Junge Wähler: „Kontrolle über politische Bildung an Social Media abgegeben“
Berlin. Heidi Reichinnek steht am Rednerpult des Bundestags. „Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Fraktion mit Rechtsextremen paktiert“, schimpft die Spitzenkandidatin der Partei Die Linke in Richtung CDU. Es ist der 29. Januar, der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hatte kurz zuvor gemeinsam mit der in Teilen rechtsradikalen AfD für einen Migrationsantrag gestimmt.
Ein Video des Auftritts bescherte Reichinnek Millionen Klicks in den sozialen Medien. Allein auf der Social-Media-Plattform Tiktok bekam es mehr als 800.000 Likes, auf Instagram sind es mehr als 280.000.
Experten sehen diesen viralen Erfolg als maßgeblich für den Wahlerfolg der Linken bei der Bundestagswahl, sie erzielte fast neun Prozent der Stimmen. Besonders gut schnitt die Partei bei jungen Wählerinnen und Wählern ab: Bei den 18- bis 24-Jährigen ist sie mit 25 Prozent die beliebteste Partei. Auf dem zweiten Platz folgt allerdings AfD mit 20 Prozent. Wie passt das zusammen?
„Unter jungen Wählern beobachte ich eine Spaltung, die es schon früher in Ostdeutschland gegeben hat“, sagt Jugendforscher Simon Schnetzer dem Handelsblatt. Die Frage, warum gerade die Ränder bei den jungen Wählern so stark waren, beantwortet der Experte mit der sogenannten „Pendeltheorie“: Laut ihr ist die Reaktion auf ein Extrem meist ein anderes Extrem. „Wenn es eine starke Rechte gibt, kann man nicht in der Mitte sein, sondern entweder links oder rechts“, erklärt Schnetzer.
Polarisierend und anschlussfähig
Der zweite Grund sei Erfolg in sozialen Medien. „Junge Menschen informieren sich überwiegend über die Sozialen Medien über Politik und Nachrichten“, sagt der Jugendforscher. Die zwei Parteien, die dort am aktivsten und am erfolgreichsten seien, seien die AfD und die Linke. „Ihnen kommt zugute, dass sie mit Themen arbeiten, die polarisieren.“ Unter anderem mit der Merz-Abrechnung von Reichinnek.
Dabei müssen die Themen und Botschaften auch anschlussfähig sein, gibt Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent zu bedenken. Und: „Man braucht auch das entsprechende Personal und eine Glaubwürdigkeit, um in sozialen Medien authentisch und emotional mobilisieren und nicht peinlich oder verlogen zu erscheinen.“ Das sei für die Opposition immer einfacher als für regierende Parteien, so Quent.
„Junge Menschen wählen, weil bestimmte Themen und Sorgen sie umtreiben“, führt Jugendforscher Schnetzer weiter aus. Die Top-Themen für sie waren bei dieser Wahl: Krieg, Zuwanderung, Inflation und die Sorge um den Wohlstand. „Die Sorge um den Wohlstand ist ein so drängendes Problem, weil es tagtäglich erlebbar ist“, sagte Schnetzer. Gerade junge Menschen fühlten sich in dieser Sorge aber nicht abgeholt. „Was die AfD sehr erfolgreich macht, ist nicht die Lösungen versprechen, sondern die Probleme beim Namen nennen.“
Deutlicher Themenwechsel seit 2021
Die Themen des Wahlkampfes seien 2025 zudem deutlich andere gewesen, als bei der vorigen Bundestagswahl, erklärt Schnetzer. 2021 waren bei jungen Wählern durch die Coronapandemie die liberalen Themen Freiheit und Eigenverantwortung groß. Auch die Klimabewegung „Fridays for Future“ war sehr präsent und Klimawandel eine große Sorge.
„Damit waren auch die Grünen bei den jungen Wählern bei der letzten Bundestagswahl gesetzt“, sagte Schnetzer. 2025 haben die Grünen bei den 18- bis 24-Jährigen laut Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap nur noch zehn Prozent der Stimmen bekommen. Das ist ein Minus von 13 Prozentpunkten im Vergleich zu 2021.
Noch stärker wurde die FDP von jungen Wählern abgestraft: Sie verlor in der Altersgruppe 17 Prozentpunkte. „Lindner war ein totaler Sympathieträger bei der letzten Wahl und hat sich selbst ins Knie geschossen“ sagte Schnetzer. Er habe auf seinen Positionen beharrt, doch das habe für viele junge Leute Stillstand bedeutet.
Die SPD erzielte bei den 18- bis 24-Jährigen zwölf Prozent der Stimmen. Die Union erhielt 13 Prozent.
„Junge Menschen sehen häufig prinzipielle Unterschiede und Konflikte besonders klar und dringlich“, analysiert Quent. Für Ausgleich, Kompromisse und langwierige demokratische Aushandlungen würden ihnen mitunter die Geduld fehlen, so der Rechtsextremismus-Experte. Das habe den vorigen Regierungsparteien geschadet, die in der Ampel-Koalition viele Kompromisse eingehen mussten.
Erfolgreiche Basisarbeit
Die Linke konnte laut Quent auch aus dem vorigen Grünen-Milieu Wähler mobilisieren, „auch mit einer starken Klimaschutzprogrammatik“. Außerdem habe die politische Linke ein großes jugendkulturelles Vorfeld, etwa in der Musik- und Klubszene, das die Linkspartei nach der Trennung der ehemaligen Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht mobilisieren könnte, so Quent. Auch beim Haustürwahlkampf sei sie erfolgreich gewesen.
Historisch hätten faschistische Bewegungen schon immer die erneuernde Kraft der Jugend angerufen, erklärt Quent. „Auch auf der linken Seite waren junge Menschen schon immer ein wichtiger Treiber sozialer Bewegungen.“
Bei der Wahl der politischen Richtung sieht Quent Unterschiede vor allem entlang der Bildungsmilieus. „Formal weniger gut gebildete junge Menschen tendieren nach rechts, besser Gebildete nach links“, analysiert er. Wolle man diese Spaltungen reduzieren, brauche es große Anstrengungen in gerechtere und bessere Bildung. „Junge Menschen bekommen in erster Hand mit, wieviel Schulunterricht ausfällt, wie schlecht der öffentliche Nahverkehr ist, wie teuer es ist, in eine eigene Wohnung zu ziehen, den Lebensunterhalt zu bestreiten und was bei der Integration nicht gut funktioniert“, erklärt er.
Das Manöver von Merz, sich beim Thema Migration thematisch der AfD anzunähern, hält Jugendforscher Schnetzer für falsch. „Die Wahlforschung zeigt deutlich: Wenn man sich der Themen der Extremen annimmt, verliert man in der Regel. Genau das zeigen auch die Wahlbewegungen.“
Schnetzer plädiert stattdessen auf eine Absenkung des Wahlalters auf 14 Jahre, um junge Menschen in der Schule noch mit relevanter politischer Bildung zu erreichen. „Diese Wahl zeigt, dass wir die Kontrolle über politische Bildung an Social Media abgegeben haben“, sagte Schnetzer. Es brauche eine Debatte über politische Bildung.
Der Jugendforscher hält die Wahlergebnisse der jungen Wähler für alarmierend: „Wir sollten uns Sorgen um die Demokratie machen.“ Der Auftrag für die kommende Regierung sei klar: Sie solle „Ergebnisse liefern, die Gesellschaft zusammenbringen und Demokratie als Mehrwert erlebbar machen“.