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EnergiekriseDeutschland spart Gas – doch noch immer wird zu viel zur Stromerzeugung verbrannt

In den vergangenen Monaten ging der Einsatz von Gaskraftwerken kaum zurück. Einer der Gründe: Die Verstromung von Kohle als Ersatz scheitert oft an logistischen Hürden.Christoph Herwartz und Klaus Stratmann 12.08.2022 - 14:20 Uhr Artikel anhören

Die erhofften Einsparungen bei der Stromerzeugung in Gaskraftwerken sind in den vergangenen Monaten ausgeblieben.

Foto: dpa

Berlin, Brüssel. Die erhofften Einsparungen bei der Stromerzeugung in Gaskraftwerken sind in den vergangenen Monaten ausgeblieben. Das belegen Zahlen der Bundesnetzagentur (BNA). Danach wurde im Mai und im Juli mehr Strom aus Erdgas erzeugt als in den jeweiligen Vorjahresmonaten. Im Juni 2022 war es lediglich minimal weniger Strom aus Erdgas als im Juni des vergangenen Jahres.

„Wir müssen feststellen, dass die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken seit Beginn der Ukrainekrise kaum zurückgegangen ist. Das ist vor dem Hintergrund der Gasmangellage absolut besorgniserregend, denn es besteht hier die Möglichkeit, durch den verstärkten Einsatz von Steinkohlekraftwerken sehr schnell Entlastung zu schaffen und einer künftigen Notsituation entgegenzuwirken“, sagte Christof Bauer, Energieexperte der TU Darmstadt und Vorsitzender des Energieausschusses im Verband der Chemischen Industrie (VCI), dem Handelsblatt.

Es sei eine „unbedingt sinnvolle Maßnahme“ gewesen, alte Kohlekraftwerke wieder zur Teilnahme am Strommarkt zuzulassen. „Wir müssen nur leider feststellen, dass bereits die existierende Kohlekapazität keineswegs maximal ausgelastet wird“, sagte Bauer.

Der Verband VIK, in dem sich die großen Energieverbraucher aus der Industrie zusammengeschlossen haben, fordert „intensivere Bemühungen der Regierung“, um bei der Stromerzeugung mehr Erdgas einzusparen oder durch andere Energieträger zu ersetzen.

Die VIK-Mitglieder stehen für 80 Prozent des industriellen Energieverbrauchs in Deutschland. Für die Betreiber der Kohlekraftwerke, die aus der Reserve geholt wurden, bestehe zu wenig Planungssicherheit, kritisierte VIK-Geschäftsführer Christian Seyfert. Es müsse eine Marktteilnahme über April 2023 hinaus ermöglicht werden.

Nachfrage nach Strom ist in ganz Europa enorm

Geregelt ist der Einsatz der Kohlekraftwerke, die wieder am Markt teilnehmen dürfen, im Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz, das Mitte Juli in Kraft getreten ist. Es befristet den Einsatz der Kraftwerke und stellt bestimmte Anforderungen an die Bevorratung von Kohle.

Kraftwerksbetreiber nennen im Wesentlichen zwei Gründe dafür, dass die Kohlekraftwerke noch nicht in dem gewünschten Umfang zum Einsatz kommen:

  • Einerseits gebe es enorme logistische Herausforderungen. Die gesamte Logistikkette für den Kohletransport sei mittlerweile lückenhaft, weil die Strukturen bereits an den Kohleausstieg angepasst worden seien. „Das beginnt beim Kranführer in Rotterdam und reicht bis zur Ertüchtigung von Eisenbahnwaggons für den Kohletransport – überall herrscht Mangel“, sagt ein Branchenmanager.
  • Hinzu komme die Stromknappheit in Europa, insbesondere in Frankreich, wo ein großer Teil der Atomkraftwerksflotte stillsteht. „Die Nachfrage ist enorm, das sorgt dafür, dass in Deutschland Gaskraftwerke länger laufen“, heißt es weiter.

Der Gas-Notfallplan der EU verlangt, dass in den kommenden Monaten bis März 2023 der Gaskonsum um 15 Prozent gesenkt wird. Verglichen wird der aktuelle Verbrauch dazu jeweils mit dem mittleren Verbrauch aus den vergangenen fünf Jahren. Deutschland hatte besonders darauf gedrungen, dass die EU-Staaten diesen Beschluss fassen, und will selbst 20 Prozent sparen.

Tatsächlich ging der Verbrauch insgesamt in den vergangenen Monaten schon deutlich zurück. Nach Zahlen, die der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) für das Handelsblatt zusammengestellt hat, lag der Verbrauch im April noch leicht höher als im Fünf-Jahres-Mittel. Im Mai lag er dann aber 26,5 Prozent und im Juni noch immer 19,8 Prozent darunter. Diese Werte beziehen sich allerdings auf den Gasverbrauch in allen Anwendungsbereichen, also in der Industrie, zur Stromerzeugung und zum Heizen.

Nach Überzeugung von Andreas Kuhlmann, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena), besteht beim Einsparen erheblicher Handlungsdruck. „Wir werden nur dann gut durch den Winter kommen, wenn jeder Einzelne ebenso wie Unternehmen so viel Gas wie möglich sparen. Das funktioniert, wenn alle Akteure auch die nötigen Informationen zu Handlungsoptionen haben und kooperativ zusammenarbeiten“, sagte der dena-Chef. Die einzusparenden Gasmengen seien nach wie vor „gewaltig“.

Bedingt durch den erforderlichen Speicherbetrieb in diesem Winter und den wahrscheinlich geringen Speicherstand nach der Heizperiode „werden die Herausforderungen auch für die darauffolgende Heizsaison 2023/24 erheblich sein“, ergänzte er.

Studie: Deutschland könnte unbeschadet über den Winter 2023/2024 kommen

Eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland es mit großen Anstrengungen schaffen kann, im Winter 2023/24 unabhängig von Gaslieferungen aus Russland zu sein, auch wenn über Nord Stream 1 weiterhin nur 20 Prozent der möglichen Kapazität geliefert werden. Die Untersuchung liegt dem Handelsblatt vor.

Um das Ziel zu erreichen, müsse aber „wahnsinnig viel passieren“, sagte Studienautor Patrick Herhold. Eine Annahme ist, dass die Wohnungen tatsächlich weniger warm gehalten werden. „Dass Privatleute ihre Wohnungen um zwei Grad weniger heizen, wäre schon ein massiver Einschnitt. So etwas hatten wir in Deutschland seit Jahrzehnten nicht“, sagte Herhold.

Weitere Annahmen sind, dass andere EU-Staaten ihre Lieferungen nach Deutschland erhöhen, dass das erste deutsche Flüssiggas-Terminal ab Januar genutzt werden kann, die Industrie auf andere Brennstoffe umsteigt, die Kernkraftwerke länger laufen und Klimaschutzmaßnahmen bei der Stromerzeugung, in der Industrie und in Gebäuden schneller als geplant umgesetzt werden.

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Dass all das klappt, ist nicht sicher. Auch bei der Industrie gibt es Bedenken: „Ein Problem ist, dass viele Unternehmen gerade um ihr Überleben bangen und sich darum fragen, ob sich eine Investition in neue Anlagen aktuell lohnt“, sagte Herhold. „Die Stimmung in der Wirtschaft ist teilweise fatalistisch.“

Erstpublikation: 11.08.2022, 11:47 Uhr.

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