft ein Verfahren gegen den geschassten verantwortlichen Kardinal Giovanni Angelo Becciu, der Gelder des von Gläubigen gespendeten „Peterspfennig“ für den Chelsea-Bau verwendet haben soll. Auch einige andere ehemalige Geldmanager des Heiligen Stuhls müssen sich gerichtlich verantworten. Papst Franziskus ist nach außen als Seelentröster, nach innen als Sanierer gefragt.
And then there are the Liberal Democrats of Germany, who think of themselves as the country’s change agents. The party is now suggesting to add English as a second administrative language: one of these great ideas, die „Königsweg“ heißen, weshalb wir bei der neuen Zweisprachigkeit einfach mal spontan mitmachen. Alles „roger“ also, schließlich muss man am Prenzlauer Berg auch in jeder zweiten Kaffeebar auf Englisch ordern.
Der Vorschlag entstammt einem Papier zur modernen Einwanderungspolitik, das Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger and Johannes Vogel, Deputy Leader der FDP, erarbeiteten. „Language is the key to a successful integration“ könnte man eine These übersetzen, weshalb die Sprachförderung für ausländische Professionals auszubauen ist. Auch soll Englisch in den Amtsstuben den Behördengang erleichtern, aber, oh well, versteht der Amtsschimmel alles richtig? Am heutigen Montag stimmt das Party Executive Committee über das Zehn-Punkte-Papier ab.
Es ist irgendwie revolutionär, denn selbst Politiker wagen sich eher selten an Reden, Interviews oder Statements auf Englisch. FDP-Legende Hans-Dietrich Genscher hinterließ übrigens ein sehr schönes Sprach-Bonmot: „Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht.“
Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Start in die Woche, work it out.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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