Verteidigung: Stell dir vor, es ist Zeitenwende – und keiner will zur Bundeswehr
Berlin. Großflächige Plakate in U-Bahnhöfen, Pop-up-Karrierelounges, Youtube-Serien über den Alltag der Soldatinnen und Soldaten – die Bundeswehr sucht Personal für die Zeitenwende. „Das Allerwichtigste ist, dass wir ausreichend Frauen und Männer bei der Bundeswehr haben; die richtige Person zur richtigen Zeit auf dem richtigen Dienstposten“, sagte die Wehrbeauftragte Eva Högl diese Woche im Bundestag.
Doch die Bundeswehr, die als Arbeitgeber mit der Privatwirtschaft konkurriert, tut sich schwer damit, genug Leute zu finden. Deshalb soll jetzt einiges anders werden, damit die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiver wird.
Vier Monate lang hat eine von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eingesetzte Taskforce aus Militärs und Zivilisten Vorschläge erarbeitet, wie sich Personal für die Bundeswehr gewinnen und halten lässt. Der knapp 80 Seiten umfassende, geheime Abschlussbericht, der Mitte Dezember fertig war und am 17. Januar dem Verteidigungsausschuss des Bundestags präsentiert wurde, liegt dem Handelsblatt vor.
Wie nötig eine neue Strategie ist, zeigt sich in Högls Jahresbericht für 2022, den das Parlament kürzlich debattierte. Der neue Bericht kommt im März. Die Wehrbeauftragte berichtet darin von Zehntausenden unbesetzten Dienstposten, der Gefahr einer Überlastung der Soldatinnen und Soldaten und hohen Abbrecherquoten. Beim Heer quittierte von den Zeitsoldatinnen und -soldaten, die von Januar bis Mai 2022 eingestellt wurden, fast ein Drittel den Dienst innerhalb der Probezeit.
Mindestens 20.000 Frauen und Männer muss die Bundeswehr jährlich im Durchschnitt rekrutieren, will sie ihre Personalstärke von rund 183.000 Soldatinnen und Soldaten halten. Und die Streitkräfte sollen wachsen.
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Für die voll einsatzbereite Heeresdivision, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der Nato für 2025 zugesagt hat, sollen beispielsweise die Logistik und der Sanitätsdienst aufgestockt werden. Das ursprüngliche Ziel, die Bundeswehr bis 2031 auf 203.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen zu lassen, hat Verteidigungsminister Pistorius längst infrage gestellt.
Taskforce: Rekrutierung bei der Bundeswehr nicht zeitgemäß
Im Bericht der Taskforce finden sich insgesamt 200 Maßnahmen, davon sollen 64 schnell umsetzbare nun realisiert werden. Andere sind eher für die längere Frist gedacht, weil sie beispielsweise Gesetzesänderungen erfordern.
Rasch helfen kann aus Sicht der Expertengruppe beispielsweise eine stärkere Regionalisierung. Kommandeure und andere Führungskräfte an den jeweiligen Standorten sollen mehr dabei mitwirken können, das vor Ort benötigte Personal zu gewinnen, auszuwählen und zu fördern.
Scheuen Interessenten aus der Region den Umzug, kann die Standortleitung ihnen ein Angebot machen, selbst wenn eigentlich alle vorgesehenen Dienstposten besetzt sind. Ermöglicht wird eine Überbesetzung um bis zu 30 Prozent – auch, um den hohen Abbrecherquoten Rechnung zu tragen.
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Für fachliche Tätigkeiten wie beispielsweise die Reparatur und Wartung von Fahrzeugen soll die Bundeswehr nicht darauf warten, dass sich Kfz-Mechatroniker bei ihr bewerben, sondern verstärkt auch selbst ausbilden oder Bewerber nachschulen.
Die Rekrutierung sei noch zu sehr von einem nicht mehr zeitgemäßen „Mindset“ geprägt, „welches einen Überfluss von Bewerbenden mit umfangreichen und durch formale Abschlüsse nachgewiesenen Kenntnissen, Fertigkeiten und Qualifikationen unterstellt“.
Viele Bewerber sind bisher auch deshalb wieder abgesprungen, weil sie nicht bis zum Beginn des nächsten Grundausbildungszyklus warten wollten. Künftig sollen sie jeden Monat mit dem Dienst beginnen können und gegebenenfalls die Zeit bis zur Grundausbildung mit einem Fitnessprogramm überbrücken. Diese Maßnahme sei „von besonderer Bedeutung für den personellen Turnaround im Jahr 2024“, heißt es in dem Bericht.
Mehr Talentförderung, mehr Zulagen
Um die Zahl der Abbrüche zu reduzieren, schlägt die Taskforce vor, Bewerber schon vor Dienstantritt in Netzwerke einzubinden, ihnen beispielsweise einheitliche Ansprechpartner zu bieten. Nach Dienstantritt soll es mehr Talentförderung, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder monetäre Bleibeanreize wie übertarifliche Fachkräftezulagen geben.
Um den Wert der Bundeswehr für die Gesellschaft herauszustreichen, müsse die Truppe in der Öffentlichkeit „wieder erlebbarer und greifbarer“ werden, empfiehlt die Taskforce – auch in den sozialen Medien. Auch soll es künftig nicht mehr vorkommen, dass Interessenten auf ihre Bewerbung monatelang keine Reaktion bekommen. Perspektivisch schlägt die Taskforce vor, den Bewerbungsprozess vom Anfang bis zum Ende zu digitalisieren.
Ob die Maßnahmen am Ende wirklich dabei helfen, die Bundeswehr zu einem attraktiveren Arbeitgeber zu machen, muss sich zeigen. Gründe, warum sich viele Soldatinnen und Soldaten nach kurzer Zeit wieder etwas anderes suchen, gibt es viele: Manche kommen mit den militärischen Umgangsformen nicht klar oder erhalten bessere Angebote aus der freien Wirtschaft.
Die Taskforce habe viele gute und richtige Vorschläge gemacht, sagte die Wehrbeauftragte Högl im Bundestag. Aber man könne noch so viel werben und über Personal diskutieren: Wenn Bewerber in den Kasernen verstopfte Toiletten und verschimmelte Duschen vorfänden oder das Material zum Üben fehle, dann seien sie eben auch ganz schnell wieder weg.