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Corona-Pandemie„Wir sind weggerannt wie Flüchtlinge“ – Viele Chinesen wollen ihre Heimat verlassen

Die wiederkehrenden drakonischen Lockdowns im Land zermürben die Bevölkerung. Viele sehen keinen anderen Ausweg, als auszureisen. Doch das ist sehr schwierig.Dana Heide 31.05.2022 - 15:50 Uhr Artikel anhören

Die drastischen Maßnahmen der Regierung treiben nicht nur Ausländer aus dem Land.

Foto: IMAGO/Kyodo News

Peking. Frau Liu hatte Glück. Eigentlich wollte die 44-jährige Chinesin erst Ende März von Schanghai zurück in ihre Wahlheimat New York fliegen. Doch Freunde warnten sie ein paar Tage zuvor vor einem bevorstehenden Lockdown in der ostchinesischen Wirtschaftsmetropole. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte sie ihre Koffer, nahm ihre Eltern mit und fuhr zum Flughafen in Pudong. „Ich habe so etwas noch nie erlebt“, sagt sie, „wir sind weggerannt wie Flüchtlinge“, so Liu, die ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen will.

Liu und ihre Eltern konnten der drakonischen Abriegelung Schanghais, die erst jetzt langsam gelockert wird, knapp entkommen. Rund 25 Millionen Menschen steckten in den vergangenen zwei Monaten in der Stadt fest und durften ihre Wohnung nur in Ausnahmefällen verlassen.

Sie ist in Schanghai aufgewachsen, ihr ganzes Leben hat Liu in der Stadt verbracht. Seit rund vier Jahren lebt sie in New York. Eigentlich hatte sie ihre Eltern nur besuchen wollen, um dann allein wieder in die USA zurückzukehren. Doch Liu entschloss sich, die Eltern kurzerhand mitzunehmen. „Sie hätten sich bei einem Lockdown nicht allein versorgen können“, sagt Liu. „Viele meiner Freunde in Schanghai sagen mir, dass sie raus aus China wollen“, erzählt sie. „Selbst Leute, die ich gar nicht gut kenne, fragen mich, wie ich es rausgeschafft habe.“

Beliebtestes Auswanderungsland ist Portugal

So wie Liu und ihren Freunden geht es derzeit vielen chinesischen Staatsbürgern. Immer mehr würden angesichts der drakonischen Restriktionen, die im Namen der Covidprävention über das ganze Land verteilt erlassen werden, gern ihre Heimat verlassen. Allein am 15. April, inmitten der dramatischen Abriegelung Schanghais, wurde das chinesische Wort für „Auswanderung“ bei dem Messengerdienst Wechat mehr als 71 Millionen Mal gesucht. Rund einen Monat später, am 17. Mai, waren es bereits mehr als 100 Millionen Suchanfragen.

Auch beim sozialen Netzwerk Weibo stieg die Zahl der gelesenen Beiträge zu dem Thema sprunghaft auf mehr als eine Million Mitte April. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, nach dem Wort „Auswanderung“ bei der chinesischen Suchmaschine Baidu oder bei Weibo zu suchen. Weibo weist darauf hin, dass das gesuchte Wort „sensible Informationen“ beinhalte.

Mehr Handelsblatt-Artikel zur chinesischen Coronapolitik

Die britische Agentur Henley & Partners, die Menschen beim Erwerben von Staatsbürgerschaften oder Aufenthaltsgenehmigungen durch Investitionen weltweit berät, hat seit dem harten Lockdown in Schanghai einen Anstieg von Anfragen durch chinesische Staatsbürger beobachtet. Wie das Unternehmen auf Nachfrage des Handelsblatts mitteilte, gab es im April und Mai im Durchschnitt jeweils 118 Prozent mehr Anfragen von chinesischen Staatsangehörigen als im Durchschnitt der ersten drei Monate des Jahres. Beliebtestes Ziel von auswanderungswilligen Chinesen ist demnach Portugal.

Auch Jack Zhang, der seit acht Jahren von Guangdong aus, dem Technologiezentrum im Süden Chinas, chinesische Staatsbürger bei der Auswanderung berät, hat einen sprunghaften Anstieg des Interesses beobachtet. Seit dem Lockdown im April erhielt er bis zu 20 Anfragen – pro Tag. Zuvor war es nur ein Bruchteil dessen.

Insgesamt, so schätzt Zhang, hat er seit dem Lockdown zwischen 300 und 400 Anfragen von chinesischen Staatsbürgern bekommen, die China verlassen wollen und darauf hoffen, mit seiner Hilfe einen ausländischen Pass oder eine Aufenthaltsgenehmigung eines anderen Landes zu erhalten. 70 Prozent davon kamen aus Schanghai. Er glaubt jedoch, dass nur fünf Prozent eine Auswanderung ernsthaft verfolgen. In letzter Zeit hätten sich die Anfragen wieder normalisiert, so Zhang.

Auf eine Nachfrage des Handelsblatts, ob auch an den deutschen Auslandsvertretungen in China seit der Abriegelung von Schanghai Anfang April mehr Visaanträge von chinesischen Staatsbürgern eingegangen sind, hieß es aus dem Auswärtigen Amt, dass die Zahl der Visaanträge chinesischer Staatsbürger bei den deutschen Vertretungen in China nicht in nennenswertem Maß angestiegen sei.

Ein Grund für die Zurückhaltung bei den Visaanträgen könnte sein, dass viele Menschen wegen der Lockdowns nicht ihre Wohnungen verlassen können und sie zudem sehen, dass eine Ausreise derzeit nahezu unmöglich ist.

Zahl der ausgegebenen Reisepässe ist verschwindend gering

Bereits vor der Pandemie war es aufgrund der strengen Bestimmungen nicht einfach für chinesische Staatsbürger, ein längerfristiges Visum in begehrten Zielen wie Europa oder den USA zu bekommen. Doch seit Ausbruch der Pandemie legen ihnen auch noch die chinesischen Behörden Steine in den Weg.

Seit Anfang 2020 stellen die Behörden fast keine neuen Reisepässe mehr aus. Laut offiziellen Angaben betrug die Anzahl ausgegebener Reisepässe im Jahr 2021 gerade mal zwei Prozent von der Menge im Gesamtjahr 2018, also vor der Krise. Bürger sind grundsätzlich angewiesen, nur noch in dringend notwendigen Fällen das Land zu verlassen.

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Ende März sorgte die Mitteilung einer Polizeibehörde in der Provinz Hunan für große Sorge in chinesischen sozialen Netzwerken. Sie hatte die Bürger aufgefordert, ihre Pässe zurückzugeben – sie bekämen sie „nach der Pandemie“ wieder ausgehändigt, hieß es. Die Publikation „Radio Freies Asien“ berichtete erst kürzlich, dass chinesische Staatsbürger bei der Rückkehr in ihr Heimatland befragt wurden, was sie im Ausland gemacht haben. Bei manchen wurde demnach offenbar sogar der Reisepass an Ort und Stelle ungültig gemacht.

Die chinesische Einwanderungsbehörde bezeichnete die Berichte als falsch – wiederholte jedoch gleichzeitig ihre Mahnung an die Bürger, nur in Ausnahmefällen das Land zu verlassen.

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