Rüstung: Was der Taurus kann – und wie er besser werden soll
München. Mehr Reichweite und bessere Elektronik: Die Bundeswehr plant, den Marschflugkörper Taurus weiterzuentwickeln. 450 Millionen Euro lässt sich die Bundesregierung die Modernisierung des Waffensystems kosten.
Das Geld fließt in neue Einsatzmöglichkeiten und den Aufbau einer neuen Fertigungslinie, denn die Bundeswehr will ihr Arsenal an Marschflugkörpern erweitern. Es geht um die Fähigkeit, „Precision Strikes“ zu führen. Mit der Möglichkeit solcher „Präzisionsschläge“ soll ein potenzieller Gegner davon abgehalten werden, Deutschland oder seine Nato-Verbündeten anzugreifen.
Was ist der Taurus?
Der Taurus ist ein rund fünf Meter langer Flugkörper mit Sprengkopf und eigenem Antrieb. Sein Zweck ist das Zerstören von Bunkern und Kommandostellen tief im Hinterland eines Gegners. Dazu verfügt sein Sprengkopf über mehrere Komponenten und kann so meterdicke Betonwände durchbrechen. Er wird von einem Flugzeug abgesetzt und kann Ziele metergenau treffen. Anders als Raketen folgt der Taurus keiner linearen Flugbahn. Stattdessen fliegt der Taurus extrem tief und kann auf dem Weg zum Ziel Radaren und Hindernissen ausweichen.
Die Reichweite des Taurus soll rund 500 Kilometer betragen. Sie hängt aber davon ab, wo er von seinem Trägerflugzeug abgesetzt wird und welche Umwege und Ausweichmanöver er fliegt. Diese Fähigkeit und seine große Durchschlagskraft machen ihn zu der stärksten Waffe der Bundeswehr. Außer Deutschland haben auch Schweden, Spanien und Südkorea den Taurus in ihrem Bestand.
Wie viele Taurus-Raketen hat die Bundeswehr?
Die Bundeswehr soll Industriekreisen zufolge rund 600 Stück in ihren Depots lagern. Die Stückkosten der bestehenden Version lagen bei der Beschaffung 2005 bei rund einer Million Euro. Zu Beginn des Ukrainekriegs waren noch rund 150 Stück einsatzbereit, weil aus Kostengründen nur ein Teil technisch auf dem neuesten Stand gehalten wurde. Diese Arbeiten werden nun nachgeholt, sodass nun wieder mehr als die Hälfte einsatzbereit sein soll. Ziel ist es, den gesamten Bestand bis in das Jahr 2045 permanent modernisiert zu halten.
Warum bestellt die Bundeswehr einen Taurus neo?
Die Nato will mit der Möglichkeit von Präzisionsschlägen, Russland von einem Angriff abhalten. Um diese Fähigkeit auszubauen, soll der Taurus zum Taurus Neo weiterentwickelt werden. Die Details der neuen Version halten die Bundeswehr und der Hersteller MBDA geheim. Sicher ist, dass die Elektronik und die Navigation modernisiert werden, denn die bisherigen Systeme wurden um die Jahrtausendwende entwickelt.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Taurus mit Täuschkörpern auszustatten, die hohe Hitze entwickeln und Abfangraketen mit Infrarotsensoren in die Irre führen. Möglich sind auch Verbesserungen am Antrieb, um die Reichweite und Manövrierfähigkeit zu erhöhen. Äußerlich dürfte der Taurus Form und Gewicht halten, damit keine Anpassungen an seinen Trägerflugzeugen vorgenommen werden müssen.
Welche Flugzeuge können Taurus tragen?
Mit einem Gewicht von 1,3 Tonnen können nur leistungsstarke Kampfjets den Taurus aufnehmen. Bei der Bundeswehr war der Taurus zunächst für den Tornado ausgelegt, der aber 2030 ausgemustert wird.
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Deshalb arbeitet die Bundeswehr mit Airbus Defence daran, den Eurofighter für den Einsatz des Marschflugkörpers umzurüsten. Zusätzlich können die US-Modelle F14 und F18, aber auch die Saab Gripen den Taurus tragen. Diese Modelle werden von der deutschen Luftwaffe nicht geflogen.
Wie leistungsfähig ist der Taurus gegenüber Storm Shadow, Scalp und Tomahawk?
