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Reinhold von Eben-Worlée im InterviewFamilienunternehmer-Präsident sorgt sich um die EZB – und die Bundesbank: „Frau Lagarde sitzt in der Falle“

Die Familienunternehmer sehen mit Sorge den Rückzug von Bundesbank-Präsident Weidmann. Für Reinhold von Eben-Worlée sollte die Nachfolge „Falke“ statt „Taube“ sein.Thomas Sigmund 28.10.2021 - 09:42 Uhr Artikel anhören

Nach Ansicht des Familienunternehmer-Präsidenten hat die unheilvolle Vermischung von Fiskal- und Geldpolitik Europa global nicht nach vorn gebracht und die Gräben innerhalb der EU vertieft.

Foto: imago/Jürgen Heinrich

Die Familienunternehmer sehen den Rückzug von Jens Weidmann an der Spitze der Bundesbank mit Sorge. „Weidmanns Rückzug ist ein Fanal, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldwertstabilität nicht ernst nimmt“, sagte Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“ dem Handelsblatt.

Der Unternehmer ist sich sicher: „Ohne den Mahner Weidmann wäre die EZB noch schneller und noch kräftiger in die verdeckte Staatsfinanzierung und andere politische Aufgaben vorgedrungen, die eigentlich gewählten Parlamenten und Regierungen obliegen, statt sich auf die Geldwertstabilität zu konzentrieren.“

Eben-Worlée forderte die kommende Bundesregierung auf, sehr gründlich zu überlegen, was sie angesichts der aufziehenden Inflation für die Stabilität des Euros tun muss und wen sie daraufhin an die Spitze der Bundesbank beruft. „Vor allem die SPD sollte bedenken: Inflation trifft die Arbeitnehmer immer am härtesten“, sagte er.

Eben-Worlée wünschte sich als Nachfolger von Weidmann „definitiv jemanden aus dem Team „Falke“ statt „Taube“. Erstens seien schon zu viele Tauben in der EZB, zweitens wird die Geldwertstabilität zu einem der wichtigsten Themen der nächsten Jahre. Weidmann galt als Falke, da er für eine strengere Geldpolitik eintrat.

Die Familienunternehmer kritisieren seit Langem, dass die EZB ihr Mandat immer weiter auslegt. Nach Ansicht von Eben-Worlée hat die unheilvolle Vermischung von Fiskal- und Geldpolitik Europa global nicht nach vorn gebracht und die Gräben innerhalb der EU vertieft.

„Während Liquidität mikro- und makroökonomisch durch die endlose Bazooka aus Frankfurt für nahezu alles vorhanden ist, steigen die Preise. Frau Lagarde und ihr Direktorium sitzen in der Falle, in der sie gleichwohl von vielen Applaus erhalten“, sagte er.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Eben-Worlée, die Bundesbank braucht nach dem Rückzug von Jens Weidmann eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten. Wie wichtig ist die Personalie aus Sicht der Familienunternehmer?
Enorm wichtig. Diese Personalie ist alles, was noch von dem Versprechen übrig ist, dass der Euro so stabil sein wird wie die D-Mark. Anders als die Finanzmärkte haben Familienunternehmer vor allem die langfristigen Risiken im Blick, weil sie – wie auch die Bürger – voll in Haftung genommen werden, sobald die Blasen platzen oder die Staaten ihre Schulden nicht mehr tragen können. Daher ist eine starke Bundesbank, die auf Geldwertstabilität achtet, so wichtig.

Die Geldpolitik macht doch aber die Europäische Zentralbank (EZB). Da ist die Bundesbank nur ein Teil davon…
Ein gewichtiger Teil. Ohne den Mahner Jens Weidmann wäre die EZB noch schneller und noch kräftiger in die verdeckte Staatsfinanzierung und andere politische Aufgaben vorgedrungen, die eigentlich gewählten Parlamenten und Regierungen obliegen, statt sich auf die Geldwertstabilität zu konzentrieren. Weidmanns Rückzug ist ein Fanal, dass die EZB die Geldwertstabilität nicht ernst nimmt.

Bundesbank-Präsident Weidmann stand dort mit seinem Stabilitätskurs oft auf verlorenem Posten…
Der wichtigere Aspekt ist, ob der Bundesbank-Präsident bei einem falschen Kurs der EZB das Tempo drosseln kann. Häufig genug hat ihm die Rückendeckung der Bundesregierung gefehlt, wenn Union und SPD die Aufweichung des Wachstums- und Stabilitätspaktes auf europäischer Ebene billigend in Kauf genommen und sogar vorangetrieben haben. Die kommende Bundesregierung sollte sehr gründlich überlegen, was sie angesichts der aufziehenden Inflation für die Stabilität des Euros tun muss und wen sie daraufhin an die Spitze der Bundesbank beruft. Vor allem die SPD sollte bedenken: Inflation trifft die Arbeitnehmer immer am härtesten. 

„Falke“ statt „Taube“ als Weidmann-Nachfolge

Sie haben sicherlich auch die Berichterstattung über die möglichen Nachfolger von Jens Weidmann gelesen. Wer käme denn aus Ihrer Sicht am ehesten für den Posten infrage?
Definitiv jemand aus dem Team „Falke“ statt „Taube“. Erstens sind schon zu viele Tauben in der EZB, zweitens wird die Geldwertstabilität zu einem der wichtigsten Themen der nächsten Jahre. Es kursiert bereits das Stichwort einer Greenflation.

