Friedrich Merz: Bis heute eine konservative Projektionsfläche
Berlin. Die dramatische Abstimmung im Bundestag am Mittwoch zur Flüchtlingspolitik konnte Volker Resing nicht mehr berücksichtigen. Wer aber verstehen will, was Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz bewogen hat, drei Wochen vor der Bundestagswahl zwei Anträge und einen Gesetzentwurf zur Abstimmung zu stellen, kommt an der Biografie „Friedrich Merz - Sein Weg zur Macht“ aus dem Herder-Verlag nicht vorbei.
Akribisch beschreibt der Cicero-Journalist die Stärken, aber auch die Schwächen. Auf 224 Seiten geht der Autor detailliert auf die „drei Leben“ des Kanzlerkandidaten ein. Die erste Phase reicht von 1994 bis 2009, ein Weg mit vielen Höhen und Tiefen, an dessen Ende der Bruch mit Angela Merkel stand. Ohnehin drängt sich der Eindruck auf, dass die Biografie von Merz ohne die Biografie Merkels nicht zu verstehen ist.
Beide starteten als Reformer in der CDU, doch Merkel schlug nach dem knappen Wahlsieg 2005 eine andere Richtung ein. Merkel wählte den Weg der moderierenden Politik, Merz blieb bis heute eine konservative Projektionsfläche, er polarisiert und geht Konflikten wie in der Flüchtlingspolitik nicht aus dem Weg. „Er ist schonungslos rigoros“, beschreibt ein Freund von Merz diesen Wesenszug.
In seinem zweiten Leben wurde Merz ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der es laut Resing zum Millionär gebracht hat. Auch seiner Tätigkeit bei Blackrock widmet Resing ein ganzes Kapitel. Skandalöses findet sich in dem Buch aus dieser Zeit nicht. Auch wenn ihm seine Wirtschaftserfahrung als Anwalt und bei der US-Investmentgesellschaft bis heute von seinen politischen Gegnern vorgeworfen wird.
In seinem dritten Leben hat Merz ein unglaubliches Comeback hingelegt. Erst im dritten Anlauf schaffte er den Sprung an die Spitze der CDU, dafür ging die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur überraschend glatt über die Bühne. Ob es ein „viertes Leben“ als Bundeskanzler geben wird, ist offen. Eine Vorentscheidung könnte bereits am Freitag im Bundestag bei der Abstimmung über einen Gesetzentwurf zur Flüchtlingspolitik fallen.