Großbritannien und Frankreich haben mit dem Storm Shadow und dem Scalp ähnliche Modelle im Arsenal. Anders als der Taurus sind beide Waffen an die Ukraine geliefert worden und werden gegen russische Ziele eingesetzt.
Zwei Eigenschaften machen den Taurus im Vergleich zu den Pendants besonders. Zum einen ist der Taurus weniger störanfällig, weil er mithilfe von Bilderkennung auch ohne GPS-Daten sein Ziel finden kann. Das ist wichtig, weil Russland in der Lage ist, die Signale des Navigationssystems zu stören oder zu verzerren. Zum anderen kann der Taurus mit seinem Mehrfachsprengkopf Bunker über mehrere Stockwerke durchschlagen.
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Diese Fähigkeit haben sonst nur amerikanische Waffensysteme wie der Tomahawk. Dieser wird in der Regel von Schiffen verschossen und fliegt mit mehr als 1000 Kilometern doppelt so weit wie der Taurus. Deshalb will die Bundeswehr ihre Fregatten jetzt auch mit amerikanischen Tomahawks ausrüsten.
Für die Zukunft plant das europäische Gemeinschaftsunternehmen MBDA eigene Systeme mit Reichweiten wie die Tomahawks. Der Taurus bietet eine Grundlage für die europäische Eigenentwicklung.
Kann man den Taurus-Marschflugkörper abfangen?
Marschflugkörper abzufangen, ist die schwierigste Aufgabe für jede Luftverteidigung. Der Taurus gilt als besonders ausgefeilt, denn er fliegt in weniger als 50 Metern über dem Boden mit rund 900 Kilometern in der Stunde.
Der Flugkörper nutzt für seine Navigation neben GPS-Daten auch Kameras, Radare und Infrarotsensoren, die ständig seine Lage und Flugbahn kontrollieren. Dabei passt der Taurus seinen Flug eigenständig dem Gelände an und nutzt Gebäude oder Erhebungen, die ihm Deckung vor Radarstrahlungen bieten. Bodenradare können ihn deshalb in seinem Anflug kaum erkennen. Erst in der allerletzten Flugphase geht er kurz in die Höhe („Pop-up“), um sich dann in einem sehr steilen Winkel auf sein Ziel zu stürzen.
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Abwehrsysteme konzentrieren sich daher meist auf diese letzte Flugphase, wenn der Taurus aus der Deckung kommt. Russland verfügt mit den Systemen S-300 und S-400 und dem Pantsir-S1/S2 für den Nahbereich über eine sehr moderne Flugabwehr. Doch auch sie dürften Probleme haben, einen anfliegenden Taurus rechtzeitig zu erkennen und abzuschießen. Vor allem, wenn er wie der Taurus Neo mit zusätzlichen Selbstschutzsystemen wie Täuschkörpern arbeitet.
Warum ist die Lieferung an die Ukraine so umstritten?
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bat Deutschland in den Jahren 2023 und 2024 mehrfach um die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern. Selenskyj hoffte, mit dem Taurus Ziele wie die Krim-Brücke treffen zu können.
Doch der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lehnte mit der Begründung ab, eine Taurus-Lieferung könnte zu einer unkalkulierbaren Eskalation führen und Deutschland womöglich in den Krieg mit Russland ziehen. Auch sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU), der in der Opposition noch vehement die Lieferung gefordert hatte, liefert bis heute keinen Taurus an die Ukraine.
Scholz begründete seine Weigerung konkret mit dem Umstand, dass der Taurus bei der Zielprogrammierung von deutschen Soldaten bedient werden müsse, was von Russland als direkte Kriegsbeteiligung gewertet werden könnte. In Sicherheitskreisen wurde zudem auch immer wieder auf die hohe Reichweite und die hohe Durchschlagskraft des Taurus verwiesen, die Russland zu unvorhergesehenen Reaktionen treiben könnten.
Statt den Taurus zu liefern, will Deutschland der Ukraine jetzt helfen, eigene Marschflugkörper zu entwickeln. Tatsächlich hat die Ukraine mit dem Flamingo ihre erste eigenentwickelte Waffe im Einsatz, die bereits mehrfach erfolgreich russische Öl- und Munitionslager angegriffen hat. Deutschland unterstützt die Entwicklung von Langstreckenwaffen seit Mai 2025 technisch und finanziell.
Dieser Artikel erschien bereits am 18.12.2025. Der Artikel wurde am 16.1.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.