Einige Ökonomen argumentieren, dass es noch nie so günstig gewesen sei, sich angesichts des billigen Geldes zu verschulden, um dann in die Zukunft investieren zu können. Stimmt das?
Auf den ersten Blick stimmt das Argument des „easy money“ für Betriebe und für Staaten. Staatlicherseits führt das billige Geld aber keineswegs zu einer effizienten Mittelverwendung. Die Staatsausgaben sind überall explodiert. Europas Wettbewerbsfähigkeit wird aber durch völlig unmoderne Verwaltungen, überholte Prozesse, hohe Steuern- und Abgabenlast und den Fachkräftemangel zurückgeworfen. Dass es den Staaten an Geld für sinnvolle Investitionen fehlt, ist eine Mär. Gesellschaftlich werden die sozialen Verwerfungen durch das billige Geld überall größer: Nur wer ohnehin schon genug Eigenkapital hatte, konnte sich mit den billigen Schulden Immobilien oder ganze Unternehmen kaufen. Die kleinen Sparer dagegen zahlen die Zeche.

Der EU-Rettungsfonds ESM hat kürzlich vorgeschlagen, die Verschuldung eines Landes von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 100 Prozent zu erlauben. Was halten Sie davon?
Der Vorschlag blendet völlig die politische Haftung aus. Solange die EZB den Staaten ermöglicht, für ihre Staatsschulden keine Zinsen zahlen zu müssen, wird auch bald die 100-Prozent-Marke übersprungen. Europa mangelt es ja nicht an öffentlichen Geldern. Die europäische Wettbewerbsfähigkeit schwindet eher aufgrund ineffizienter Verwaltungen, aufgeblähter Staatsapparate und langer Entscheidungsprozesse. Den Euro-Staaten noch mehr Schulden einzuräumen würde nur die Divergenz innerhalb der Euro-Zone vorantreiben und die Stabilität der Euro-Zone weiter untergraben.

Ein geeigneter Finanzminister

Zwei der führenden amerikanischen Ökonomen, Adam Tooze und Joseph Stiglitz, warnen davor, FDP-Chef Christian Lindner den Posten des Bundesfinanzministers zu überlassen.  Angesichts der europäischen und globalen Herausforderungen dürfe es keine Rückkehr zu einem Sparkurs geben, wie er der FDP vorschwebe.  Was halten Sie von dieser Argumentation?
Christian Lindner und die FDP stehen für hohe wirtschaftliche Kompetenz und für ein Bekenntnis zu ordnungspolitischen Zusammenhängen. Im Moment wird der Versuch unternommen, diese Haltung als überholt und unmodern abzutun. Christian Lindner hat verstanden, dass Deutschland nicht aus Mangel an öffentlichen Geldern zur „lame duck“ geworden ist.

Wäre Robert Habeck von den Grünen die bessere Wahl als Bundesfinanzminister?
Wir beurteilen die Inhalte, und da stehen die Grünen vor allem auf der europäischen Ebene nicht für die Idee, mit erwirtschaftetem Steuergeld auszukommen. Direkt nach dem auf gemeinschaftlichen Schulden basierenden „Next Generation EU“-800-Milliarden-Euro-Paket haben die Grünen die Überwindung der Einmaligkeit des Projekts und die Schaffung eines neuen Milliarden-Topfes für grüne Investitionen gefordert. Herr Habeck hat noch nicht gezeigt, dass er diese Denkmuster kritisiert.

Wie schätzen Sie die Gefahr der Inflation ein?
Natürlich haben wir es mit vielen Einmaleffekten zu tun, aber strukturell werden wir einen weiteren starken Anstieg vieler Preise sehen. Stark gestiegene Preise für Energie und Wohnen – Letzteres übrigens auch als Folge der seit Jahrzehnten lockeren Geldpolitik – betreffen alle Menschen. Für viele Betriebe stellen sich angesichts der galoppierenden Energiepreise existenzielle Fragen. Da das alles verbunden ist mit vielen politisch verursachten Wachstumsbremsen, halte ich eine Stagflation für ein realistisches Szenario. Die EZB will es nicht wahrhaben, aber mit ihrem Kurs des dauerhaften Quantitative Easings plus Niedrigzinsen auch in wirtschaftlich guten Zeiten hat sie mitgeholfen, dass die überschüssige Liquidität jetzt die Preise treibt.

Die EZB-Direktorin Lagarde und ihr Direktorium sitzen in der Falle, meint Eben-Worlée.

Foto: Reuters
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Die EZB sieht das bislang nicht so dramatisch.
Dass die EZB ihr Mandat immer weiter auslegt, kritisieren wir seit Langem. Die unheilvolle Vermischung von Fiskal- und Geldpolitik hat Europa global nicht nach vorn gebracht und die Gräben innerhalb der EU vertieft. Während Liquidität mikro- und makroökonomisch durch die endlose Bazooka aus Frankfurt für nahezu alles vorhanden ist, steigen die Preise. Frau Lagarde und ihr Direktorium sitzen in der Falle, in der sie gleichwohl von vielen Applaus erhalten.

Werden die Preise im kommenden Jahr wieder sinken?
Sicherlich bezogen auf die Einmaleffekte. Was die globalen Lieferengpässe angeht, ist das keineswegs ausgemacht. Andere von der EZB zu verantwortende Preissprünge kommen dann on top. Eine Situation, die sehr schnell außer Kontrolle geraten kann. Auf den nächsten Bundesbank-Präsidenten kommen schwere Zeiten zu.

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