Großbritannien: Kommt nach dem Brexit nun der Aufschwung?
Der britische Ministerpräsident kann sich auf überraschend gute Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung berufen.
Foto: via REUTERSLondon. Rishi Sunak ist schlechte Nachrichten gewohnt. Sein erstes Amtsjahr war von zahlreichen Krisen gekennzeichnet – der aktuelle Skandal über baufällige Schulen in England ist dafür nur das jüngste Beispiel.
Dass der britische Premierminister am Mittwoch im Parlament dennoch kämpferisch auftreten konnte, hat er einem statistischen Wirtschaftswunder zu verdanken: Entgegen allen bisherigen Prognosen hat sich die britische Wirtschaft nach der Pandemie besser entwickelt als gedacht. „Wir hatten die schnellste Erholung von allen europäischen Volkswirtschaften nach Covid“, verkündete Sunak stolz.
Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ONS war die britische Wirtschaft bereits Ende 2021 0,6 Prozent größer als vor Ausbruch der Coronakrise. Bis Mitte August hatten die Statistiker noch geglaubt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Großbritanniens im fraglichen Zeitraum 1,2 Prozent unter dem Vorkrisenniveau lag.
Sie begründen ihre Korrektur vor allem damit, dass die britischen Unternehmen ihre Lagerbestände während der Pandemie weiter aufgestockt hätten, anstatt sie abzubauen. Die Wirtschaftsleistung sei dadurch weniger stark zurückgegangen als befürchtet.
„Das gesamte wirtschaftliche Narrativ (…) ist gerade revidiert worden“, sagte Simon French, Chefökonom bei der Investmentbank Panmure Gordon. Schlagzeilen, wonach Großbritannien abgeschlagen am Ende der Wachstumstabelle der sieben führenden Industrienationen (G7) liege, seien nun überholt.
Tatsächlich hat die britische Wirtschaft nach den neuen Zahlen die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie schneller überwunden als die deutsche. Nach jüngsten Prognosen deutscher Wirtschaftsinstitute wird die hiesige Wirtschaft in diesem Jahr noch stärker schrumpfen als erwartet.
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Sunak wird am Wochenende also mit neuem Selbstbewusstsein zum Gipfeltreffen der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) nach Neu-Delhi reisen. Innenpolitisch helfen ihm die neuen Wirtschaftsdaten jedoch kaum.
Viele Briten spüren die immer noch schwache wirtschaftliche Erholung nicht. Von einem Aufschwung ist Großbritannien ohnehin noch weit entfernt: Die Britische Handelskammer (BCC) rechnet bis 2025 mit Wachstumsraten von deutlich unter einem Prozent in Großbritannien, was praktisch einer wirtschaftlichen Stagnation gleichkäme.
Sunak verweist auf sinkende Inflationsrate
„Die gute Nachricht für die Regierung ist, dass sich die wirtschaftlichen Aussichten Großbritanniens zu Beginn eines entscheidenden Wahljahrs verbessern“, sagte Adam Corlett, Chefökonom der Londoner Denkfabrik Resolution Foundation, „die schlechte Nachricht ist, dass die Aussichten für den Lebensstandard immer noch düster sind.“
Insbesondere einkommensschwache Familien müssten angesichts weiterhin hoher Lebenshaltungskosten und Zinsen mit Einkommensverlusten rechnen, mahnte Corlett. So werde etwa die Hälfte der gestiegenen Hypothekenlasten von insgesamt 17 Milliarden Pfund (knapp 20 Milliarden Euro) durch die anstehenden Refinanzierungen erst in den kommenden Monaten bei den Bürgern ankommen.
Bei vielen Briten kommt die Erholung der Wirtschaft nicht an.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesSunak wies im Parlament darauf hin, dass die Energiekosten und auch die Inflationsrate rückläufig seien. Notenbank-Chef Andrew Bailey stellte am gleichen Tag ein Ende der Zinserhöhungen in Aussicht. „Ich denke, wir sind dem Zinsgipfel jetzt viel näher gekommen“, sagte der Notenbanker vor einem Finanzausschuss des Unterhauses.
Die Bank of England hat die Leitzinsen in 14 Schritten auf 5,25 Prozent erhöht. Eine weitere Steigerung bei der nächste Sitzung am 21. September erscheint nun unwahrscheinlich. Allerdings lag die Inflationsrate in Großbritannien zuletzt mit 6,8 Prozent immer noch deutlich über dem Zielwert der Notenbanker von zwei Prozent.
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Die stetigen Zinserhöhungen haben nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den britischen Unternehmen Spuren hinterlassen. Im August sank der Einkaufsmanagerindex für den Servicesektor und das verarbeitende Gewerbe deutlich unter die 50-Punkte-Marke, was auf eine Abschwächung der konjunkturellen Erholung hindeutet. „Die Dienstleister erlebten im August eine Trendwende bei den Ausgaben ihrer Kunden“, sagte Tim Moore, Ökonom bei der Ratingagentur S&P Global.
Briten spüren die wirtschaftlichen Folgen des Brexits noch immer
Er machte dafür die höheren Kreditkosten, das gedämpfte Vertrauen der Unternehmen und die angespannte Finanzlage der Haushalte verantwortlich. Das bekommt auch der Immobilienmarkt zu spüren, wo die Hauspreise nach übereinstimmenden Angaben der Bausparkassen Halifax und Nationwide mit einem Minus von rund fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr so stark fallen sind wie seit 2009 nicht mehr.
Adam Posen, Präsident des Peterson Institute for International Economics (PIIE) in Washington und ehemaliger Notenbanker in Großbritannien, weist zudem darauf hin, dass die Briten die wirtschaftlichen Folgen des Brexits noch lange nicht überwunden hätten: „Der Brexit hat nicht alle wirtschaftlichen Probleme Großbritanniens verursacht, aber er hat sie alle verschlimmert.“
Erstpublikation: 09.09.2023, 16:00 Uhr.